Claudia Kemfert. (Bild: Oliver Betke)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Claudia Kemfert, Professorin für Energiewirtschaft und Chefin des Energie- und Umweltbereichs am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW.

Klimareporter°: Frau Kemfert, die EU-Kommission genehmigte diese Woche die Ausschreibungen nach dem StromVKG, dem Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz. Schon zum 8. September sind die ersten 4.500 Megawatt sogenannter Langzeitkapazitäten ausgeschrieben. Darum werden sich fast ausschließlich erdgasgefeuerte Kraftwerke bewerben.

Im Dezember soll eine weitere Ausschreibung in gleichem Umfang folgen. Hat sich die Bundeswirtschaftsministerin mit ihrer fossilen Kraftwerksstrategie durchgesetzt?

Claudia Kemfert: Im Kern ja. Die Ausschreibungen sind zwar auf dem Papier technologieoffen, die Bedingungen sind aber so gesetzt, dass zunächst vor allem neue Gaskraftwerke zum Zuge kommen dürften. Damit droht ein fossiler Lock-in für viele Jahre, ausgerechnet in einer Phase, in der Gas teuer, geopolitisch riskant und klimapolitisch ein Auslaufmodell ist.

Wir brauchen gesicherte Leistung, aber eben nicht automatisch möglichst viele neue Gaskraftwerke. Batteriespeicher und andere Speicher, Lastmanagement, europäischer Stromhandel, Digitalisierung und flexible Nachfrage können einen erheblichen Teil der Aufgabe übernehmen.

Unsere Untersuchungen zeigen gerade, dass ein klassischer Kapazitätsmarkt solche Flexibilitäten eher ausbremsen kann. Eine gezielte Versorgungssicherheitsreserve wäre schlanker und flexibler gewesen.

Und "H2-ready" ist noch keine Klimastrategie: Entscheidend ist, ob grüner Wasserstoff später tatsächlich verfügbar und bezahlbar sein wird – nicht, ob man irgendwann theoretisch umrüsten könnte.

Was Klimaforschern lange klar ist, hat ein neuer UN-Bericht offiziell bestätigt: Die Erderwärmung wird die 1,5-Grad-Marke in den nächsten Jahren überschreiten und im besten Fall 1,8 Grad erreichen, es sind aber auch 2,6 Grad möglich. Kommentatoren fordern jetzt ein globales Großprojekt zur CO2-Sanierung der Atmosphäre. Was, meinen Sie, sollten wir tun?

Wir sollten vor allem eines nicht verwechseln: CO2 aus der Atmosphäre zu holen ist notwendig – aber es ersetzt nicht das schnelle Ende der fossilen Emissionen. Man dreht schließlich auch zuerst den Wasserhahn zu, bevor man das überschwemmte Badezimmer trockenlegt.

Der neue UN-Bericht ist deshalb kein Argument für weniger Klimaschutz, sondern für mehr Tempo. Kohle, Öl und Gas müssen deutlich schneller ersetzt, Methanemissionen gesenkt und natürliche CO2-Senken wie Wälder und Moore geschützt werden. Zusätzlich werden wir CO2-Entnahme brauchen, besonders für unvermeidbare Restemissionen und um nach dem Überschreiten der 1,5 Grad möglichst wieder herunterzukommen.

Aber daraus sollte kein gigantischer Freifahrtschein für technisch riskante Geoengineering-Experimente werden. Emissionen vermeiden bleibt um Größenordnungen sinnvoller, als sie hinterher mühsam wieder einzusammeln.

Klimaschutz ist preiswerter als kein Klimaschutz – wie teuer allerdings die globale Erwärmung eine Volkswirtschaft zu stehen kommt, ist schwer zu beziffern. Einige Studien sagen bei einem Plus von drei Grad Celsius lediglich ein weltweites Bröckeln des Bruttoinlandsprodukts von 1,6 und drei Prozent vorher, andere ermitteln für drei Grad einen Einbruch des BIP um sieben bis 13 Prozent. Warum ist die Spannbreite so groß?

Weil Modelle nur das berechnen können, was man ihnen mitgibt. Manche berücksichtigen im Wesentlichen den Effekt einer höheren Durchschnittstemperatur auf das BIP. Andere erfassen zusätzlich Hitzeextreme, Dürren, Starkregen, Produktivitätsverluste, zerstörte Infrastruktur oder längerfristige Wachstumseffekte. Dann werden die Schäden schnell sehr viel größer.

Noch schwieriger wird es bei Kipppunkten, Artenverlust, Gesundheitsfolgen, Migration oder unterbrochenen Lieferketten. Vieles davon taucht im BIP entweder nur unvollständig oder gar nicht auf. Hinzu kommen unterschiedliche Annahmen darüber, wie schnell sich Volkswirtschaften anpassen können.

Die große Spannbreite bedeutet deshalb nicht, dass wir nicht wissen, ob Klimawandel teuer wird. Das wissen wir sehr genau. Unsicher ist vor allem, wie teuer er wird – und die Gefahr besteht eher darin, die Schäden zu unterschätzen.

Meine eigene Klimakostenforschung zeigt seit vielen Jahren: Prävention ist volkswirtschaftlich erheblich günstiger als Reparatur.

Immer mehr Haushalte investieren in Solaranlagen, E‑Autos und andere klimafreundliche Technik, ergab das aktuelle Energiewendebarometer der Förderbank KfW. Die entscheidende Trennlinie verläuft aber weniger zwischen Befürwortern und Gegnern der Energiewende als zwischen denen, die sich klimafreundliche Technik leisten können, und denen, denen dafür das Geld fehlt. Betreibt Deutschland einen Klimaschutz für Besserverdienende?

Noch zu oft profitieren diejenigen zuerst, die Eigentum und Kapital haben. Die Zahlen der KfW sind ziemlich eindeutig: Im oberen Einkommensviertel nutzt inzwischen etwa jeder zweite Haushalt Energiewendetechnologien, im unteren nur jeder fünfte. Bei Eigenheimbesitzern ist die Beteiligung fast viermal so hoch wie bei Mietern.

Die Konsequenz kann aber nicht sein, die Energiewende abzubremsen. Wir müssen den Zugang demokratisieren. Die Energiewende darf kein Eigenheimprogramm für Gutverdienende sein.

Dazu gehören gezielte Förderung und günstige Finanzierung für Haushalte mit kleinen und mittleren Einkommen, Mieterstrom und Energy Sharing, eine faire Kostenverteilung bei Wärmepumpen sowie ein attraktiver öffentlicher Verkehr. Gerade Menschen mit wenig Einkommen sollten von niedrigen laufenden Energie- und Mobilitätskosten profitieren können. Sozial gerechter Klimaschutz ist nicht weniger Klimaschutz, sondern besser gemachter Klimaschutz.

 

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Mich hat überrascht – und durchaus gefreut –, wie robust unser Stromsystem selbst unter Stress ist. Bei den mutmaßlichen Sabotageakten auf Strominfrastruktur fielen zeitweise mehrere Kraftwerksblöcke aus, ohne dass die Netzstabilität verloren ging.

Das zeigt zweierlei: Unser Stromsystem ist stabiler, als es in manchen politischen Debatten dargestellt wird. Aber Resilienz wird immer wichtiger. Wir müssen Netze modernisieren, digitalisieren und stärker dezentral aufstellen – und gleichzeitig Cybersicherheit, physischen Schutz und umfassende Sicherheitskonzepte für kritische Infrastruktur deutlich ernster nehmen.

Viele erneuerbare Anlagen, Speicher und intelligente Netze sind deshalb nicht nur Klimaschutz. Sie machen das Energiesystem auch weniger verwundbar und sind damit Teil unserer Sicherheitsvorsorge.

Fragen: Jörg Staude

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