Klimareporter°: Herr Kellner, das Land Brandenburg erzeugt mehr grünen Strom, als es selbst an Strom verbraucht. In Ihrem Wahlkreis Uckermark-Barnim befinden sich drei geschützte Naturlandschaften mit bundesweiter Bedeutung.

Grüner kann eine Region kaum sein – dennoch liegt der Stimmenanteil der Grünen bei den Brandenburger Wählerinnen und Wählern derzeit bei nur sechs Prozent. Wie kommt das?

 

Michael Kellner: Gründe hat das viele. Schauen wir zurück, waren es ja Vertreter der DDR-Bürgerrechtsbewegung, die diese Naturgebiete gerettet haben. Mit der Einheit und dem Niedergang der DDR-Industrie wurde massive Umweltvergiftung quasi über Nacht beendet. Davon haben Natur wie Anwohner profitiert.

Doch damals Anfang der 1990er Jahre ging es allen um die Frage nach Arbeit. Darauf hatten wir zu wenig Antworten und sind dann entsprechend aus den Landtagen geflogen.

In der Generation meiner Eltern waren alle damals einmal arbeitslos. Viele gingen weg, wer blieb, hatte es meist nicht leicht. Wir kennen alle diese harten Brüche in den Biografien. Diese Fragen und Sorgen reichen über Generationen bis ins Heute.

Was ist jetzt mit den Grünen im grünen Brandenburg?

In der Zeit der Ampel-Regierung hatten wir damit zu leben, dass es eine hohe Aggressivität im Osten gegenüber den Grünen gab. Wir sind jetzt bei der Zustimmung zu unserer Politik noch nicht dort, wo wir einst waren und wo wir hinwollen – die Offenheit, uns zuzuhören, ist aber wieder da.

Harte Aggressivität erlebe ich gerade nicht mehr. Vielmehr gibt es lokal auch eine neue Offenheit, zum Beispiel bei der umkämpften Wärmepumpe oder dem E‑Auto, wenn man schon Solar auf dem Dach hat.

Die Angst vor Veränderung sitzt aber oft tief. Das zu verstehen und damit umzugehen, ist doch die Aufgabe für uns.

Bild: Nils Leon Brauer

Michael Kellner

ist energie­politischer Sprecher der Grünen-Fraktion und Vor­sitzender der Landes­gruppe Ost im Bundestag. Der studierte Politik­wissen­schaftler war in der Ampel-Koalition parlamentarischer Staats­sekretär im Bundes­wirtschafts­ministerium und Mittel­stands­beauftragter der Regierung. Zuvor war er fast zehn Jahre Bundes­geschäfts­führer der Grünen und koordinierte die Wahlkämpfe der Partei.

Zumindest die Naturschutzgebiete haben inzwischen jede Menge Freunde.

Letztes Jahr war ich bei der Feier zum 30-jährigen Bestehen des Nationalparks Unteres Odertal. Michael Succow hielt die Rede. Alle feierten den Park.

Als ich Ende der 90er Jahre erstmals in Schwedt war, gab es noch eine harte Frontstellung, weil man sich sorgte, dass der Park Fischer und Landwirte einschränken würde. Da wurden Angst und Panik verbreitet. Heute wirbt auch Schwedt mit dem Nationalpark.

Als Vorreiter im Naturschutz ist der Osten mittlerweile akzeptiert. Viel weniger ist bekannt, dass es auch innovative Energielösungen gab.

Das stimmt. Kürzlich war eine Besuchergruppe bei mir im Bundestag. Die Leute berichteten, wie sie in den 1980er Jahren als junge Wissenschaftler in der DDR Geothermie-Bohrungen durchführten.

Die Projekte funktionierten aber nur mäßig. Die Pumpen vertrugen das salzhaltige Wasser aus dem Untergrund nicht.

Die Wissenschaftler gründeten nach 1990 aus der Treuhand heraus ein Unternehmen. Das setzte dann Geothermieprojekte im Großraum München um. Irgendwann kam eine Anfrage von Norman Foster, der gerade den Reichstag umbaute. Er wollte wissen, ob sie eine Geothermieanlage für den Reichstag bauen könnten. Das taten sie.

Jetzt ist die Firma wieder im Osten unterwegs, und zwar in Prenzlau im Norden Brandenburgs. Die Stadt will binnen vier Jahren von Erdgas auf Geothermie umsteigen. Dazu sollen die alten Bohrungen aus DDR-Zeiten genutzt werden.

Der Osten ist bei Energie weiter, als viele denken. Dies zu erzählen ist uns weder politisch noch medial bisher gelungen.

Anders als im Westen gelang es den Grünen im Osten nicht, die maßgebliche wissenschaftliche und technische Intelligenz für sich zu gewinnen.

Dafür habe ich folgende These: Viele Oppositionelle in der DDR waren Frauen. Sie hatten im System ökonomisch weniger zu verlieren im Vergleich zu den Männern.

So wurde ein Großteil der damaligen Opposition von mutigen Frauen getragen, die dann meist bei Bündnis 90/Die Grünen weitermachten. Männer waren aus dem Karrieresystem der DDR her viel eher Teil der alten Nomenklatura.

Wer unter dem SED-Regime gelitten hatte, wollte mit dem Teil der Nomenklatura des alten Staates nicht zusammenarbeiten. Bis heute schauen wir bei Wahlen hin, wer sich vor '89 im SED-Regime engagiert hat.

Mit grünen Frauen aus dem Osten wurde aber auch nicht immer zimperlich umgegangen. Als Steffi Lemke, Mitgründerin der Grünen Partei in der DDR, 2021 Bundesumweltministerin wurde, verlor sie die Zuständigkeit für den Bereich Klimaschutz und erneuerbare Energien an den grünen Wirtschaftsminister Robert Habeck. War das nicht eine deutliche Degradierung von Lemke?

Die Erneuerbaren lieferten 2021 schon 44 Prozent des Stroms – mehr als Kohle, Gas und Öl. Sie brauchten den Schutz des Umweltministeriums nicht mehr.

Deswegen gingen sie dorthin, wo Netze, Strom und Ausbau zusammenlaufen: ins Wirtschaftsministerium. Und ohne die gewichtige Rolle des Vizekanzleramtes in den Händen von Robert Habeck hätten wir vieles bei Klima und Erneuerbaren nicht durchsetzen können.

Der große Erfolg von Steffi Lemke in ihrer Amtszeit war, das Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz ins Leben gerufen zu haben. Das wirkt über ihre Amtszeit hinaus.

Sie hat die Umweltpolitik damit um den Aspekt der Natur ergänzt, etwa die Wiedervernässung ehemaliger Moore oder den Erhalt von Ökosystemen wie Wälder. Mit zunehmender Klimakrise ist das gar nicht zu unterschätzen.

Windenergieanlagen am Braunkohlekraftwerk Jänschwalde in der Lausitz. (Bild: Thomas Knauer/​Visdia/​Shutterstock)

In der Ampelregierung gelang es, für Nordrhein-Westfalen einen vorzeitigen Kohleausstieg bis 2030 zu vereinbaren, der noch hält. Von ähnlichen Bemühungen für die Ost-Braunkohleländer ist wenig bekannt. Gab es welche?

Es wird auch im Osten vor dem Ausstiegstermin 2038 einen marktgetriebenen Kohleausstieg geben. Die Meiler laufen immer weniger, das Geschäft wird schwerer. Deshalb braucht es ja eine Absicherung für die Beschäftigten sowie für die Ewigkeitskosten.

Wir sind damals auf die Ost-Ministerpräsidenten zugegangen, über das Angebot eines vorgezogenen Kohleausstiegs zu reden. Wir hätten gern eine Lösung gefunden.

In Nordrhein-Westfalen hatten wir in der Landesregierung einen Vertragspartner gefunden und mit RWE einen Energiekonzern, der interessiert war, das Fossile loszuwerden.

Die Partner fanden sich im Osten nicht?

Nein. Vonseiten der Landesregierungen gab es keine Bereitschaft, über den Ausstieg zu verhandeln. Bei den Ministerpräsidenten regierte die Angst vor kommenden Landtagswahlen.

Ich befürchte, dass die Eigentümer des Braunkohlebetreibers Leag den Ländern das ganze Problem Kohleausstieg vor die Füße kippen werden.

Immerhin haben wir und die grünen Landtagsfraktionen die Länder dazu bewegt, die Regeln für die Braunkohle-Vorsorgegesellschaften in Brandenburg und Sachsen nachzuschärfen. Aber es gibt keine Sicherheit, ob das reicht.

Tatsächlich wurde dafür gesorgt, dass die 1,75 Milliarden Euro Entschädigung, die der Leag für den Kohleausstieg zuerkannt wurden, zu großen Teilen in die Braunkohlesanierung fließen.

Das war ein langer Weg. Aber wer einmal an einem Tagebau stand, hat eine Vorstellung, was für einen Aufwand die Beseitigung dieser Mondlandschaften bedeutet.

Zur Bewältigung der Braunkohle-Altlasten legten die grünen Landtagsfraktionen Brandenburgs, Sachsens und Sachsen-Anhalts 2023 aber auch ein Konzept für eine Braunkohle-Stiftung vor. Was ist aus der Initiative geworden?

Das hätte Teil eines vorgezogenen Kohleausstiegs Ost sein sollen – aber wie gesagt, da sind wir auf massive Ablehnung gestoßen, leider. Ich befürchte, am Ende zahlen die Länder die Zeche.

Im Osten wird der Ausbau der Erneuerbaren viel stärker als im Westen von großen auswärtigen Investoren getrieben. Das sorgt für erhebliche Probleme bei der Akzeptanz.

In der Tat haben wir hier ein Problem. Ostdeutsche Kommunen verfügen über viel weniger eigene Landflächen als die im Westen. Die Treuhand hat diese Flächen einst verscherbelt. Die Folge: Städte und Gemeinden im Osten können Investitionen in Erneuerbare nicht auf eigenen Flächen umsetzen.

Damit werden beispielsweise große Bürgerwindparks verhindert, wie es sie in Schleswig-Holstein gibt. Zehn Prozent der Treuhandflächen hätte man in kommunale oder Bürgerhand geben sollen für erneuerbare Erzeugung. Dann sähe es heute im Osten ganz anders aus. Da ist viel schiefgelaufen nach der Einheit.

Auch das geringere Vermögen der Ost-Haushalte bremst die Energiewende.

Die Leute im Osten tun sich verständlicherweise schwerer, 15.000 Euro für eine Solaranlage mit Speicher auf den Tisch zu legen. Trotzdem geht es voran. In dem Ort, in dem ich lebe, werden gerade jede Menge Wallboxen installiert.

Ich werde nicht müde, über die Dörfer zu ziehen und zu sagen, wir wollen bei der Energie nicht abhängig sein, weder von Trump noch von Putin. Auch in Ostdeutschland will niemand abhängig sein. Das ist ein Argument, das ankommt.

Für Haushalte ohne eigene Solaranlage, die ihren Strom aus der Steckdose beziehen, beschloss der Grünen-Parteitag im November 2025, einen sogenannten Solarbonus zu prüfen. Danach sollen Haushalte im Sommer rund 600 Stunden kostenlosen oder stark vergünstigten Strom erhalten. Wird die Idee politisch noch verfolgt?

Erneuerbare sind so günstig, dass ich jede und jeden nur ermutigen kann, sich ein Photovoltaik-Modul an den Balkon zu hängen. Das lohnt sich.

In Zeiten der Energiepreiskrise und der von Fossilen getriebenen Inflation sind Erneuerbare die Lösung. Deshalb schrauben sich ja so viele Leute eine Anlage aufs Dach.

Beim Solarbonus würden gerade Haushalte mit kleinem Einkommen profitieren, vor allem Mieter. Diese Leute haben in der Regel kein eigenes Dach, um eigenen Strom zu erzeugen. Gleichzeitig hilft die Idee, Verbrauch und Angebot in den stromreichen Zeiten besser auszutarieren. Sie ist also an allen Stellen nützlich.

 

Die Bundeswirtschaftsministerin macht sich für neue Gaskraftwerke und neue Gasheizungen stark, schafft es aber nicht einmal, die Gasspeicher ausreichend zu füllen. Verfängt das am Stammtisch?

Ich befürchte ja. Die schlechte Kommunikation und unausgegorenen Entscheidungen der Bundesregierung sind am Stammtisch sicher nicht hilfreich.

Viele Leute im Osten rechnen spitz und haben eine Solaranlage auf dem Dach, wählen aber dennoch AfD und leugnen den Klimawandel. Aber es gibt auch viele, die keine Lust auf teure fossile Abhängigkeiten haben und sich jetzt sagen, ich lasse das mit der Ölheizung und schaue mir die Wärmepumpe an.

Wirklich?

Gerade in Ostdeutschland sehen wir jetzt eine zweite Chance für die Energiewende. Meine Hoffnung richtet besonders für den ländlichen Raum aufs Energy Sharing.

... dabei überlässt man, vereinfacht gesagt, seinem Nachbarn billig seinen Strom.

Energy Sharing könnte gerade in den Dorfgemeinschaften zu einem Gamechanger werden. Das ist ein solidarisches Instrument, für das ich mehr Leute begeistern will.

Leider machen Regierung und Bundesnetzagentur das Energieteilen derzeit nicht einfach, so wie sie gerade vieles erschweren. Hier kämpfen wir – gerade für den an erneuerbaren Quellen reichen Osten. Denn darin liegt der Wohlstand von morgen.

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