Eigentlich keine Sensation, wenn es frostig ist im Winter. Doch mit jedem kalten Tag wird sichtbarer, wie dünn die Sicherheitsdecke im Erdgas-Land Deutschland noch immer ist. Die Gasspeicher sind in diesem Winter auffällig schnell geleert worden. Aktuell liegen die Füllstände im Schnitt noch bei 32 Prozent.

So niedrig waren sie zu dieser Zeit noch nie seit Beginn dieser Bilanzen vor 15 Jahren, noch nicht einmal während der durch Putins Ukrainekrieg verschärften Energiekrise, als der damalige Bundeswirtschaftsminister Habeck (Grüne) uns zwecks Gassparen zu Pullover und Kurz-Duschen geraten hatte. Wird es kritisch beim Heizen und für Industriebetriebe, die Gas brauchen?

 

Die Bundesregierung versucht zu beruhigen. Wirtschaftsministerin Reiche (CDU) erklärte, Sorgen seien nicht angebracht, man beobachte die Lage genau. Auch die Bundesnetzagentur betont: Versorgung stabil, Gefahr von Gasmangel derzeit gering – auch, weil Deutschland inzwischen LNG importieren könne und Notfall-Mechanismen klar geregelt seien.

Speicherbetreiber und Teile der Branche sehen das kritischer. Die Versorgung sei "auf Kante genäht", warnt der Speicher-Branchenverband Ines, der noch vor zwei Wochen Entwarnung gegeben hatte. Viel Puffer habe das System nicht mehr, heißt es nun.

Auch der staatliche Energiekonzern Uniper, einer der großen Akteure im Gasgeschäft, teilte mit, die Versorgungssicherheit könne "nicht als jederzeit garantiert vorausgesetzt werden". Mit anderen Worten: Sollten der Februar und der März kalt ausfallen, kann es knapp werden.

Deutschlands Gas-Abhängigkeit hat nur die Adresse gewechselt 

Warum sind die Reserven so niedrig? Die Ursache: Deutschland ging mit einem schlechteren Polster in die Heizperiode. Laut Ines wurden zum Winterstart nur rund 75 Prozent statt wie in früheren Jahren bis zu 98 Prozent erreicht.

Man kann das mit der Marktlogik der schwankenden Gaspreise erklären, und die Bundesregierung hat auch versucht, die sich abzeichnenden Probleme durch neue Vorgaben für Mindestfüllstände zu regeln. Doch Fachleute sagen: Dieser Eingriff kam zu spät. 

Nun denkt man in der Regierung über eine strategische staatliche Gasreserve nach, so wie sie etwa im Nachbarland Österreich existiert und beim Erdöl seit den Ölkrisen der 1970er Jahre auch bei uns. Die Bundesnetzagentur hat bereits einen entsprechenden Vorschlag gemacht.

Der Gedanke ist richtig: Eine Reserve kann helfen, Extremfälle abzufedern und Preisspitzen zu dämpfen. Allerdings: Sie löst das Problem in diesem Winter nicht mehr, und sie kostet den Staat viel Geld.

Zudem ändert sie nichts am Grundproblem: Deutschlands Abhängigkeit ist nach dem Ende des russischen Pipelinegases nicht verschwunden, sie hat nur die Adresse gewechselt. Der Löwenanteil unseres Gases kommt heute per Pipeline aus Norwegen, und das LNG zu rund 95 Prozent aus den USA.

Das Szenario eines Anschlags auf Pipelines ist nicht sehr weit hergeholt, und in den USA sitzt bekanntlich ein Präsident im Weißen Haus, der Energie als Druckmittel begreift. Sicherheit sieht anders aus.

 

Die wirkliche Lösung ist deshalb eindeutig: Der Erdgasausstieg, der schon aus Klimagründen nötig ist, muss mit Macht vorangetrieben werden. Noch immer wird Gas für die Hälfte der Wohnungen zum Heizen genutzt und ist mit knapp 30 Prozent der wichtigste Energieträger in der Industrie, dort zudem Rohstoff.

Hier kann die Bundesregierung zeigen, dass sie die Lage erkannt hat. Erstens: Schnell her mit einem Gebäudemodernisierungsgesetz, das den überfälligen Push für Häusersanierung, grüne Fernwärme, Wärmepumpe und andere Öko-Heizungen gibt.

Zweitens: Neue Anläufe für die Energieumstellung in der Industrie. Und drittens: Gaskraftwerke als Backup fürs Stromsystem nur im wirklich nötigen Umfang bauen lassen, und auf jeden Fall so, dass sie später mit Wasserstoff laufen können.