Klimareporter°: Frau Lemke, wie blicken Sie heute, fünf Jahre nach dem extremen Hochwasser, aufs Ahrtal?
Eveline Lemke: Es ist viel passiert, aber es muss auch noch viel passieren. Bislang wurden mehr als 3,7 Milliarden Euro an Aufbauhilfen bewilligt. Viele Menschen warten aber wegen bürokratischer Hürden immer noch auf das Geld.
Ein positiver Aspekt: Viele sind zum Helfen gekommen und bei uns im Ahrtal geblieben. Ich sehe überall, wie die Menschen um ihre Heimat ringen und sich wieder eine Zukunft aufbauen.
Es gab mehr als 180 Todesfälle zu betrauern, für Wochen lebte die Region im Ausnahmezustand. Mit Schäden von mindestens 40 Milliarden Euro war die Katastrophe das teuerste Extremwetterereignis in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Das Ausmaß bleibt schwer greifbar, trotz der Bilder, die um die Welt gingen.
Vor Ort mit Zeitzeugen zu sprechen ist wichtig, um zu begreifen, was dieser Ausnahmezustand bedeutete. Man muss sich vorstellen: Die Rathäuser im Hochwassergebiet waren zwar auf einen "Worst Case" vorbereitet – nur war dieses Szenario viel zu niedrig angesetzt.
Deshalb hat die Flut zum Beispiel auch Pläne von Gas-, Strom- und Abwasserleitungen vernichtet, viele Behörden mussten evakuiert werden. Das hatte verheerende Konsequenzen für die Bergungsarbeiten. Es war unklar, wo Gefahr bestand, wenn Bagger Schuttberge bewegten.
Wie geht man mit so einer Extremsituation um?
Oft hat es sich schizophren angefühlt. Wie schafft man es, emotional zu sein, mitfühlen zu können, trauern zu können und auf der anderen Seite anpacken zu können? Du brauchst in so einer Ausnahmesituation eigentlich beide Fähigkeiten.
Ich weiß, was es bedeutet, in einem Extremwetter ein Zuhause zu verlieren. Mein altes Haus ist 2007 im Sturmtief Kyrill zerstört worden. Es war eine traumatische Nacht, zurück nach Hause zu meinen Kindern zu gelangen.
Als ich nach der Flut ins Ahrtal kam, war sofort der Flashback da. Da habe ich beschlossen: Ich werde mich nicht nur meinen Tränen hingeben, das hilft ja nichts. Wir müssen etwas tun.
Wie erinnern Sie sich an die Tage nach dem 14. Juli 2021?
Viele Leute hier sind ganz anders und viel intensiver zusammengewachsen, das ist das, was wir mitnehmen. Persönliche Beziehungen zueinander, die bleiben stehen, egal was kommt.
Eveline Lemke
war von 2011 bis 2016 Ministerin für Wirtschaft, Klimaschutz, Energie und Landesplanung in Rheinland-Pfalz und damit die erste grüne Wirtschaftsministerin in einem deutschen Bundesland. Heute ist die gelernte Kauffrau Unternehmensberaterin mit dem Schwerpunkt Kreislaufwirtschaft. 2026 erschien ihr Bildband "Mit Sicherheit Ahrtal" über die Flut und die Folgen.
Die Solidarität aus ganz Deutschland war enorm. Mehr als 40.000 Menschen haben sich laut Schätzungen beim Wiederaufbau im Ahrtal ehrenamtlich engagiert und tun das weiterhin.
Absolut. In unserem Garten haben wir Pfadfinder ihre Jurten aufschlagen lassen und sie versorgt, damit sie im Tal helfen konnten. Die sind jeden Abend mit tollen Berichten und Erlebnissen zurückgekommen.
Allen war klar: Die Dringlichkeit ist so groß, da gibt's kein Vertun. Handeln, zack ran, pragmatisch – und nicht gleich jedes Mal die Frage stellen: Kommt das Geld auch wieder rein?
Viele Unternehmen haben auf eigene Faust Maschinen, Know-how und Materialien in die Region gebracht, bevor staatliche Hilfsleistungen eintrafen.
Ohne diese Hilfe wäre es nicht gegangen. Der örtliche Abfallwirtschaftsbetrieb hat schon nach wenigen Stunden an die höheren Behörden den Katastrophenfall gemeldet – dadurch kamen schnell Laster aus anderen Gemeinden und private Unternehmen zur Hilfe. Die 1,25 Millionen Tonnen ölverseuchten Sperrmüll, Elektroschrott, Bauschutt hätten sie nicht allein bewegen können.
Für Betriebe im Tal war auch die Frage relevant: Für wie lange kannst du dir erlauben, den regulären Betrieb zu stoppen? Wann musst du deine Leute zurückholen? Wie erreichst du die überhaupt?
Es war ja nicht klar, dass deine Mitarbeiter einen trockenen Schlafplatz hatten. Es gab ja keinen Strom, kein Internet, nichts.
In Ihrem Bildband, den Sie zum Jahrestag der Flut herausgegeben haben, schreiben Sie: "Am Rande des Chaos entsteht ein Raum für Innovation." Wo haben Sie das erlebt?
An vielen Orten! Ich denke da an die beschriebene Situation mit den verlorenen Bauplänen der Kommunen. Es war das totale Chaos.
Aber eine Gruppe von Ingenieuren hatte noch Daten auf eigenen Servern liegen, weil sie früher öffentliche Infrastruktur geplant hatten. Zusammen haben sie spontan die Genossenschaft Inframeta gegründet und bauten einen Wissenspool auf, der gleichzeitig mehr Chancen für kleine Ingenieurbüros bei der Vergabe von Aufträgen bietet.
Es ist ihr Anliegen, zur Verfügung zu stellen, was die Steuerzahler schon einmal bezahlt haben. Das ist fantastisch – und nur ein Beispiel von vielen.
Die Wiedereröffnung der Ahrtalbahn ist ein weiteres Beispiel dafür, wie eine Katastrophe zu einer positiven Entwicklung führen kann: Die Bahn fährt jetzt voll elektrisch und – anders als vor der Flut – im 20-Minuten-Takt.
Ja, das ist wirklich ein großer Schritt für die Mobilitätswende und auch für den Tourismus, der sich erneuert. Die Pläne für einen attraktiveren ÖPNV lagen längst bereit, aber in meiner Zeit als Wirtschaftsministerin für die Grünen konnte ich da nicht viel bewegen, das muss man auch zugeben.
Die Entscheidung, die alte Bahn abzureißen und 590 Millionen Euro für eine klimafreundliche Strecke mit barrierefreien Zugängen und E‑Lade-Infrastruktur an jedem Bahnhof auszugeben, wäre niemals durchgegangen.
Studien zeigen, dass auch Menschen in den betroffenen Kommunen heute nicht unbedingt für eine ehrgeizigere Klimapolitik stimmen – wie erleben Sie das vor Ort?
Das Ahrtal ist natürlich eine tief konservative Region geblieben. Aber wir haben ein Erlebnis geteilt, das keiner vergisst.
Es sind eine Million Liter Heizöl aus den vorwiegend privaten Heizöltanks ausgelaufen. Das heißt, direkt nach dem Hochwasser hing ein Geruch wie von einem Chemiewerk über dem Tal, es stank tagelang nach Öl und Gas.
... was die Einstellung zu fossilen Brennstoffen verändert hat?
Fragt man die Leute, was ihnen wichtig ist, sagen sie: Wenn das Wasser wiederkommt, will ich nicht, dass mein Haus wieder von Ölschlamm verseucht wird. Es ist allen hier klar: Eine Ölheizung ist keine Option. Viele Haushalte haben Wärmepumpen eingebaut oder sich an unsere neuen Nahwärmenetze angeschlossen. Das ist einzigartig in Deutschland.
Wir haben keine dogmatische Debatte an der Stelle, sondern alle haben das in der Flut einfach kapiert.
Sie engagieren sich im neuen Forschungsnetzwerk KAHR, das Fachleute aus den Bereichen Klimaanpassung, Hydrologie, Ingenieurwesen und Sozialwissenschaften zusammenbringt. Wie gut sind wir für die nächste Katastrophe vorbereitet?
Die Leute kennen sich noch, die Netzwerke sitzen noch zusammen, ein nächstes Mal wäre viel schneller vorbereitet. Es gibt auch bessere Einsatzpläne, aktualisierte Überflutungskarten, die Aufmerksamkeit aller Akteure im System ist immer noch scharfgeschaltet.
Aber der Elefant im Raum ist ganz klar: Wann wird die Region wieder von einem Hochwasser der Dimension aus dem Jahr 2021 getroffen? Aktuell wären wir für eine solche Flut nicht gewappnet.
Was wäre dafür nötig?
Die Idee eines sogenannten überörtlichen Hochwasserschutzes, ein System mit insgesamt 18 neuen Dämmen, liegt als Skizze vor. Der politische Wille, Klimaanpassung umzusetzen und die Finanzierung für solche Maßnahmen zu beschließen, fehlt aber.
Gerade war ich auf einer Konferenz in der Nähe von Valencia, wo ich Bilder aus dem Ahrtal gezeigt habe. Von Teilnehmenden aus Spanien, aber auch Südasien kamen die Kommentare: 'Oh, this is Germany?'
Diese Extremwetter sind überall auf der Welt Realität. Und sie werden zunehmen.
Was sollten wir also tun?
Die Erinnerung an die Katastrophe auf unterschiedlichsten Kanälen wachzuhalten, ist, glaube ich, das direkteste Mittel der Wahl. Ich führe viele Gruppen durch das Tal: Schulklassen, Politik, Betroffene aus anderen Hochwasserregionen.
Aus der Katastrophenforschung wissen wir, dass kollektive Erinnerung die Resilienz einer Gesellschaft stärkt. Wer sich mit den aktuellen Katastrophen beschäftigt, kann sich besser vorbereiten, im Ernstfall schneller Entscheidungen treffen.
Und wir müssen unsere Prioritäten anpassen. Es braucht mehr Klimaschutz. Sonst wird das zur ständigen Disziplin. Leben retten – aufbauen. Leben retten – aufbauen.
