Sebastian Sladek. (Bild: Bernd Schumacher)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Sebastian Sladek, geschäftsführender Vorstand der Elektrizitätswerke Schönau (EWS).

Klimareporter°: Herr Sladek, in den nächsten Tagen soll Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) den Entwurf für den von ihr bestellten "Realitätscheck" zur Energiewende auf den Tisch bekommen. Schon jetzt warnen Erneuerbaren- und Umweltverbände eindringlich, das Papier habe nur das Ziel, den Ökoenergie-Ausbau abzubremsen. Sollten wir nicht erstmal abwarten, was die Wirtschaftsministerin daraus schließt?

Sebastian Sladek: Noch liegt das Ergebnis des Checks nicht vor, aber allein Ankündigung und Auftragsformulierung lassen in der Erneuerbaren-Branche die Alarmglocken schrillen – sofern die nicht ohnehin schon eingeschaltet waren. Ausreichend Anlass für berechtigte Sorge hat es in den ersten 100 Tagen der Regierung Merz bereits gegeben.

Um Freundlichkeit bemüht, möchte ich meine erste Bilanz der Energiepolitik dieser Regierung als "gemischt" bezeichnen. Positiv ist, dass etwa die Erneuerbaren-Richtlinie RED III umgesetzt und der Kabinettsentwurf für ein Energy Sharing auf den Weg gebracht wurde.

Die überschaubare Strahlkraft des Positiven wird allerdings geschmälert durch den Umstand, dass die Regierung mit Umsetzung dieser Vorgaben lediglich ihren Pflichten als EU-Mitglied nachkommt.

Sobald sich hingegen der genuine energiepolitische Geist der Regierung Merz offenbart, überkommt einen das Gruseln. Angefangen beim Bundeskanzler, der mit seiner Milchmädchenrechnung von den Deutschen und ihren prozentualen Emissionen eine abwiegelnde Verweigerungshaltung aus dem vorherigen Jahrhundert an den Tag legt.

Flankiert wird das von ausdauernder Rhetorik seiner Wirtschaftsministerin. Alle von ihr gesendeten Signale sind ordentlich populistisch gewürzt und weisen ebenfalls zurück ins fossile Gestern – egal, ob Katherina Reiche nun die Kosten der Energiewende und ihre Sozialverträglichkeit geißelt, während sie gleichzeitig Großverbraucher von der Stromsteuer entlasten will, ob sie den Bau von Gaskraftwerken im zweistelligen Gigawatt-Bereich ankündigt oder einen "Realitätscheck" bestellt.

Bedenkt man, dass dies der Ort ihrer beruflichen Sozialisation ist, mag man das wenig überraschend finden. Kündigt aber so jemand auch noch geradezu euphemistisch einen "Neustart" der Energiewende an, kann einem schon angst und bange werden.

Die Sorgen und Warnungen vor dem "Realitätscheck" sind insofern absolut berechtigt. Nach der "Wegbereitung" für den Check muss man keineswegs übersinnlich begabt sein, um manches seiner Ergebnisse bereits vorherzusagen.

So gehe ich davon aus, dass die "Überdimensionierung der bisherigen Ausbauziele" für die erneuerbaren Energien ein solches Ergebnis sein wird. Denn statt auf die bestehende unabhängige Expertenkommission zum Monitoring der Energiewende zurückzugreifen, wurde die Studie unter anderem an Institute vergeben, die eine Nähe zu fossilen Interessen haben.

Zudem setzt der Auftrag den Schwerpunkt auf einseitige und zweifelhafte Kostensenkungen statt auf das Erreichen der Klimaziele.

Und auch ein beliebter Trick könnte wieder zu Anwendung kommen: Wird der künftige Strombedarf niedriger angesetzt, müssten auch die Erneuerbaren weniger ausgebaut werden. Die einen nennen es "Realitätscheck", die anderen "Hinfrisieren".

Die Solarbranche droht jedenfalls wieder einmal als Erste unter die Räder zu kommen. Die Einspeisevergütung für Photovoltaik-Anlagen wurde von Ministerin Reiche kürzlich infrage gestellt, obwohl sie für viele Bürgerinnen und Bürger wirtschaftlich notwendig ist.

Ohne klare Förderanreize droht hier der Markt einzubrechen, besonders bei der dezentralen, verbrauchsnahen Erzeugung. Es droht aber auch ein Verlust von Akteursvielfalt, Bürgerenergie und Arbeitsplätzen. Zu guter Letzt mündet schwindende Teilhabe in schwindende Akzeptanz für die Energiewende.

"Abwarten" ist aber keine Option. Erstens haben wir definitiv keine Zeit mehr. Und zweitens wird in diesem "Check" nichts stehen, worauf wir wirklich gewartet hätten. Ganz im Gegenteil: Hier drohen Grundlagen für Fehlentwicklungen gelegt zu werden, die der Energiewende und dem Klimaschutz weit länger als nur eine Legislaturperiode wie ein Mühlstein um den Hals hängen werden.

Tatsächlich gibt es zwei Optionen: Entweder man krempelt die Ärmel hoch, beschleunigt Netzausbau und Erneuerbaren-Ausbau, unterstützt das Projekt Energiewende politisch und medial endlich so, wie es angemessen und längst angebracht wäre und erreicht die Klimaziele – oder man senkt die Ziele, begünstigt fossiles Gas und nimmt in Kauf, dass Deutschland weiter hinterherhinkt.

Option eins wirkt deutlich attraktiver auf mich. Die Zukunft unserer Kinder, der Bürgerinnen und Bürger und die Energiewende verdienen es nicht, im Namen eines "Realitätschecks" ausgebremst zu werden.

Ich jedenfalls möchte endlich wieder ernst genommen werden. Alles wird gut, heißt es von der Regierung, wir checken jetzt mal die Realität, senken die Kosten – während wir uns alle am Strohfeuerchen wärmen, in dem wir die geliehenen Milliarden verheizen. Fehlt nur noch, dass Markus Söder mit einem Körbchen voller Mini-Nukes um die Ecke kommt.

Sind wir als Gesellschaft mittlerweile wirklich so bequem und so verantwortungslos, dass wir Ministerin Reiche den ganzen Quatsch auch noch abkaufen? Zudem beschleicht mich das Gefühl, dass da ein Hund auf die Wurst aufpassen soll. Da heißt es, über den Realitätscheck hinaus wachsam zu bleiben.

CSU-Generalsekretär Martin Huber hat den Vorschlag von SPD-Finanzminister Lars Klingbeil zu möglichen Steuererhöhungen zurückgewiesen und stattdessen deutliche Kürzungen bei der Wärmepumpen-Förderung verlangt, um die Haushaltslöcher zu stopfen. Die Bundesförderung für energieeffiziente Gebäude sei 2025 mit 15,3 Milliarden Euro das größte Förderprogramm des Klima- und Transformationsfonds, argumenierte Huber. Sehen Sie hier auch Kürzungspotenzial?

Nach der Entscheidung, neue Schulden unter anderem für Investitionen in Zukunftsfähigkeit aufzunehmen, herrschte zunächst Aufbruchsstimmung. Die ist aber längst frustrierter Enttäuschung gewichen, was sich nun auch in miserablen Umfrageergebnissen für Bundeskanzler Merz und seine Regierungsmannschaft niederschlägt.

Bei manchen Entscheidungen der Regierung beim Klima- und Umweltschutz kann man nur den Kopf schütteln. So würde kürzlich beschlossen, dass die Abschaffung der Gasspeicherumlage aus dem Klima- und Transformationsfonds finanziert werden soll – einem Programm, dessen Gelder per Gesetz ausschließlich für die Klimaziele vorgesehen sind.

Und diese Gelder sollen nun für die Subvention fossiler Energieträger verwendet werden? Was für eine Trump'sche Dreistigkeit! Und was für eine Katastrophe für den Klimaschutz und für das Ansehen und die Glaubwürdigkeit von Politik. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass aus der CDU unausgegorene Vorschläge zur Abschaffung der Wärmepumpen-Förderung kommen.

Die derzeitige Ausgestaltung der Wärmepumpen-Förderung ist sicher nicht perfekt und sorgt teilweise für Fehlanreize. Dem kann aber durch eine effizientere und sozial gerechtere Förderung begegnet werden, statt die Unterstützung insgesamt infrage zu stellen.

Deutschland hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 rund sechs Millionen Wärmepumpen zu installieren. 2023 gab es bei uns erst rund 1,7 Millionen, 2024 kamen lediglich 193.000 hinzu. In diesem Jahr wird mit einem Anstieg auf 260.000 gerechnet – ein Fortschritt, aber noch weit entfernt von den Zuwachsraten, die nötig wären.

Und jetzt fordern einzelne Unionspolitiker, die Förderung zu kürzen und den Ausbau der Wärmepumpen und damit die Wärmewende drastisch abzuwürgen? Das wäre zum jetzigen Zeitpunkt ein fatales Signal für die Branche, für tausende Arbeitsplätze, für unsere Klimaziele und für dringend benötigte Innovationen. Wir brauchen jetzt ein klares Aufbruchsignal und kein politisches Stoppschild.

Nach monatelanger Verzögerung soll Mitte nächster Woche das Notifizierungsverfahren der EU-Kommission zum Biomassepaket abgeschlossen sein. Die Branche spricht von einem "Herzschlagfinale". Denn die nun genehmigten Änderungen müssten schon bei der nächsten Biomasse-Ausschreibung im Oktober greifen – Milliardeninvestitionen warteten auf die Freigabe, betont die Branche. Steht es so schlimm um die Bioenergie?

Bei einer raschen Entscheidung auf europäischer Ebene hätten wird die Sicherheit, dass das Biomassepaket rechtssicher angewendet werden kann. Das wäre ein sehr wichtiges Signal für die erneuerbaren Energien.

Wir brauchen zum Erreichen der Klimaziele alle erneuerbaren Energien – auch die Bioenergie als zuverlässiges und dezentrales Standbein. Nach Branchenangaben können wir durch das Biomassepaket bis zu 3.000 Megawatt erneuerbarer Kraftwerkleistung anreizen. Das ist ein massiver Beitrag zur Versorgungssicherheit, den wir uns nicht entgehen lassen dürfen.

Gerade um die Versorgungssicherheit wird im politischen Berlin zurzeit intensiv diskutiert. In diesem Kontext stehen auch die neuen Gaskraftwerke, die Wirtschaftsministerin Reiche angekündigt hat. Sie sollen nach ihrer Aussage Netzstabilität sichern und zur Beseitigung von Netzengpässen beitragen.

Ich frage mich aber: Warum sollten wir in die Vergangenheit investieren, indem wir jetzt teure fossile Überkapazitäten aufbauen, anstatt entschlossen auf zukunftsfähige Lösungen zu setzen? Warum sollen Milliarden in fossile Strukturen fließen, statt sie in den Ausbau der Erneuerbaren, in flexible Biomasseanlagen, intelligente Speichersysteme und marktliche Flexibilitätsoptionen zu investieren?

Wir brauchen Investitionen, die uns dauerhaft unabhängig machen, die Klimaziele erreichbar halten und Innovationen fördern – und keine neuen fossilen Abhängigkeiten, die uns in wenigen Jahren teuer zu stehen kommen.

 

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Die Woche hatte einiges im Angebot, das Beachtung verdient hätte. Etwa das besorgniserregende Ausmaß, das die Waldbrände nach der extremen Hitzewelle in Spanien und anderswo angenommen haben. Oder, dass Spitzbergens Gletscher Rekordmengen an Eis verlieren.

Oder aber die Meldung, dass die drastischen klimatischen Veränderungen in der Antarktis darauf hindeuten, dass der Kipppunkt erreicht sein könnte – mit unabsehbaren Folgen: Vom Aussterben der Kaiserpinguine bis zu einem mehr als drei Meter höheren Meeresspiegel ist alles drin, ganz abgesehen von möglichen Effekten auf weitere Klimasysteme.

Und doch sind alle diese Meldungen bisher nur Randnotizen im Wissenschaftsteil. Nicht sichtbar, nicht spürbar, nicht unmittelbar genug für beherrschende Schlagzeilen – noch nicht.

Deutlich mehr Aufmerksamkeit inklusive der dazugehörigen Aufregung bekam dagegen eine Nachricht über eine Molkereigenossenschaft. Da fühlte so mancher unmittelbare Betroffenheit. Die Molkerei hatte es doch tatsächlich gewagt, auf ihren Käseverpackungen Menschen abzubilden, deren Hautfarbe ein paar Nuancen dunkler ist als der darin befindliche Käse.

Nach kurzem Innehalten und nicht frei von einer gewissen Erschöpfung bleibt mir nur noch zu konstatieren: Eine Gesellschaft, die ihr Dasein als immerwährenden Kindergeburtstag mit eingebautem Shitstorm auffasst, hat ganz offensichtlich den Verstand verloren. Wer sich derart lustvoll Sand – und andere Abwegigkeiten – in den Kopf stecken lässt oder gleich selbst hineinsteckt, hat ganz offensichtlich die Realität noch nicht gecheckt. Da helfen dann weder Katherina Reiche noch die KI.

Fragen: Jörg Staude