Der größte künstliche See Deutschlands ist derzeit nördlich von Cottbus zu finden. Der Ostsee hat fast 19 Quadratkilometer Wasserfläche. Um das Riesenloch des ehemaligen Braunkohletagebaus Cottbus-Nord zu füllen, wurden bisher mehr als 170 Millionen Kubikmeter Wasser eingeleitet – zu fast neun Zehnteln Oberflächenwasser aus der Spree sowie zu einem Zehntel Grundwasser.
Die Namensgleichheit mit dem Baltischen Meer täuscht. Der Ostsee ist vergleichsweise eine flache Pfütze, meist nicht mehr als zwei, drei Meter tief. Deswegen verdunstet viel von dem Wasser wieder. Auch versickert weiter Nass im sandigen Untergrund.
Dem Ostsee muss also weiter Wasser zugeführt werden, um irgendwann das endgültige Volumen von 256 Millionen Kubikmetern zu erreichen. In fernerer Zukunft allerdings droht der Ostsee seinen Spitzenplatz zu verlieren: an den Pereser See südlich von Leipzig.
Den gibt es bislang nur virtuell. Auf der Fläche schaufelt derzeit noch der Tagebau Vereinigtes Schleenhain Braunkohle aus dem Boden, laut dem Betreiber Mibrag jährlich bis zu elf Millionen Tonnen.
Für den Tagebau soll 2035 Schluss sein, wenn der Hauptabnehmer, das Braunkohlekraftwerk Lippendorf, entsprechend dem Kohleausstiegsgesetz vom Netz geht.
Der Pereser See soll zwar nur zwölf Quadratkilometer groß, aber mit bis zu 80 Metern deutlich tiefer werden als der Cottbuser Ostsee. Im kommenden Jahrzehnt soll damit vor den Toren Leipzigs ein Mega-See mit einem Volumen von bis zu 430 Millionen Kubikmetern entstehen.
Für die Restlöcher des Tagebaus Schleenhain ist sogar noch ein zweiter künstlicher See nötig, der Groitzscher See, dieser aber "nur" mit 4,3 Quadratkilometern Fläche.
Postfossile Vision vom Nachhaltigkeits-Reißbrett
Wie in der Lausitz hegt die Politik auch im Leipziger Raum hochfliegende Pläne für die Zeit nach der Braunkohle. Der Landkreis Leipzig, in dem der Tagebau Schleenhain liegt, ließ dazu einen Masterplan erarbeiten.
Dieser malt auf fast 100 Seiten eine mustergültige Vision aus: eine Seenlandschaft mit Stegen und Marinas, Wohnen am und auf dem Wasser, grüner Tourismus, Biolandwirtschaft, Fernradwege, Photovoltaik auf den großen Seen und auf den Äckern – kurz gesagt: Nachhaltigkeit im postfossilen Zeitalter.
Der Braunkohleförderer Mibrag schafft hier unter dem Schlagwort "Kohleregionen müssen Energieregionen bleiben" bereits Fakten und nutzt dazu – wie die Leag in der Lausitz – ehemalige Tagebauflächen, für die sie noch bergrechtlich zuständig ist und bei denen die Kommunen wenig zu sagen haben. Auf Schleenhainer Rekultivierungsflächen stehen so bereits Solar- und Windparks oder sind geplant.
Die Leag ihrerseits übernahm Ende 2025 den zweiten Block des Kraftwerks Lippendorf von EnBW. Der baden-württembergische Energiekonzern hatte schon 2019 begonnen, den Block zeitweise vom Netz zu nehmen – wegen mangelnder Nachfrage im Sommer und sinkenden Strompreisen im Großhandel. Der Verkauf an die Leag, die den anderen Lippendorfer Block besitzt, war da nur eine Frage der Zeit.
Der Eigentümer von Leag und Mibrag, der EPH-Konzern des tschechischen Milliardärs Daniel Křetínský, wird damit nach dem Lausitzer nun auch im mitteldeutschen Revier endgültig zum entscheidenden energiepolitischen Player. Aus Sicht der EPH folgt ihr Vorgehen im Leipziger Revier der Lausitzer Blaupause. Dennoch unterscheiden sich die Bedingungen in beiden Revieren.
Das beginnt damit, dass die Leag neben Tagebauen auch Kraftwerke in ihrem Portfolio hat und damit jährlich einen Milliardenumsatz erzielt. Die Mibrag hingegen lebt im Wesentlichen nur von der Braunkohle und hat – die letzte bekannte Zahl dazu stammt von 2021 – einen Umsatz zwischen 300 und 400 Millionen Euro.
Kosten der Wiedernutzbarmachung im dreistelligen Millionenbereich
Wie viel davon für die Braunkohlesanierung zurückgelegt wird, ist bei der Mibrag genauso wenig bekannt wie bei der Leag. In der Ende 2021 aktualisierten Vorsorgevereinbarung zwischen der sächsischen Staatsregierung und der Mibrag für den Tagebau Schleenhain sind die dazu interessierenden Zahlenangaben allesamt geschwärzt.
Das ist nicht zufällig so. In Deutschland gibt es keine kohlefreundlichere Landesregierung als die sächsische. Seit Jahren anhaltende Bemühungen von Politikern und Medien, Licht ins Dunkel der sächsischen Braunkohlesanierung zu bringen, verliefen bei der Staatsregierung bisher buchstäblich im Sande.
Die Aufwendungen für die sogenannte Wiedernutzbarmachung des Tagebaus Schleenhain hängen nach Angaben des zuständigen Sächsischen Oberbergamts von verschiedenen Faktoren und Entscheidungen ab und bewegen sich danach im dreistelligen Millionenbereich, wie eine Nachfrage ergab.
Wie hoch das von der Mibrag aufgebaute Zweckvermögen zur Erfüllung der rechtlichen Pflicht zur Wiedernutzbarmachung aktuell ist, hat das Oberbergamt bisher nicht preisgegeben. Die Behörde begründet das mit dem Schutz von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen.
Die politische Schonung der Bergbaubetreiber in Deutschland ist beispiellos. Nicht ohne Grund hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) kürzlich Strafanzeige gegen die Mibrag bei der Staatsanwaltschaft Halle eingereicht.
Nach Einschätzung der Umweltorganisation weist der Lagebericht des Konzerns erhebliche Mängel auf. So fehlten wesentliche Informationen über sogenannte nicht-finanzielle Leistungsindikatoren. Methan-Emissionen aus den Tagebauen blieben unerwähnt und zurechenbare CO2-Emissionen würden nicht ausgewiesen, kritisiert die Umwelthilfe. Ökologische und finanzielle Risiken in Bezug auf Landnutzung und Wasserverbrauch fehlten im Bericht komplett.
Angesichts der fehlenden Berichterstattung zu den Auswirkungen der Bergbautätigkeit, so die DUH weiter, seien die Angaben zu finanziellen Risiken nicht nachvollziehbar, die sich mit Blick auf das auslaufende Geschäftsmodell des Kohleabbaus aus der gesetzlichen Pflicht zur Rekultivierung des Braunkohlereviers ergeben.
Die Nutzbarmachung des Cottbuser Ostsees in der Lausitz soll die Leag um die 300 Millionen Euro kosten. Ob das Mega-Seenpaar aus Pereser und Groitzscher See preiswerter wird, darf zu Recht bezweifelt werden.
Die ab 2035 fälligen Sanierungsleistungen werden deutlich teurer sein als ein Jahrzehnt zuvor, nicht nur wegen der Inflation.
Klimawandel gräbt dem Flutungskonzept das Wasser ab
Eine weitere Ursache sind sich verschlechternde natürliche Voraussetzungen. Seit der Jahrtausendwende hat Deutschland aufgrund der Klimakrise eine Wassermenge von 2,5 Milliarden Kubikmetern verloren. Das ist mehr als das Volumen des Bodensees – und mehr als die dreifache Wassermenge, die nach heutigem Stand nötig sein soll, um den Pereser und den Groitzscher Sees zu füllen.
Der kleinere Groitzscher See kann dabei noch hoffen, mit Sümpfungswasser aus dem laufenden Tagebau Schleenhain gefüllt zu werden. Für den Pereser See wird diese Möglichkeit wegfallen.
Deswegen komme zum Füllen des Pereser Sees, heißt es nachvollziehbar im Masterplan des Landkreises, nur eine Wasserüberleitung aus der Mulde infrage. Andere Konzepte nennen andere Flüsse in der Region wie die Pleiße als Wasserlieferanten. Ob diese Vorstellungen eine reale Grundlage haben, ist völlig unklar.
Das gesamte Wasserdefizit im mitteldeutschen Raum bezifferte das sächsische Umweltministerium im Oktober 2023 auf etwa drei Milliarden Kubikmeter. Für die wasserhaushaltliche Sanierung der Tagebaulandschaften des Sanierungsbergbaus sowie des noch aktiven Bergbaus von Leag und Mibrag veranschlagt das Ministerium einen Zeitraum von mindestens 50 Jahren.
In der Lausitz sorgte dabei eine hartnäckig geführte, wenn auch teilweise kohlelobbyistisch gefärbte Debatte in den letzten Jahren dafür, dass die Wasserprobleme der Region am Ende sogar den Bundestag beschäftigten.
Zurzeit wird an Studien zur Wasserüberleitung aus der Elbe, zur Nutzung der Seen als Wasserspeicher sowie zu einem Grundwassermodell der Lausitz gearbeitet. Ergebnisse sollen wohl bis 2027 vorliegen.
Großteil der Sanierungskosten bleibt bei der öffentlichen Hand
Ein solches längerfristiges Angehen der regionalen Wasserprobleme im Zuge des Braunkohleausstiegs ist im mitteldeutschen Revier nicht zu erkennen.
So kann der betroffene Landkreis Leipzig die Kosten, die sich aus der Wiederherstellung der Landschaft ergeben, bisher nicht beziffern und zieht sich auf die Position zurück, bei noch aktiven Tagebauen wie Schleenhain habe der Bergbautreiber die Sanierung aus den Rücklagen zu bestreiten.
Unbestritten ist zugleich: Die Sanierungs-Rückstellungen der Mibrag werden nicht ausreichen, um die Schleenhainer Region zukunftsfähig zu gestalten. Die größte Herausforderung ergebe sich daraus, dass die finanziellen Verpflichtungen über die Wiedernutzbarmachungs-Verpflichung hinaus nicht geklärt sind, erläutert Henry Graichen, Landrat des Landkreises Leipzig, im erwähnten Masterplan.
Einfach gesagt: Für wie viel "Wiedernutzbarmachung" die Mibrag-Rückstellungen überhaupt ausreichen werden, weiß heute niemand.
Wer Erfahrungen aus der Lausitz und aus dem Rheinland ernst nimmt, muss nicht nur eine Dauer von etwa 80 Jahren für die Schaffung einer zukunftsfähigen Landschaft veranschlagen. Auch zeichnen sich sogenannte Ewigkeitslasten ab, etwa ein langfristig nötiges Abpumpen von Grundwasser, um nicht die Standfestigkeit oberirdischer Bauten zu gefährden.
Angesichts dessen wird die öffentliche Hand ohnehin die meisten Kosten zu tragen haben. Wenn dem so ist, geht es künftig im Grunde nur darum, von den Tagebaubetreibern eine möglichst große Summe zu sichern und diese aber unter öffentliche Kontrolle zu stellen.
Dieser Grundidee folgt der Vorschlag der bündnisgrünen Landtagsfraktionen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg zur Gründung einer Stiftung zur Finanzierung der Wiedernutzbarmachung und der Ewigkeitslasten des Braunkohlenabbaus in Ostdeutschland.
Der Vorschlag wurde 2023 in die politische Debatte gebracht, spielte aber in den zuständigen grün geführten Bundesministerien der Ampel-Regierung keine Rolle, obwohl im Koalitionsvertrag formuliert war: "Geprüft wird die Errichtung einer Stiftung oder Gesellschaft, die den Rückbau der Kohleverstromung und die Renaturierung organisiert." Diese öffentliche Vorsorge erscheint besonders notwendig, wenn der Kohleausstieg früher kommt.
Dabei ist das Fehlen alternativer Vorschläge zum "Flutungs"-Konzept der Tagebaubetreiber in den Ost-Kohlerevieren nicht nur eine Zeitfrage. Es ist auch ein inhaltlicher Mangel zu beklagen.
So ist das Konzept "Auffüllung statt Flutung" bisher nicht wirklich durchgerechnet worden. Eine Reduktion der mit Wasser aufzufüllenden Restlochgrößen würde das bergbaubedingte Wasserdefizit erheblich verringern, wovon auch andere Wassernutzer wie Landwirtschaft und Industrie profitieren könnten, betont die Hydrogeologin Irina Engelhardt von der TU Berlin.
Was spräche zum Beispiel dagegen, ehemalige Tagebauflächen zu Hotspots der Biodiversität zu entwickeln, zu Produzenten CO2-bindender Biomasse. Was ist mit Wildnisgebieten, die künftig zehn Prozent der Fläche einnehmen sollen und für die es auch Fördergelder gibt?
Solche Ideen sollten zumindest diskutiert werden – umso mehr, als die bisherigen Transformationskonzepte für die Ex-Tagebaue erkennbar auf Sand gebaut sind. Bisher steht der Pereser Mega-See weitgehend ohne Wasser und Geld da.

Statt Wasser warum nicht eine riesige PV Anlage. Die Flaechen sind ja da, auch ein paar Windturbinen stoeren da nicht. RWE macht das ja vor mit seinen Braunkohlenbrachen im Rheinischen Revier.