Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Tilman Santarius, Geschäftsführer des Deutschen Klima-Konsortiums.
Klimareporter°: Herr Santarius, nach dem AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt fürchtet die Erneuerbaren-Branche einen Einbruch. Eine Unterstützung von AfD-Anträgen durch das BSW erscheint in der Energiepolitik als möglich. Dies könnte Bundesrecht nicht brechen, aber die Umsetzung verzögern. Sind solche Befürchtungen über energie- und auch klimapolitische Folgen der Landtagswahl berechtigt?
Tilman Santarius: Insgesamt wird keine Partei und keine Landesregierung mehr die Tatsache ändern können, dass Windkraft seit mehr als zehn Jahren den billigsten Strom aller Energieträger liefert. Und Sachsen-Anhalt hat mit der Magdeburger Börde und dem Raum Halle/Saale-Unstrut eine der sonnigsten Regionen Mitteldeutschlands. Dort sind die Gestehungskosten für Strom aus Photovoltaik mittlerweile ähnlich günstig wie aus Windkraft.
Eine ideologisch motivierte Landesregierung könnte dennoch den weiteren Wind- und Solarausbau verzögern – zum Beispiel die Regionalplanung verschleppen, bei der Windvorranggebiete ausgewiesen werden, oder die Genehmigungsverfahren, die Artenschutz- und Abstandsprüfungen auslegen. Damit würde die AfD sich aber selbst widersprechen, weil sie ja angeblich Bürokratie abbauen möchte.
Außerdem erwarte ich dann Widerstand aus Sachsen-Anhalts Wirtschaft, etwa von den Branchenverbänden und der IHK Sachsen-Anhalt sowie von Unternehmen wie Hanwha Q-Cells in Bitterfeld-Wolfen, einem der größten Solarzellenhersteller Europas und wichtigstem Arbeitgeber vor Ort.
Auch die Chemie- und Energiegewerkschaft IGBCE dürfte sich das nicht gefallen lassen, denn die Zukunft der Chemieindustrie in Leuna und Bitterfeld hängt an verlässlichem Grünstrom und Wasserstoff.
Letzte Woche beriet der Bundestag erstmals über den Haushalt für 2027. Verbände und Fachleute dringen insbesondere auf Korrekturen beim Klima- und Transformationsfonds und beklagen zudem eine soziale Schieflage. Investitionen, die Energiekosten dauerhaft senken können, dürften nicht beschnitten werden. Wo sehen Sie Veränderungsbedarf im Bundeshaushalt?
Es ist mir unverständlich, dass die Bundesregierung ausgerechnet bei den Ausgaben des Klima- und Transformationsfonds kürzen will – bei genau den Investitionen, die Deutschland krisenfester, sozial gerechter, unabhängiger von fossilen Energien und enkeltauglicher machen. Die Achterbahnfahrt bei den Energiepreisen der vergangenen Jahre belastet viele und gerade einkommensschächere Haushalte immens.
Die Einnahmen aus dem Emissionshandel sollten nicht zur Haushaltskonsolidierung zweckentfremdet, sondern gänzlich in Klimaschutz gesteckt werden. Gerade die Förderung von Wärmepumpen und energetischer Sanierung müsste nicht gekürzt, sondern massiv ausgebaut werden.
Die Weltmeteorologieorganisation WMO verkündete am Donnerstag, dass El Niño – eine natürliche Veränderung der Meeresströmung, die die globalen Wettermuster verändert – fast sicher bis Februar 2027 anhalten wird. Dadurch könnten sich Dürren, Überschwemmungen und Wetterextreme weltweit vervielfachen. Inzwischen sind Klimaforscher der Ansicht, dass auch der Klimawandel El Niño und seine Wirkungen verstärkt.
Wie sehen Sie das – und lässt sich dagegen überhaupt etwas tun?
Meine naturwissenschaftlichen Kolleg:innen aus dem Deutschen Klima-Konsortium gehen davon aus, dass uns ein "Super-El‑Niño" ins Haus steht – möglicherweise der stärkste jemals gemessene. Wir wissen aus vergangenen Jahren mit El Niños, wie dieses Phänomen die gewohnten Wettermuster durcheinanderwirbelt. Das sorgt vor allem in Südostasien und Südamerika für Extremwetter, könnte aber auch bei uns in Europa Auswirkungen haben.
Langfristig ist das beste Mittel, die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft viel schneller voranzutreiben als bisher. Hoffentlich wird auf der nächsten Klimakonferenz der Ausstieg aus fossilen Energieträgern verbindlich beschlossen.
Kurzfristig braucht es einen deutlichen Schub in der Klimaanpassung. Der extreme Sommer dieses Jahres hat gezeigt, dass es flächendeckend Hitzeaktionspläne braucht – bisher haben erst sieben der 16 Bundesländer einen vorgelegt. Kritische Infrastruktur zum Schutz vulnerabler Menschen, etwa in Krankenhäusern und Altenheimen, muss rascher ausgebaut werden.
Und zwar nicht nur für Hitzewellen, sondern auch für Stürme. Hier gibt es bisher gar keine eigenständigen Aktionspläne, sondern nur Warnsysteme.
Das Klimaanpassungsgesetz verpflichtet Kommunen zu integrierten Anpassungskonzepten, die Hitze, Dürre und Starkregen gemeinsam behandeln sollen. Doch in vielen Kommunen mangelt es dafür an Finanzierung. Investitionen ließen sich über das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität fördern – die Erstellung der Konzepte selbst allerdings nicht.
Künstliche Intelligenz wird als Heilsversprechen gefeiert oder als drohende Apokalypse gefürchtet. Das betrifft auch den Klimaschutz und die Klimapolitik, global wie national. Wie sollen hier Wissenschaft, Medien und Zivilgesellschaft mit einer Technologie umgehen, die zunehmend mitbestimmt, was wir wissen, glauben und für wahr halten?
Wir haben in unserem Buch "Smarte grüne Welt?" schon 2018 die These aufgestellt, dass die Rolle digitaler Technologien für die sozial-ökologische Transformation völlig unklar ist. Wenn sie nicht politisch viel stärker gesteuert werden, fachen sie vor allem die kapitalistische Verwertungslogik an und laufen dem Klimaschutz zuwider.
Den Hype, dass Klimaschutz durch KI einfacher oder gar zum Selbstläufer würde, finde ich naiv. Stattdessen sehe ich mit großer Sorge, dass enorme Umwälzungen durch KI anstehen, die sich teils noch gar nicht vorhersehen lassen.
Erst gestern haben Dario Amodei, der Chef von Anthropic, Sam Altman von Open AI und Elon Musk in denkwürdiger Eintracht behauptet, sie wollten nun selber die Geschwindigkeit der KI-Entwicklung drosseln, weil sonst zu große Gefahren für die Menschheit drohten. Ich halte das für ein gefährliches Ablenkungsmanöver, damit die Politik diesen Bereich weiterhin einfach machen lässt.
KI bräuchte dringend mehr Regulierung – nicht nur für Anwendungen im militärischen Bereich oder für selbstständige Softwareentwicklung, sondern auch was ihren enormen Energie- und Ressourcenverbrauch betrifft.
Und was war Ihre Überraschung der Woche?
Vor drei Tagen hat die Deutsche Bahn angekündigt, dass sie die Generalsanierungen ihrer wichtigsten Strecken doch nicht bis Anfang der 2030er schafft: Statt vier könnten nur noch zwei bis maximal drei Generalsanierungen pro Jahr durchgeführt werden.
Damit könnte die Instandsetzung der maroden, aber für den Klimaschutz überaus wichtigen Infrastruktur nun sogar bis in die 2040er Jahre dauern. Mehrmonatige Vollsperrungen auf wichtigen Strecken werden dann noch über ein Jahrzehnt zum Alltag in Deutschland gehören.
Die Überraschung für mich: Der Verkehrsminister hat sich dazu gar nicht geäußert und die Social-Media-Kanäle blieben erstaunlich ruhig. Da wundere ich mich, wo eigentlich das sogenannte Wutbürgertum geblieben ist.
Fragen: Jörg Staude
