Stadtkulisse mit neuen mehrstöckigen Gebäuden, Straße, Straßenschildern, Bäumen und Baukran.
In Berlin wird viel gebaut. Das Stadtgrün und seine Erhaltung wurden in den zurückliegenden Jahren vernachlässigt. (Bild: Achim Scholty/​Pixabay)

Berlin – du hast es gut. Theoretisch. Die Hauptstadt soll lebenswert bleiben, auch wenn die Klimakrise stärker zuschlägt.

Dank eines Klimaanpassungsgesetzes, das im vorigen Herbst verabschiedet wurde. Und vor allem dank der Pflanzung von mindestens 300.000 neuen Straßenbäumen im Stadtgebiet, die darin geregelt ist. So etwas plant keine andere deutsche Stadt.

Doch nun das: Es wachsen die Zweifel, ob die Stadtregierung das Projekt mit dem nötigen Nachdruck verfolgt. Der Verein Baum-Entscheid, ohne dessen Volksbegehren es das Gesetz nicht gegeben hätte, spricht nach einem halben Jahr von einem "Fehlstart".

Nicht, weil in Berlin über Nacht noch kein Wald aus dem Asphalt gewachsen ist. Sondern weil offenbar das Nötigste fehlt: freigegebene Mittel, zusätzliche Stellen, Fachberatung.

Das klingt nach Verwaltungskram. Ist es aber nicht. Wer bis 2040 Hunderttausende zusätzliche Bäume in die Stadt bringen will, muss jetzt damit anfangen: etwa mögliche Pflanzorte identifizieren, teils Parkplätze umwidmen, Pflege sichern.

Ein Straßenbaum ist kein Deko-Element aus dem Gartencenter. Er braucht Platz, Boden, Wasser – und Jahre, bis er Schatten spendet. In Hitzesommern und ihren Tropennächten ist das Daseinsvorsorge.

Kann Berlin nur Großprojekte?

Natürlich hat die Umweltverwaltung recht: Berlin zukunftsfest zu machen, ist eine Jahrhundertaufgabe. Genau deshalb darf daraus aber kein Jahrhundertverfahren werden.

Gründlichkeit ist wichtig. Doch Gründlichkeit ohne Tempo wird in der Klimaanpassung schnell zur Ausrede.

Das Gesetz setzt Fristen. Bis zum 21. Mai sollte unter anderem die Baumschutzverordnung reformiert und die Arbeitsfähigkeit neuer Strukturen gesichert sein. Wer den Start verbummelt, holt verlorene Zeit später kaum wieder auf.

Rund 3,2 Milliarden Euro bis 2040 sind für das Projekt veranschlagt. Viel Geld. Aber auch die Alternative ist nicht gratis: aufgeheizte Kieze, überlastete Kliniken bei Hitzewellen, verdorrtes Stadtgrün, teure Reparaturpolitik. 

Joachim Wille ist Co-Chefredakteur des Online-Magazins Klimareporter°.

Berlin diskutiert gern über Großprojekte, wenn es um Schnellstraßen, Tunnel oder neue Quartiere geht. Bei Bäumen fehlt der Ehrgeiz offenbar.

Dabei geht es nicht um Stadtromantik. Bäume kühlen, filtern Luft, speichern Wasser, machen das Leben erträglicher. Sie sind die beste Klimaanlage der Stadt – allerdings eine, die man nicht erst bestellt, wenn die nächste Hitzewelle droht.

Berlin hat ein bemerkenswertes Gesetz beschlossen. Nun muss der Senat beweisen, dass es mehr ist als ein Herbarium schöner Pläne.