Am frühen Abend, wenn sich die Parks leeren, beginnt für andere der Job. Es bleiben Pizzakartons neben den Bänken, Chipstüten auf den Wegen und Kronkorken im Gras zurück – und natürlich Getränkeflaschen.

Ein Mann schiebt sein Fahrrad hier entlang. Am Lenker hängen zwei große Taschen. Er weiß, wo es sich lohnt: neben dem Mülleimer, unter der Bank, an der Spielplatz-Mauer. PET-Flaschen und Dosen nimmt er gerne, sie wandern in die Tasche.

 

Glasflaschen lässt er häufiger stehen. Zu schwer, zu sperrig, zu wenig wert. Acht Cent für eine Bierflasche, 15 Cent für viele Wasser- oder Limo-Flaschen – viel Gewicht für wenig Ertrag.

Solche Szenen gehören längst zum Alltag in deutschen Städten. Sie erzählen von Armut, Scham, informeller Kreislaufwirtschaft und einem Pfandsystem, das zwar im Grundsatz funktioniert, aber im Detail nicht mehr zeitgemäß wirkt.

Eine neue repräsentative Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts Yougov im Auftrag des Hamburger Getränkeherstellers Fritz-Kola und der Initiative "Pfand gehört daneben" beziffert die geschätzte Zahl der aktiven Pfandsammler und Pfandsammlerinnen deutschlandweit auf gut 1,1 Millionen. Sie ist angestiegen, im vorigen Jahr waren es 1,05 Millionen.

Informelle Arbeit am Rand der Wohlstandsgesellschaft 

Reich wird damit fast niemand. Laut Studie verdienen 82 Prozent der Befragten mit dem Sammeln weniger als 200 Euro im Monat, 56 Prozent sogar weniger als 100 Euro.

Für viele ist es dennoch ein wichtiger Zuschuss: Rund 22 Prozent bessern staatliche Hilfen auf, 20 Prozent die Rente, 19 Prozent sammeln, weil die Erwerbsarbeit nicht reicht.

Pfandsammeln ist informelle Arbeit am Rand der Wohlstandsgesellschaft – sichtbar genug, um sie täglich zu sehen, aber unsichtbar genug, um sie politisch zu verdrängen.

Die Studie verbindet das Thema mit dem Problem der Vermüllung öffentlicher Räume. 74 Prozent der befragten Deutschen meinen, das achtlose Wegwerfen von Müll habe zugenommen.

68 Prozent finden, Parks und Plätze wirkten schmutziger als früher. 62 Prozent beobachten, dass auch Pfandflaschen und Dosen häufiger weggeworfen statt zurückgegeben oder neben einen Mülleimer gestellt werden.

Besonders Glasflaschen fallen auf: 59 Prozent sehen sie häufig im öffentlichen Raum zurückgelassen. Wenn sie zerbrechen, werden sie zum Risiko für Kinder, Hunde, Radfahrer – und für diejenigen, die die Scherben später doch noch aufsammeln müssen.

Viele Pfandsammler sehen sich auch als Umweltschützer

Erstaunlich: Der wichtigste Grund, den Pfandsammler selbst nennen, ist laut einer Befragung unter ihnen nicht zuerst das Geld, sondern Umwelt und Sauberkeit. Immerhin 40 Prozent sagen, sie sammelten zumindest auch, um etwas für die Umwelt oder den öffentlichen Raum zu tun.

Die übrige Bevölkerung unterschätzt diesen Antrieb. Nur 17 Prozent glauben, dass er eine Rolle spielt. 

Die Herstellung einer Glasflasche braucht viel Energie, sie kann aber dann Dutzende Male wiederverwendet werden. (Bild: Manfred Zimmer/​Pixabay)

"Pfandsammeln ist gelebter Umweltschutz im Alltag", sagt Pascal Fromme, Nachhaltigkeitsverantwortlicher bei der Getränkefirma. Tatsächlich bleibt jede Dose oder Einwegflasche, die aus dem Park in den Pfandautomaten kommt, dem Straßenmüll erspart und kann recycelt werden. Jede Mehrwegflasche, die heil zurückkommt, kann erneut befüllt werden.

Gut wäre es, wenn gerade auch die Mehrweg-Glasflaschen ohne Schwund wieder in den Kreislauf kommen. Nach Angaben des Umweltbundesamtes schneiden sie nämlich in der Umweltbilanz gut ab, sofern sie nicht zu weit transportiert werden, denn sie können bis zu 50-mal wiederbefüllt werden. Doch gerade hier hapert es.

Eine Debatte dreht sich daher um die Pfandhöhe. Sollte das Pfand auf Glas- und Plastik-Mehrwegflaschen ebenfalls von acht oder 15 auf 25 Cent steigen, so wie es bei Einwegflaschen und Dosen erhoben wird? Für Verbraucher ist die bisherige Differenz verwirrend: Mehrweg ist meist ökologisch besser, das niedrige Pfand signalisiert aber weniger Wertigkeit.

Die aktuelle Untersuchung liefert Argumente für eine Reform. 61 Prozent der Pfandsammler sagen, ein höheres Glasmehrweg-Pfand würde sie dazu bewegen, mehr Glasflaschen zu sammeln. Im Vorjahr waren es 51 Prozent. In der Bevölkerung finden 63 Prozent, ein einheitlicher Pfandwert könne das System vereinfachen und mehr Rückgaben auslösen.

Große Brauereien lehnen höheres Pfand ab

Auch der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) unterstützt eine Erhöhung. VKU-Vizepräsident Uwe Feige spricht von Beträgen, die durch die Inflation an Wirkung verloren haben. 25 Cent könnten "nur ein Start" sein. Gerade bei Veranstaltungen könne ein höheres Pfand die Vermüllung verringern.

Auch die kommunalen Entsorgungsunternehmen in Großstädten wie Berlin, Hamburg oder Köln berichten immer wieder von wachsenden Mengen zurückgelassener Pfandflaschen, vor allem nach Straßenfesten und Park-Picknicks.

In Hamburg zum Beispiel werden die zurückgelassenen Plastikflaschen verbrannt. Sie seien oft beschädigt oder verschmutzt, so die Entsorger, zudem sei es vom Aufwand her kaum möglich, sie getrennt einzusammeln und zurückzubringen.

Doch höhere Pfandsätze sind umstritten. Teile der Getränkewirtschaft warnen vor Nebenwirkungen. Der Deutsche Brauer-Bund zum Beispiel hält einen Pfandsatz von 25 Cent für kontraproduktiv.

Die Umstellung sei teuer und kompliziert, da Kassen, Rücknahmeautomaten, Abrechnungssysteme und Pfandkreisläufe zu einem Stichtag angepasst werden müssten, so der Verband, der vor allem Großbrauereien wie Inbev oder die Radeberger-Gruppe vertritt. Zudem binde eine Erhöhung mehrere hundert Millionen Euro im System.

Es gibt aber auch Brauereien, vor allem kleinere und mittelständische, die sich für ein höheres Pfand aussprechen, weil verlorene Flaschen und Kästen für sie teuer geworden sind. Der Neubeschaffungswert einer Flasche von über 20 Cent liege längst deutlich über dem heutigen Pfand, weshalb fehlender Rücklauf die Betriebe belastet.

 

Am Ende sollte die Pfanddebatte aber nicht den Blick verengen. Pfandringe und andere Pfandbehälter an Mülleimern sowie höhere Pfandsätze können zwar helfen. Sie machen Städte sauberer, vermeiden Bruchglas und bringen Rohstoffe zurück in Kreisläufe.

Aber sie ändern nichts an dem Skandal hinter der Alltagsszene im Park: In einem reichen Land sind mehr als eine Million Menschen darauf angewiesen oder werden zumindest dazu gedrängt, Flaschen und Dosen zu sammeln, um finanzielle Lücken zu schließen.

Wer ihnen das Sammeln erleichtert, tut etwas Richtiges. Wer dabei stehen bleibt, verwechselt Würde mit Kleingeld.