Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe.
Klimareporter°: Herr Graßl, eine solche Hitzewelle, wie sie Europa gerade für zwei Wochen im Griff hatte, hätte es vor 50 Jahren nicht gegeben, ergab eine Analyse der Forschungsgruppe World Weather Attribution. Die erreichten Tageshöchstwerte wie auch die warmen Nächte wären in dem Klima von 1976 praktisch unmöglich gewesen. Sind wir in einer neuen Klimarealität angekommen?
Hartmut Graßl: Klar ist, dass eine insgesamt wärmere und sich weiter erwärmende Erdoberfläche in allen Regionen zu immer neuen Hitzerekorden führen muss.
Der Nachweis wurde auch durch die Vorhersagemodelle der Meteorologen geliefert: Schon Tage vor den Temperaturrekorden tagsüber und auch nachts wurden die neuen Höchstwerte vorhergesagt – und das nicht, weil eine bisher nicht aufgetretene Wetterlage existierte, sondern weil die Physik der Modelle mit den eingegebenen globalen Startfeldern das schlicht so berechnen musste.
Gab es zusätzliche regionale Besonderheiten, die bei der eben beendeten Hitzewelle in Frankreich und Deutschland mitgespielt haben? Ja, weil das westliche Mittelmeer an der Oberfläche in diesem Jahr um zwei bis drei Grad Celsius wärmer ist als im Mittel der letzten Jahre.
Bei der Wetterlage, die zur Hitzewelle führte, ist die Luft vom Mittelmeer nordwärts bis zu uns herangeführt worden, wodurch auch der Taupunkt neue Rekordwerte mehrere Grad über 20 Grad Celsius aufwies. Das führte wiederum an vielen Orten zu mehr tropischen Nächten, weil der stark erhöhte Wasserdampfgehalt der unteren Atmosphäre die Abstrahlung von Wärme in den Weltraum stärker behinderte.
Wir sind nicht in einer neuen Klimarealität angekommen, sondern wir bekommen die Folgen unserer zu geringen Klimaschutzmaßnahmen der vergangenen Jahrzehnte serviert.
Und die Zahl der Opfer sowie die Höhe der Schäden werden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten kräftig steigen. Nur bei konsequenter Klimaschutzpolitik können sie noch etwas niedriger ausfallen.
Das Klimasystem passt sich nur an den von uns verstärkten Treibhauseffekt der Atmosphäre an.
Manche Forscher und Wetterfachleute weisen darauf hin, dass der laufende starke El Niño kommende Hitzewellen in diesem Jahr noch weiter verstärken könnte. Teilen Sie diese Befürchtung?
Europa war in den vergangenen Jahrzehnten von El‑Niño- oder La‑Niña-Ereignissen, also den kräftigen Zirkulations-Anomalien über dem tropischen Pazifik und den daraus folgenden besonders hohen oder niedrigen Meeresoberflächen-Temperaturen, kaum betroffen.
Es gibt keinen neuen wissenschaftlichen Befund, dass dies bei dem sich jetzt entwickelnden El‑Niño-Ereignis, das nach den Vorhersagen der Klimatologen etwa zum Jahresende seine stärkste Ausprägung haben wird, anders sein sollte.
Weil die mittlere globale Lufttemperatur zum Höhepunkt eines El‑Niño-Ereignisses um wenige Zehntelgrad höher liegt als im Durchschnitt der Jahre vor dem Ereignis, wird auch dies eine öffentliche Debatte auslösen, ob das 1,5-Grad-Ziel des Paris-Abkommens überschritten ist – obwohl dafür wegen der Schwankungen von Jahr zu Jahr ein mehrjähriges Mittel als Vergleichsmaßstab notwendig ist und nicht nur der Mittelwert eines Jahres.
Ich empfehle in beiden Fällen: Anstelle der Äußerungen von "Experten" speziell der kommerziellen Unternehmen, die Vorhersagen dramatisierend oder überdehnt weiterverbreiten, sollte man sich an öffentliche Wetter- und Klimadienste wie DWD, WMO und Copernicus halten. Deren Prognosen entsprechen eher dem tatsächlichen Wissensstand.
Auch die Chemieindustrie steht vor einer grünen Transformation. Ein Weg, fossile Rohstoffe wie Erdöl und Erdgas durch biogene Stoffe zu ersetzen, kann die Entwicklung von Bioraffinerien sein. Was meinen Sie: Lassen sich solche Großindustrien in eine klimaneutrale Welt hinüberretten?
Die Menschheit nutzt bereits etwa 40 Prozent der jährlich weltweit gebildeten Biomasse für ihre Zwecke. Dieser Anteil darf nicht weiter wachsen, um die Übernutzung von Ressourcen nicht noch weiter zu treiben.
Deshalb müssen die Irrwege wie Biodiesel oder Ethanol für Autos auslaufen und durch elektrische Antriebe ersetzt werden – natürlich mit dem Ziel, fast ausschließlich erneuerbare Energieträger für die Stromerzeugung zu nutzen.
Ein Maisacker oder eine Zuckerrohrplantage benötigt für eine Kilowattstunde Bioenergie fast die 100-fache Fläche wie eine neue Photovoltaikanlage. Der Umstellungsprozess zur Elektromobilität läuft bereits, einschließlich erster ermutigender Schritte beim Lkw-Verkehr.
Die beschriebenen Gehversuche in Deutschland mit Schritten in Richtung Bioraffinerie sind begrüßenswert, solange damit keine Ausweitung der Biomassenutzung gemeint ist, sondern eine intelligentere Nutzung der Biomoleküle – bevorzugt aus landwirtschaftlichen Abfällen – sowie der Einsatz in weiteren Industriezweigen und für verschiedenste Produkte. Biomasse einfach zu verbrennen muss zurückgefahren und dann beendet werden.
Und was war Ihre Überraschung der Woche?
Nach einer Woche mit sicherlich vielen zusätzlichen Toten durch neue Allzeit-Hitzerekorde bleibt die Bundesregierung dazu still. Fast jeder Hitzetote ist Ausdruck der sozialen Kälte einer Gesellschaft, denn wir haben uns zu wenig um die besonders Gefährdeten gekümmert.
Obwohl Deutschland dringend eine drastisch intensivierte Politik für Klimaschutz und Klimaanpassung bräuchte, hat die Regierung den meist überdurchschnittlich Verdienenden, die viel und weit mit Verbrennerautos fahren, das Tanken vorübergehend verbilligt und so die Klimaänderungen noch einmal angeheizt.
Mit dem so verpulverten Geld hätte man den vielen und immer mehr werdenden Senioren in Heimen und Pflegestätten erträglichere Alltagsbedingungen bei künftiger Hitze schaffen können, und das auf Dauer. Wozu haben wir die hohen Schulden für verbesserte Infrastruktur aufgenommen?
Fragen: Jörg Staude

Jetzt wird diese Aussage aus einer anderen Sicht beleuchtet. Eine humanistisch eingestellte Wissenschaft weist auf die Hitzetoten die politisch ignoriert weden und wird so alltruistisch - politisch fordernd. Ich habe diese Hitze miterlebt und es war fuer kranke Menschen nicht einfach. Und sollte auch die Einsicht vorhanden sei, den Krankenhaeusern fehlen die Mittel fuer effizienten Hitzeschutz.
Der homo "sapiens" hat offensichtlich seinem Namen keine Ehre gemacht, im Gegenteil.
Schon jetzt sterben Menschen, weil unsere Generation ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat. Zukünftige Generationen werden uns verfluchen.
- Die Wissenschaft hat geliefert - es gibt verlaessliche Modelle zur Klimawandel-Simulation und die Attributforschung,
- eine diverse Buergerbewegung mit unzaehligen NGOs die sich fuer gesellschatlichen und klimapolitischen Wandel einsetzen.
- sehr wohl berechtigt die Kritik an die Politik. Die ReGierungen bedienen die Wuensche der Fossilokratie und arbeiten nicht fuers Wohl des Volkes. Hier muss die persoenliche Haftung kommen fuer grob-fahrlaessiges Handeln oder Unterlassen und Politikversagen ist als Straftatsbestand zu etablieren.
Daher ein erstrebenswertes Ziel: Wie entwickeln wir Demokratie weiter, schnell weiter, bevor wieder faschistische Autokraten an die Macht kommen? Im GG Art.20 steht: "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung vollzogen". Ein Budesparteiengesetz gibt es und das daraus entstandene Machtmonopol der Parteien verhindert ein Bundesabstimmungsgesetz. Das muss sich aendern
P.S.
Heute sind hierzulande so viele Kraftfahrzeuge angemeldet wie nie und pauschale Flugreisen boomen ebenso wie Kreuzfahrten.
Vielmehr handelt es sich um die teilweise Rückgabe der staatlichen Übergewinnsteuer bei der Umsatzsteuer auf Kraftstoffe.
Und Nein die überwiegenden Wohlhabenden und Reichen waren nicht die Profiteure dieser Maßnahme, da gerade diese Schicht bereits auf E Autos umsteigt bzw umgestiegen ist.
Das ist ja die logische Konsequenz nach dem vollen Solardach und der Wärmepumpe.
So fährt bei uns alltäglich nur noch unsere Reinigungsfachkraft und die Handwerker Fossil.
Zum Thema Hitzeschutz gibt es eine einfache und naheliegende Antwort.
Luft-Luft Wärmepumpen (Klimaanlagen)
In den USA, Japan, Indien und auch Südeuropa seit Jahrzehnten völlig normal bei uns Ebensolänge als Energieverschwendung gebrandmarkt.
Dass die Behauptung, von dieser staatlichen Subvention für den Auto-Wahnsinn, hätte die Putzfrau und nicht die (Super)Reichen profitiert, Blödsinn ist, zeigt mal wieder einfaches Googeln: „In Deutschland lag der Anteil reiner Elektroautos (BEV) am Gesamtbestand der Pkw zuletzt bei etwa 4 Prozent.“ Und da gerade auch die bei wohlhabenden Fossil-Junkies beliebten Plug-In-Hybride bekanntlich im Betrieb sogar mehr fossile Kraftstoffe brauchen als reine Fossil-Stinker, fällt der Übergewinn für die eh schon gepäppelten Unternehmer*innen und Firmenwagen-Inhaber*innen noch deutlich höher aus, als es so schon der Fall ist.
Franz Reinigungsfachkraft und Handwerker dürften dagegen weit weniger von diesem fossilen Irrsinn einer irrlichternden BDI-Regierung profitiert haben, da zumindest die Putzfrau eher einen Kleinwagen mit entsprechend niedrigem Verbrauch fahren dürfte und nicht mit dem Privatpanzer, den Franz ja bekanntlich auch sein Eigen nennt, die Straßen unsicher macht. Ob die Handwerker unbedingt durch die Bank eine Subvention ihrer ggf. noch fossilen Mobilität nötig haben, sei dahingestellt. Auch hier gilt, wer gut verdient, fährt einen überdimensionierten Firmenwagen, in der Regel noch (teil) fossil und mit irrsinnig hohem Verbrauch, und profitiet deshalb neben der eh schon vorhandenen, schwachsinnigen steuerlichen Abschreibung seines Privatpanzers noch vom Tankrabatt, dafür, dass er unser Klima aufheizt und Menschen killt.
Somit weise ich den Märchenerzähler auf das deutlichste zurück.
Inhaltlich nur einen Punkt der Antwort.
Der % tuale Anteil der BEV´s sagt überhaupt nichts darüber aus welche Käuferschichten sich die Fahrzeuge zugelegt haben.
Gemäß dem KBA sind die BEV´s der Mittelklasse bzw. oberen Mittelklasse angesiedelt und somit deutlich höherwertig und teurer als der reine Verbrennerbestand.
Aus diesem Grund gibt es aktuell die E-Kaufprämie bezogen auf eine festgelegte Einkommenshöhe um dieser Gesellschaftsschicht auch die E-Mobilität zu ermöglichen.
Ach ja, wir haben in unserem Unternehmen außer dem Gabestapler keinen Verbrenner mehr.
Privat gibt es noch zwei alte Verbrenner ansonsten auch hier nur E-Fahrzeuge.
Auch wenn die Anzahl reiner E-Autos in der von ihnen angesprochenen Käuferschicht tatsächlich höher liegt, ist sie immer noch weit von 50% entfernt. Auch diese Information erhält man durch einfaches Googeln:
"Der Anteil batterieelektrischer Fahrzeuge (BEV) an den gewerblichen Neuzulassungen bzw. dem Firmenwagenbestand liegt im Drittelbereich."
Ergo haben Zweidrittel der Bonzen in unserer Gesellschaft von der entsprechenden Regierung, die wir gerade in Berlin haben, noch einen Bonus für ihr maximal umweltschädliches Verhalten erhalten. Und nicht die Reinigungsfachkraft, die sie hier angeführt haben. Die dürfte mit ihrem Kleinwagen und geringem Verbrauch deutlich weniger davon profitiert haben als die SUV-Besitzer*innen mit ihren Dienst- oder Firmen-Privatpanzern.
Und eine Anmerkung zu El Niño - der ist im Moment noch schwach, erst in den Anfängen. Seinen Namen hat er ja, weil sein Höhepunkt jeweils um Weihnachten herum stattfindet, davon sind wir kalendarisch bekanntlich noch um einiges entfernt. Die Wahrscheinlichkeit eines besonders stark ausgeprägten ist zwar hoch, dennoch sollte man ihn nicht herbeireden.
Man muss schon reichlich naiv und oder unverbesserlicher Optimist sein, wenn das noch überrascht. Diese Regierung (inklusiv SPD-Hampelmänner und -frauen der Bosse) ist schmerzfrei bei der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen allgemein und des Klimas im besonderen. Die schwarz-braune Heuschrecke Merz interessieren lediglich die Renditen der DAX-Konzerne und seine Gas-Lobbyistin Reiche lediglich die (weiterhin garantierten) Gewinne ihrer ehemaligen Arbeitgeber. So ein paar Hitzetote in Pflegeheimen sind in dem Kontext positiv, entlasten sie doch unser eh schon überfordertes Pflegesystem, bei dem bekanntlich dringend gespart werden muss (im Gegensatz zu fossilen und sonstigen, umweltzerstörenden Subventionen).
Doch ganz ehrlich, ist das nicht längst Mainstream, und ist es in einer Mehrheit unserer Bevölkerung kein bisschen besser? Auch hier gehen im Zweifel das freie Rasen im fossil betriebenen Privatpanzer und die "billige", neue Gas-Therme im Keller vor der Oma im Pflegeheim, die dank der eigenen Lebensweise leider dran glauben muss. Opfer müssen bekanntlich für unseren Wohlstand gebracht werden und die Schwächsten haben die geringste Lobby. Das nennt sich dann "Demokratie".
"Wozu haben wir die hohen Schulden für verbesserte Infrastruktur aufgenommen?"
Auch dies ist ein müßige Frage, die sehr leicht beantwortet werden kann: Um die Profite der Betonierer, Asphaltierer und Auto-Verbrenner-Paten zu mehren bzw. zu sichern. Diese Regierung ist mit dem klaren Auftrag der Wirtschaft (und einer Mehrheit unserer Bevölkerung) an die Macht gekommen, den Umwelt- und Klimaschutz zu schleifen, und genau das macht sie jetzt. Jüngstes Beispiel, das aber schon lange niemanden mehr aufregt, ist dieses unsägliche Infrastruktur-Zukunftsgesetz, nach dem jetzt sogar LKW-Parkplätze!!! wichtiger sind als der Erhalt unserer Lebensgrundlagen.
Das Einzige, was mich bei diesen Wirtschaftsmarionetten in Berlin noch überraschen würde, wäre, wenn sie ihren Auftrag, die Lebensgrundlagen dieser und kommender Generationen zu sichern, noch ernst nehmen würde.
Und zu den Hitzetoten....in NL wird von einer Uebersterblichkeit von 500 Toten gesprochen. In -D- gibt es die wohl nicht.
Apropos Gebäudeenergiegesetz: Dazu erschien vor wenigen Tage eine Studie, die aufarbeitet, wie die Bild diese ganze Kampagne gegen Habecks Heizhammer abgezogen hat und dann der Rest der Medien auf die Kampagne aufgesprungen ist. Klimareporter wird darin übrigens als positive Ausnahme erwähnt, nämlich eines von wenigen Medien, die schon damals über die Kampagne aufgeklärt haben. Wäre vielleicht mal interessant, diese Studie bisschen bekannter zu machen. Bisher gab es noch keine größere Berichterstattung dazu. Link: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2214629626003038?via%3Dihub