Hartmut Graßl. (Bild: Christoph Mischke/​VDW)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe.

Klimareporter°: Herr Graßl, eine solche Hitzewelle, wie sie Europa gerade für zwei Wochen im Griff hatte, hätte es vor 50 Jahren nicht gegeben, ergab eine Analyse der Forschungsgruppe World Weather Attribution. Die erreichten Tageshöchstwerte wie auch die warmen Nächte wären in dem Klima von 1976 praktisch unmöglich gewesen. Sind wir in einer neuen Klimarealität angekommen? 

Hartmut Graßl: Klar ist, dass eine insgesamt wärmere und sich weiter erwärmende Erdoberfläche in allen Regionen zu immer neuen Hitzerekorden führen muss.

Der Nachweis wurde auch durch die Vorhersagemodelle der Meteorologen geliefert: Schon Tage vor den Temperaturrekorden tagsüber und auch nachts wurden die neuen Höchstwerte vorhergesagt – und das nicht, weil eine bisher nicht aufgetretene Wetterlage existierte, sondern weil die Physik der Modelle mit den eingegebenen globalen Startfeldern das schlicht so berechnen musste.

 

Gab es zusätzliche regionale Besonderheiten, die bei der eben beendeten Hitzewelle in Frankreich und Deutschland mitgespielt haben? Ja, weil das westliche Mittelmeer an der Oberfläche in diesem Jahr um zwei bis drei Grad Celsius wärmer ist als im Mittel der letzten Jahre.

Bei der Wetterlage, die zur Hitzewelle führte, ist die Luft vom Mittelmeer nordwärts bis zu uns herangeführt worden, wodurch auch der Taupunkt neue Rekordwerte mehrere Grad über 20 Grad Celsius aufwies. Das führte wiederum an vielen Orten zu mehr tropischen Nächten, weil der stark erhöhte Wasserdampfgehalt der unteren Atmosphäre die Abstrahlung von Wärme in den Weltraum stärker behinderte.

Wir sind nicht in einer neuen Klimarealität angekommen, sondern wir bekommen die Folgen unserer zu geringen Klimaschutzmaßnahmen der vergangenen Jahrzehnte serviert.

Und die Zahl der Opfer sowie die Höhe der Schäden werden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten kräftig steigen. Nur bei konsequenter Klimaschutzpolitik können sie noch etwas niedriger ausfallen.

Das Klimasystem passt sich nur an den von uns verstärkten Treibhauseffekt der Atmosphäre an.

Manche Forscher und Wetterfachleute weisen darauf hin, dass der laufende starke El Niño kommende Hitzewellen in diesem Jahr noch weiter verstärken könnte. Teilen Sie diese Befürchtung?

Europa war in den vergangenen Jahrzehnten von El‑Niño- oder La‑Niña-Ereignissen, also den kräftigen Zirkulations-Anomalien über dem tropischen Pazifik und den daraus folgenden besonders hohen oder niedrigen Meeresoberflächen-Temperaturen, kaum betroffen.

Es gibt keinen neuen wissenschaftlichen Befund, dass dies bei dem sich jetzt entwickelnden El‑Niño-Ereignis, das nach den Vorhersagen der Klimatologen etwa zum Jahresende seine stärkste Ausprägung haben wird, anders sein sollte.

Weil die mittlere globale Lufttemperatur zum Höhepunkt eines El‑Niño-Ereignisses um wenige Zehntelgrad höher liegt als im Durchschnitt der Jahre vor dem Ereignis, wird auch dies eine öffentliche Debatte auslösen, ob das 1,5-Grad-Ziel des Paris-Abkommens überschritten ist – obwohl dafür wegen der Schwankungen von Jahr zu Jahr ein mehrjähriges Mittel als Vergleichsmaßstab notwendig ist und nicht nur der Mittelwert eines Jahres.

Ich empfehle in beiden Fällen: Anstelle der Äußerungen von "Experten" speziell der kommerziellen Unternehmen, die Vorhersagen dramatisierend oder überdehnt weiterverbreiten, sollte man sich an öffentliche Wetter- und Klimadienste wie DWD, WMO und Copernicus halten. Deren Prognosen entsprechen eher dem tatsächlichen Wissensstand.

Auch die Chemieindustrie steht vor einer grünen Transformation. Ein Weg, fossile Rohstoffe wie Erdöl und Erdgas durch biogene Stoffe zu ersetzen, kann die Entwicklung von Bioraffinerien sein. Was meinen Sie: Lassen sich solche Großindustrien in eine klimaneutrale Welt hinüberretten?

Die Menschheit nutzt bereits etwa 40 Prozent der jährlich weltweit gebildeten Biomasse für ihre Zwecke. Dieser Anteil darf nicht weiter wachsen, um die Übernutzung von Ressourcen nicht noch weiter zu treiben.

Deshalb müssen die Irrwege wie Biodiesel oder Ethanol für Autos auslaufen und durch elektrische Antriebe ersetzt werden – natürlich mit dem Ziel, fast ausschließlich erneuerbare Energieträger für die Stromerzeugung zu nutzen.

Ein Maisacker oder eine Zuckerrohrplantage benötigt für eine Kilowattstunde Bioenergie fast die 100-fache Fläche wie eine neue Photovoltaikanlage. Der Umstellungsprozess zur Elektromobilität läuft bereits, einschließlich erster ermutigender Schritte beim Lkw-Verkehr.

Die beschriebenen Gehversuche in Deutschland mit Schritten in Richtung Bioraffinerie sind begrüßenswert, solange damit keine Ausweitung der Biomassenutzung gemeint ist, sondern eine intelligentere Nutzung der Biomoleküle – bevorzugt aus landwirtschaftlichen Abfällen – sowie der Einsatz in weiteren Industriezweigen und für verschiedenste Produkte. Biomasse einfach zu verbrennen muss zurückgefahren und dann beendet werden.

 

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Nach einer Woche mit sicherlich vielen zusätzlichen Toten durch neue Allzeit-Hitzerekorde bleibt die Bundesregierung dazu still. Fast jeder Hitzetote ist Ausdruck der sozialen Kälte einer Gesellschaft, denn wir haben uns zu wenig um die besonders Gefährdeten gekümmert.

Obwohl Deutschland dringend eine drastisch intensivierte Politik für Klimaschutz und Klimaanpassung bräuchte, hat die Regierung den meist überdurchschnittlich Verdienenden, die viel und weit mit Verbrennerautos fahren, das Tanken vorübergehend verbilligt und so die Klimaänderungen noch einmal angeheizt.

Mit dem so verpulverten Geld hätte man den vielen und immer mehr werdenden Senioren in Heimen und Pflegestätten erträglichere Alltagsbedingungen bei künftiger Hitze schaffen können, und das auf Dauer. Wozu haben wir die hohen Schulden für verbesserte Infrastruktur aufgenommen?

Fragen: Jörg Staude

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