Michael Müller. (Bild: Martin Sieber)

Das Wichtigste aus 52 Wochen: Sonst befragen wir die Mitglieder unseres Herausgeberrats im Wechsel jeden Sonntag zu ihrer klimapolitischen Überraschung der Woche. Zum Jahresende wollten wir wissen: Was war Ihre Überraschung des Jahres? Heute: Michael Müller, als SPD-Politiker bis 2009 Parlamentarischer Staatssekretär im Umweltministerium, heute Bundesvorsitzender der Naturfreunde Deutschlands.

Das Überraschende, ja sogar Erschreckende in der Bewertung dieses Jahres ist, wie schnell sich die öffentliche Meinung ohne einen breiten Diskurs zu einer bellizistischen Remedur hingewendet hat. Die Militarisierung der Politik ist dennoch nicht vom Himmel gefallen, denn die Wurzeln wurden in den letzten zwei Jahrzehnten von konservativen "Sicherheitsberatern" gelegt, die heute in den Medien das Sagen haben. Andere Positionen werden kaum gehört.

Der alles überragende Meinungsbaum ist daraus mit dem schrecklichen Ukraine-Krieg geworden. In einem Bruch mit der erfolgreichen europäischen Friedens- und Entspannungspolitik und der faktischen Ablehnung von Gorbatschows Vorschlag vom "Gemeinsamen Haus Europa" entstand eine Ideologie in Anpassung an die Neocons der USA, zu denen beispielsweise Dick Cheney, Paul Wolfowitz und Donald Rumsfeld gehörten, wonach "Frieden nur mit militärischer Stärke" zu erreichen sei.

Die ersten Ansätze dieser Ideologie waren früher im Kalten Krieg vor allem unter Ronald Reagan darauf gerichtet, die Sowjetunion "kaputtzurüsten". Die Zusagen an Gorbatschow wurden nicht eingehalten. Mit dessen Hilfe ist die Berliner Mauer friedlich gefallen, aber heute ist die Nato dabei, die Welt kaputtzurüsten, während ein aktiver Klimaschutz nicht stattfindet.

Damals schmiedeten die Neocons die "Koalition der Willigen" für den Irak-Krieg, der von US-Außenminister Colin Powell im UN-Sicherheitsrat damit begründet wurde, der irakische Machthaber Saddam Hussein verfüge verbotenerweise über biologische und chemische Waffen, was – wie Powell später selbst zugab – eine Lüge war. Es ging vor allem um "Energiesicherheit".

Europa in der Sackgasse

Heute schmieden Merz, Macron und Starmer zusammen mit von der Leyen und Kallas eine ähnliche Koalition. In das Kriegsgeschrei stimmt Nato-Generalsekretär Mark Rutte mit schrillen Tönen ein. So schrill, dass in den Niederlanden die Bürger und Bürgerinnen ihr Geld von den Banken abhoben, von denen einige daraufhin in Zahlungsschwierigkeiten kamen, bis Rutte zurückruderte.

Das alles wird Putin angelastet, der natürlich für das Verbrechen des Krieges in der Ukraine verantwortlich ist, was aber nicht erklärt, warum die EU und Großbritannien bis heute keinen ernsthaften Friedensplan vorgelegt haben, der den Sicherheitsinteressen Russlands, der Ukraine, West- und Mitteleuropas gerecht wird. Das wollten sie einfach nicht.

Das ist der Hintergrund für die Sackgasse, in der sich Europa heute befindet. Statt für eine gesamteuropäische Friedens- und Entspannungspolitik einzutreten, kam es zur bellizistischen Remedur, zur Kehre von der Entspannungspolitik zur Militarisierung der westlichen Politik.

Meine Überraschung des Jahres ist, dass die "Kriegstüchtigkeit", die 2024 noch mehrheitlich kritisch gesehen wurde, heute scheinbar selbstverständlich ist.

Diese Kriegstüchtigkeit akzeptiert, was vor wenigen Jahren noch undenkbar war: Erstens die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Zweitens die Stationierung von Mittelstreckenraketen, wobei insbesondere die Hyperschallrakete Dark Eagle eine Erstschlagwaffe ist, die Deutschland zu einem vorrangigen Kriegsziel macht. Drittens die Erhöhung der Militärausgaben in den Nato-Staaten auf fünf Prozent vom Bruttoinlandsprodukt. Kurzsichtiger geht es kaum. 

Wo bleibt die große Weigerung? 

Mich wundert auch, dass die Umweltbewegung nicht stärker dagegen rebelliert. Klimaschutz braucht mehr Gemeinsamkeit und nicht Konfrontation und kalten Krieg. 

Das Fünf-Prozent-Ziel bedeutet aber nach vorliegenden Hochrechnungen, dass im Jahr 2030 unter Einschluss der Rückzahlung, Zinsen und Schuldentilgung bis zu 300 Milliarden Euro im Bundeshaushalt bereitgestellt werden müssen. Das sind dann rund 43 Prozent des Bundeshaushalts.

Vielleicht sogar noch mehr, denn der Bundeshaushalt beträgt heute 526 Milliarden Euro. Es muss dann zu dramatischen Einsparungen und Kürzungen kommen. Der Verteilungskampf wird noch viel härter als bei der Rente.

 

Das aber bedeutet: Eine aktive sozial-ökologische Gestaltung der Transformation zu einer klimagerechten Wirtschaft und Gesellschaft wird zu einer lächerlichen Restgröße. Deutschland rüstet auf, statt Zukunftsvorsorge zu betreiben.

Kurz: In diesem Jahr ist die "Kriegstüchtigkeit" zum Leitthema geworden, während der Schutz des Erd- und Klimasystems aufs Abstellgleis geschoben wurde. Wo bleibt die große Weigerung unserer Gesellschaft?