Die Industrie rettet die Emissionsbilanz für 2025. (Bild: Ralf Grömminger/​BWE)

Anfang dieses Jahres hatte – wie gewohnt – der Thinktank Agora Energiewende eine vorläufige Klimabilanz für 2025 vorgelegt. Diese wies aus, dass die CO2-Emissionen gegenüber 2024 nur um neun Millionen Tonnen zurückgegangen sind.

Das Jahresminus resultierte laut dem Thinktank allerdings vor allem daraus, dass die Industrie 2025 gesamt elf Millionen Tonnen weniger emittierte.

Das Muster findet sich in der offiziellen Klimabilanz für 2025 wieder. Die legte das Bundesumweltministerium am heutigen Samstag vor.

Allerdings zeigt sich gegenüber der Bilanz des Thinktanks die Lage deutlich dramatischer: 2025 sank laut der offiziellen Statistik der Ausstoß an Treibhausgasen gegenüber 2024 um nur 0,9 Millionen Tonnen CO2 oder 0,1 Prozent, gemessen stets in CO2-Äquivalenten.

Und ohne die Industrie hätte es nicht einmal die schwarze Null in der CO2-Bilanz gegeben. Deren Emissionen gingen aufgrund der schwachen Konjunktur 2025 um 5,6 Millionen Tonnen zurück.

"Das ist nicht der Klimaschutz, den ich möchte", kommentierte Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) am Samstag die von ihm vorgelegten Zahlen. Er wolle vielmehr eine starke Industrie mit modernen klimafreundlichen Technologien.

Die Fortschritte beim Klimaschutz seien zu klein, merkte der Minister weiter an. 2025 sei ein relativ windarmes Jahr gewesen, sodass Gaskraftwerke stärker einspringen mussten, erläuterte Schneider. Auch sei der Winter kälter gewesen.

Klimalücke für 2030 ist weiter gewachsen

Zudem schrumpfte der Abstand der gesamten Emissionen zu den im Klimaschutzgesetz erlaubten weiter. Die 2025er Emissionen von 648,9 Millionen Tonnen CO2 liegen nur noch um knapp 13 Millionen Tonnen unter der Vorgabe des Klimagesetzes.

Grob gesehen blieben auch 2025 die Verhältnisse unter den Sektoren gleich. Der Verkehr wuchs weiter und mit ihm seine Emissionen um 2,1 Millionen Tonnen. Bei Gebäuden legten die Emissionen um 3,4 Millionen Tonnen zu. Energiewirtschaft und Landwirtschaft blieben 2025 in etwa auf ihrem Niveau.

Die Dramatik der Lage wird klarer, schaut man auf die längerfristigen Folgen der de facto stagnierenden CO2-Minderung. So hat sich Deutschland vom Ziel entfernt, die Emissionen von 1990 bis 2030 um 65 Prozent zu reduzieren.

Hieß es bisher, mit den jetzigen Maßnahmen komme man 2030 bei einer Minderung von 63 Prozent heraus, so sank diese Prozentzahl in der Projektion jetzt auf 62,6 Prozent. In absoluten Zahlen: Die Klimalücke für 2030 vergrößerte sich von 25 Millionen auf 30 Millionen Tonnen.

Noch gravierender ist, dass Deutschland für die klimapolitische Dekade von 2021 bis 2030 seinen bisherigen und recht bequemen CO2-Puffer nahezu vollständig verloren hat.

Emissionen müssen jedes Jahr um rund 40 Millionen Tonnen sinken

Insbesondere aus der Corona-Delle und der vom Ukraine-Krieg ausgelösten Energiekrise verfügte Deutschland Ende 2024 noch über eine CO2-Reserve von rund 80 Millionen Tonnen.

Dieser Puffer bei den sogenannten sektorübergreifenden Jahresemissions­gesamt­mengen beträgt jetzt nur noch knapp 3,8 Millionen Tonnen CO2 – ist praktisch also aufgebraucht. Ein Grund für das Verschwinden soll unter anderem die 2025 eingetretene zweijährige Ausbaupause bei der Windkraft auf See sein.

Der Puffer sei nicht mehr so groß, dass man sich hinstellen und sagen könne, das Klimaziel ist künftig gesichert, räumte am Samstag Dirk Messner ein, der Präsident des Umweltbundesamtes (UBA).

Messner sprach sich für "einen Push" in der Klimapolitik aus. Jedes kommende Jahr müssten jetzt die CO2-Emissionen um 42 Millionen Tonnen sinken, um die Klimaziele noch zu erreichen, betonte der UBA-Chef.

Der quasi nicht mehr vorhandene Puffer birgt die Gefahr, dass der Expertenrat für Klimafragen in seinem spätestens Mitte Mai vorzulegenden Prüfbericht feststellen wird, dass die Klimamaßnahmen der Regierung nicht ausreichen, um die gesetzlich vorgeschriebene Menge an Gesamtemissionen für 2021 bis 2030 einzuhalten.

Sollte der Klimarat das 2027 dann zum zweiten Mal hintereinander feststellen, müsste die Regierung laut Klimaschutzgesetz ein Klima-Sofortprogramm auflegen.

Die Chancen, dass es so kommt, stehen so schlecht nicht. Denn die jetzt vorgelegten Prognosen für 2030 beruhen aus methodischen Gründen auf dem Stand von November 2025.

Neue Gesetzesvorhaben der Koalition noch nicht berücksichtigt

Viele der bereits von der Regierungskoalition angekündigten Gesetzesvorhaben sind deswegen in der neuen Projektion nicht berücksichtigt: die Eckpunkte des neuen Gebäudegesetzes, die Abschaffung der EEG-Vergütung, das sogenannte Netzpaket, die Abschwächung des europäischen Emissionshandels und anderes mehr.

"Wenn gleichzeitig der CO2-Preis eingefroren, die Luftverkehrssteuer gesenkt oder die Solarförderung gekürzt wird, wächst die Klimalücke weiter. Das wäre ein klimapolitischer Kurzschluss", kommentierte am Samstag die Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Umweltminister Schneider ließ sich bei der Präsentation auch auf mehrfache Nachfrage nicht darauf ein, die klimapolitischen Auswirkungen der geplanten schwarz-roten Gesetze zu bewerten.

Bezüglich der Solarförderung erklärte Schneider, zur EEG-Reform sei seinem Haus bisher kein Gesetzentwurf zugegangen. Über die Reform rede man erst, wenn sie auf dem Tisch liege, so der Minister.

Beim Gebäudemodernisierungsgesetz würden die von den Regierungsfraktionen beschlossenen "Eckpunkte" jetzt ausgestaltet, sagte Schneider und betonte dabei den Mieterschutz.

Er werde bei der Umsetzung dafür Sorge tragen, dass man zu einer höheren Akzeptanz der Wärmepumpe komme, betonte der Minister. Auch dürfe eine Entscheidung des Vermieters für eine Gasheizung nicht zu Lasten des Mieters gehen. Das sei ein zwingender Punkt bei der Aufstellung des Gesetzes und werde entsprechend mit der Union verhandelt, sagte Schneider.

Minister will Deutschland auf Klimakurs bringen

Sein Haus sei nicht besonders glücklich darüber, dass die fossilen Pfade im Gebäudesektor verlängert werden sollen, erklärte UBA-Präsident Messner seinerseits zu den "Eckpunkten". Allerdings sei deren gesetzliche Ausgestaltung noch unklar, deswegen könne das Umweltbundesamt die Klima-Wirkung der neuen Regeln noch nicht bemessen – dies sei ein Blick in die Glaskugel, erklärte der UBA-Chef.

Umweltminister Schneider bekräftigte am Samstag seine Absicht, am 25. März ein neues, vom Bundeskabinett beschlossenes Klimaschutzprogramm vorzulegen. Dieses solle Deutschland wieder auf Klimakurs bringen und die Anforderungen des Klimagesetzes erfüllen – und das werde auch gelingen, gab sich Schneider sicher.

Seine Hoffnung setzt der Minister auf den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien, den Hochlauf der E‑Autos sowie die Wärmepumpe. Auch sei der deutsche Wald wieder von einer Quelle der Emissionen zu einer Senke geworden, lobte Schneider. Auf diese Hoffnungsträger wolle er mit seiner Klimapolitik aufbauen.

 

Zum neuen Klimaschutzprogramm stellt die Deutsche Umwelthilfe (DUH) bereits jetzt eine Klage in Aussicht – falls das Programm die Klimaziele für 2030 und 2040 nicht erreicht und die Emissionsobergrenzen in den Einzeljahren bis 2040 nicht einhält.

Die Bundesregierung müsse ihren "Klimarechtsbruch" beenden und im Programm effektive Klimaschutzmaßnahmen beschließen, forderte DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch. Geschehe das nicht, werde die DUH das erstrittene Klimaurteil des Bundesverwaltungsgerichts zur Erreichung des Klimaziels 2030 gegenüber der Regierung vollstrecken und zusätzlich eine neue Klimaklage zur Erreichung des Klimaziels 2040 einreichen, kündigte er an.

Für Resch belegt die Projektion eindeutig die "Klimablockadepolitik" der Bundesregierung. "Statt endlich sofort wirksame und sogar kostenlose Maßnahmen wie ein Tempolimit von 100 auf Autobahnen und 80 außerorts umzusetzen, sägt die Bundesregierung an bestehenden Klimaschutzmaßnahmen wie dem Verbrenner-Aus", kritisierte der DUH-Geschäftsführer.

Redaktioneller Hinweis: Claudia Kemfert ist Mitglied im Herausgeberrat von Klimareporter°.

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