Manchmal ist Klimaschutz einfache Mathematik. Um das Klimaziel für 2030 noch zu erreichen, muss Deutschland nun jedes Jahr 42 Millionen Tonnen CO2 einsparen, rechnete Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), kürzlich vor.
Die Zahl ist leicht nachzuvollziehen. 2025 emittierte Deutschland knapp 649 Millionen Tonnen CO2 – 2030 dürfen es nur noch 438 Millionen Tonnen sein, soll das Versprechen eingehalten werden, die Treibhausgas-Last bis 2030 um 65 Prozent gegenüber 1990 verringern. Dabei werden alle Treibhausgase berücksichtigt, umgerechnet in CO2-Äquivalente.
Von Anfang 2026 bis Ende 2030 sind also noch rund 211 Millionen Tonnen CO2 einzusparen. Geteilt durch fünf Jahresscheiben ergibt das die Messnersche Zahl.
Wer sich 42 Millionen Tonnen Treibhausgase nicht vorstellen kann: Hierzulande stoßen die Landwirtschaft oder die Stahlindustrie oder entwässerte Moore jedes Jahr jeweils um die 50 Millionen Tonnen CO2 aus.
Da weder Landwirtschaft noch Stahlbranche abgeschafft werden sollen und die Wiedervernässung der Moore stockt, muss der Klimaschutz vorerst andere Wege finden. Klar ist aber: Um die 65-Prozent-Einsparung noch irgendwie zu wuppen, werden echte Klima-Brocken gesucht.
Mit einer Förderung hier und einer Vorschrift da wird das neue Klimaschutzprogramm, das der Umweltminister Mitte kommender Woche vorlegen will, die Klimaziele nicht erfüllen können.
Das Reizwort vom Kohleausstieg
Der größte Klima-Brocken spielt derzeit politisch so gut wie keine Rolle: ein gesamtdeutscher Kohleausstieg bis 2030. Dabei emittierten die deutschen Kohlekraftwerke – Braun- und Steinkohle zusammen – zuletzt fast 100 Millionen Tonnen CO2 jährlich.
Mit einem konsequenten Kohleausstieg wäre also bis 2030 ein Gutteil des Weges zu schaffen, auch wenn einzurechnen ist, dass ein Teil des Kohlestroms nur durch ebenso fossilen Strom aus Gaskraftwerken ersetzt würde.
Das Umweltbundesamt hat die Forderung nicht beiseite gelegt. Um die Klimaziele des Paris-Abkommens zu erreichen, sei ein Ausstieg aus der Kohleverstromung bis 2030 anzustreben, ist in einem UBA-Positionspapier aus dem Dezember letzten Jahres zu lesen.
Es trägt einen nahezu visionären Titel: "Bis 2040 Treibhausgase um mindestens 90 Prozent mindern: So kann es gehen!"
Politikerinnen und Politiker, die das Reizwort Kohleausstieg vermeiden wollen, betonen dafür immer, sie hielten am Ziel fest, den Anteil der Erneuerbaren am Stromverbrauch bis 2030 auf 80 Prozent zu erhöhen. Dieser Anteil stagnierte letztes Jahr bei rund 56 Prozent.
Auch das noch geltende Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) verlangt den 80-Prozent-Anteil für 2030, und Prognosen zufolge soll das eine ähnliche Wirkung haben wie ein verordneter Kohleausstieg – nur dass der Ökostrom den fossilen dann marktwirtschaftlich verdrängt.
Das hängt allerdings von weiteren Faktoren ab wie dem Gaspreis oder dem CO2-Preis im Emissionshandel, den einige EU-Länder gerade abschwächen wollen.
Der Strom ist noch zu unsauber
Auch ist es mit einem Hochlauf auf 80 Prozent erneuerbaren Strom allein nicht getan. Nur ein ambitionierter Ausbaupfad, wie im EEG vorgegeben, ermögliche es, die Sektoren Gebäude, Verkehr und Industrie mit ausreichend treibhausgasneutralem Strom zu versorgen, schreibt das UBA dazu in seinem Papier.
Gemeint ist hiermit die sogenannte Sektorkopplung. Bisher genutzte fossile Energie in Verkehr, Gebäuden und Industrie wird dabei durch Strom ersetzt. Das dient dem Klimaschutz vor allem dann, wenn der Strom selbst mit wenig Emissionen belastet, also möglichst "sauber" ist.
In der deutschen CO2-Bilanz zählt dabei nicht so sehr, ob jemand privat Ökostrom für seine Wärmepumpe einsetzt oder sein E‑Auto vom eigenen Solardach lädt. Wie "sauber" Strom im klimapolitischen Sinne ist, bemisst sich am sogenannten Emissionsfaktor.
Um eine Kilowattstunde bereitzustellen, verursachte die deutsche Stromerzeugung 2024 im Schnitt noch rund 360 Gramm CO2. Stiege der Erneuerbaren-Anteil auf die 80 Prozent, könnte der Emissionsfaktor laut Prognosen auf 100 Gramm pro Kilowattstunde sinken oder sogar noch darunter.
Je "sauberer" der Strom ist, desto größer ist dann auch seine Klimawirkung in der Sektorkopplung.
Ein Beispiel: 2025 sparten in Deutschland nach Branchenangaben 1,7 Millionen Wärmepumpen rund 3,4 Millionen Tonnen CO2 ein. Das ist sicher nicht schlecht, würde sich aber quasi automatisch um ein Mehrfaches erhöhen, läge der Emissionsfaktor des Stroms nicht im Bereich von 360, sondern bei nur 100 Gramm CO2.
Mehr "E" in Gebäuden, Verkehr und Industrie
Und auf einen richtig großen Brocken würde die Klimawirkung wachsen, wenn zugleich die Zahl der Wärmepumpen schnell zulegte. Deren Zahl müsste 2030 bei sechs Millionen liegen, um das 2030er Klimaziel zu erreichen, besagen Prognosen.
Bei Elektroautos sieht es ähnlich aus. Statt wie aktuell zwei Millionen müssten 2030 fürs Klimaziel E‑Autos im zweistelligen Millionenbereich auf den Straßen unterwegs sein.
Wer so viel elektrifizieren will, braucht wiederum möglichst viel Strom. Gerade hier gehen die Prognosen weit auseinander. Einige Studien sagen für 2030 einen Gesamtverbrauch von 600 Milliarden Kilowattstunden voraus, andere von 700 Milliarden.
Man muss kein Mathegenie sein, um zu sehen, dass aus klimapolitischer Sicht zwei Dinge zusammengehören: ein möglichst hoher Anteil erneuerbaren Stroms – die 80 Prozent für 2030 sind eher als Mindestanteil zu sehen – sowie ein möglichst hoher Stromeinsatz in Gebäuden, Verkehr und Industrie. Und da sind 80 Prozent von 700 Milliarden deutlich mehr als von 600 Milliarden Kilowattstunden.
UBA-Präsident Messner und andere sprechen hier gern von einem exponentiellen Wachstum, das nötig ist, um die Klimaziele zu erreichen. Tatsächlich kann erst so ein wirklicher großer Brocken bei der CO2-Einsparung zusammenkommen.
Das UBA beschreibt in seinem Papier die Sache etwas nüchterner: "Ohne eine ausreichende Versorgung mit erneuerbarem Strom kommt es entweder zu hohen Stromimporten bis 2030 und Emissionen werden ins EU-Ausland verlagert, oder die Klimaschutzziele des Klimaschutzgesetzes können nicht erreicht werden."
Und zum Schluss: das Wetter
Natürlich gibt es fürs Erreichen der Klimaziele noch weitere Bedingungen. So dürfen Faktoren wie steigende Wohnflächen die Klimaeffekte im Gebäudebereich nicht wie bisher kompensieren. Im Verkehr konterkariert, die Coronazeit ausgenommen, schon immer das Wachstum die Klima-Bemühungen.
Neben den großen gibt es noch jede Menge kleinerer Brocken, die aber oft viel stärker im öffentlichen Interesse stehen. Dazu gehört das Tempolimit. Das könnte zwölf Millionen Tonnen CO2 einsparen, würde Tempo 100 auf Autobahnen und 80 auf Landstraßen gelten, hat das UBA ausgerechnet.
Ähnlich klimawirksam wäre es, den Preis für das Deutschlandticket wieder auf 49 Euro im Monat zu senken. Das zeigt ein aktuelles Gutachten im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe. Von 2023 bis 2030 hätten mit dem 49-Euro-Preis zusätzlich 18 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden können – im Vergleich zu einem Ticket mit steigendem Preis –, argumentiert die Umweltorganisation.
Auch wenn große und kleine Brocken zusammenkämen – die 65-Prozent-Minderung bis 2030 noch zu erreichen, wird eine knappe Sache.
Zu guter Letzt könnte auch die Witterung eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen bei der Klimaziel-Abrechnung. Denn ob ein Jahr milder oder kälter ist, kann am Ende eine Differenz von mehreren Millionen Tonnen CO2 ausmachen, die allein von den Heizungen in privaten Haushalten verursacht werden.
Wird 2030 recht warm, könnte der Klimawandel am Ende selbst ein wenig dabei helfen, das Klimaziel zu erfüllen. Das ist doch mal eine gute Nachricht in diesen Zeiten.
Der Emissionsfaktor von rund 360 Gramm CO2 je Kilowattstunde gilt für das Jahr 2024, nicht 2025. Die Jahreszahl wurde entsprechend geändert.

"Um eine Kilowattstunde bereitzustellen, verursachte die deutsche Stromerzeugung 2025 im Schnitt noch rund 360 Gramm CO2"
Liegt denn die offizielle Berechnung des Emissionsfaktors Strom für 2025 schon vor?
Auf der Seite des UBA sind m. W. nur Werte bis einschließlich 2024 veröffentlicht worden.
Pro Kilowattstunde des in Deutschland verbrauchten Stroms wurden im Jahr 2025 bei der Erzeugung durchschnittlich 344 Gramm CO2 ausgestoßen. 2024 lag dieser Wert bei 353 und 2023 bei 379 Gramm pro Kilowattstunde. ↘️
Hauptursachen für die sinkenden Emissionen sind der steigende Anteil erneuerbarer Energien ☀️, der gesunkene #Stromverbrauch infolge der wirtschaftlichen Stagnation und dass mehr Strom importiert als exportiert wurde.
Hier noch der Link zur Veröffentlichung: https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/entwicklung-der-spezifischen-treibhausgas-0
vielen Dank für die Info und den Link zur UBA-Veröffentlichung.
Interessant, dass der spezifischen Kohlendioxid -Emissionsfaktor für 2024 aufgrund "vorläufiger Daten" errechnet wurde und der für 2025 nur "geschätzt" ist. Diese Daten sind immer noch vorläufig.
Die im "Anhang 3: Emissionsfaktoren entsprechend ZSE" dokumentierten spez. Emissionsfaktoren basieren - wenn ich den Zusatz unterhalb der Tabelle richtig interpretiere - auf Daten für Jahr 2024.
Gerade für Erdgas, das ja vermehrt in Form von US Fracking-LNG importiert wird, würde ich aktuell eine Steigerung des spez. Emissionsfaktors erwarten.
In diesem Gutachten wird ein hoher Einsparungsanteil benannt der vermeintlich durch das abgesengte Tempo auf Öffis oder sogar aufs Fahrrad umsteigen würden.
Das ist nicht nur naiv sondern töricht, denn keinen den ich kenne, mich eingeschlossen würde umsteigen.
Man würde sich dann an diese Geschwindigkeit halten aber trotzdem fahren.
Auch die Vermutung Autos würden kleiner werden ist illusorisch im Gegenteil es wird das passieren was in allen Ländernit geringem Tempolimit passiert.
Die Fahrzeuggrößewird XXL.
Als in den 70ern in den USA die 55 mph/88km/h eineführt wurden begann der Siegeszug der Pickups mit sehr großen Motoren
Das würde hier auch kommen, wenn auch nicht bei Pickups so doch AMG und G. Klasse