Andreas Knie (Bild: WZB)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Andreas Knie, Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung.

Klimareporter°: Herr Knie, Kanzler Merz warnte beim Petersberger Klimadialog, Klimaschutz dürfe nicht die industrielle Basis gefährden. Ein Wandel, der zu einer Deindustrialisierung führe, werde in der Bevölkerung keine Akzeptanz finden. Wie groß ist diese Gefahr tatsächlich?

Andreas Knie: Friedrich Merz und die CDU sind antimodern, rückwärtsgewandt und klientelgetrieben. Man macht immer wieder das Gleiche. Im vermeintlichen Glauben, dass es bei den Leuten gut ankommt, versucht man nicht wandlungsfähige Industrien zu retten, um sie vor der Unbill der Transformation zu schützen.

Damit fährt man aber die Volkswirtschaft an die Wand, und das mit viel Steuergeld. Merz ist mit der Debatte um das Aus vom Aus des Verbrenners oder die Rückpriorisierung des Umweltschutzes dafür verantwortlich, dass Deutschland den Anschluss an den internationalen Wettbewerb verpasst.

Seine Politik ist die Ursache der Deindustrialisierung, weil er ein romantisches Verhältnis zur Industrie pflegt. In Merz' Welt rauchen die Schornsteine im Ruhrgebiet noch, Kohle wird gefördert, Eisen und Stahl geschmolzen und abends spricht Hans-Joachim Kulenkampff im Schwarzweißfernseher zu deutschen Familien.

Eine Welt, die schon in den 1950ern und 1960ern nicht funktionierte und die auch nicht mehr zurückkommt.

Seit Wochen beherrschen ein drohender Kerosinmangel und mögliche Flugausfälle die öffentliche Debatte. Die SPD fordert sogar einen Treibstoffgipfel. Wie kann es sein, dass die klimaschädlichste Form der Mobilität derart die Schlagzeilen dominiert?

Rund zwei Drittel aller Deutschen fliegen nie, rund ein Fünftel tut dies nur gelegentlich. Lediglich zehn Prozent der Bevölkerung sind wirkliche Vielflieger.

Auch wird insgesamt wird deutlich weniger geflogen. Die Passagierzahlen an Deutschlands Flughäfen haben noch nicht einmal 80 Prozent des Vor-Corona-Niveaus erreicht. Die Geschäftsflüge sind sogar um ein Drittel zurückgegangen. Innerhalb Deutschlands nimmt der Flugverkehr noch stärker ab.

Ich gehe davon aus, dass es in fünf Jahren keinen gewerblichen Flugverkehr innerhalb Deutschlands mehr gibt.

Man sollte das Fliegen als das verstehen, was es ist: eine ganz außergewöhnliche Form der Fortbewegung, die nur zu ganz außergewöhnlichen Anlässen genutzt wird.

Um die Energiekrise zu bewältigen, arbeitet die EU-Kommission an einem Maßnahmenpaket, das kurzfristig Entlastung durch Energieeinsparungen bringen soll. Im Zentrum stehen Vorschläge wie mehr Homeoffice, günstigere Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und steuerliche Anreize für klimafreundliche Technologien. Was würden Sie gegen die Energiekrise vorschlagen?

Die EU-Kommission ist ja nicht immer für intelligente Vorschläge bekannt. Diese gehören aber ohne Zweifel dazu.

Wir sollten zum Energiesparen auf das zurückgreifen, war wir bereits im Alltag beherrschen. Wir fahren weniger, weil wir mehr Homeoffice machen. Auch minimieren die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten deutlich den physischen Verkehr.

Das Neun-Euro-Ticket hat gezeigt, dass sich Busse und Bahnen emotionalisieren lassen und viel mehr Menschen begeistern können, wenn etwas geboten wird.

Man könnte das alles wunderbar anreizen, wenn man dem Verbrennerauto einfach seine Privilegien nähme. Für Benzin- und Dieselautos gäbe es keine Entfernungspauschale und kein Dienstwagenprivileg und auch keine direkte Dieselsubventionierung mehr.

Wir würden wunderbar sparen und hätten noch zwölf Milliarden Euro übrig.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Der Bundestag hat das Benzinverschwendungsgesetz beschlossen nach dem Motto: Hoch die Tassen, es gibt kein Morgen mehr!

Ein unglaublicher Kniefall vor der Öl- und Gasindustrie. Teuer und ohne Wirkung. Dümmer kann Politik nicht sein.

Anstatt die bereits im Alltag gut funktionierenden Praktiken des sinnvollen Umgangs mit Benzin zu unterstützen, verbilligt man genau den Treibstoff, den man schon allein aus versorgungspolitischen Gründen reduzieren müsste. Man fragt sich wirklich, wer da noch alle Tassen im Schrank hat.

Fragen: Jörg Staude

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