Matthias Willenbacher. (Bild: Wiwin)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Matthias Willenbacher, Gründer der Plattform für nachhaltiges Investieren Wiwin.

Klimareporter°: Herr Willenbacher, dass es der Klimaschutz mit Schwarz-Rot nicht leichter haben wird, war zu erwarten. Aber haben Sie damit gerechnet, dass eine Bundesregierung eine mehrere Milliarden teure Preissubvention für Gasspeicher aus einem Transformationsfonds für Klimaschutz und Energiewende bezahlen lassen will?

Matthias Willenbacher: Dass der Klimaschutz in dieser Regierung eine untergeordnete Rolle spielt, war abzusehen. In dem Ausmaß aber habe ich das nicht erwartet.

Bundeskanzler Friederich Merz behauptete bei "Maischberger" tatsächlich, es sei "zum Teil richtig, aber sicherlich nicht ausschließlich", dass die jüngste Hitzewelle in Europa dem Klimawandel geschuldet sei. Wissenschaftlich belegt ist dagegen: Häufigere Hitzewellen und höhere Temperaturen sind menschengemacht. Wer das verschweigt, macht das Offensichtliche zur Nebensache.

Im Bundestag sagte Merz, Deutschland verursache nur zwei Prozent der globalen CO2‑Emissionen, ein Anteil, der keinerlei Einfluss auf globale Katastrophen habe. Fakt ist jedoch: Deutschland gehört zu den fünf größten Emittenten weltweit. Wir emittieren hierzulande doppelt so viel wie der globale Durchschnitt.

Das ist so, als würde in einer Fußballmannschaft der stärkste Läufer stehen bleiben und sagen: "Die anderen können ja auch laufen." Jeder muss Verantwortung tragen – erst recht Deutschland.

Mitten in der Gasvolatilitätskrise subventioniert die Regierung den Gasmarkt. Gleichzeitig senkt sie die Stromsteuer aber nicht. Das ist eine Schande. Damit verzögert sie den Ausbau erneuerbarer Energien weiter und stärkt ein fossiles System. Ein klimapolitischer Super-GAU.

Um es ganz klar zu sagen: Wenn wir auf Gas setzen, setzen wir nicht nur auf einen Klima-, sondern auch auf einen Marktwirtschaftskiller.

Militärische Emissionen sind ein großer schwarzer Fleck in der Klimaforschung. Da die meisten Länder mit Verweis auf Sicherheitsbedenken die Treibhausgasemissionen ihres Militärs gar nicht oder nur unvollständig mitteilen, ist die Datengrundlage denkbar schlecht. Muss der Klimaschutz angesichts wachsender Bedrohungen hier hintanstehen?

Die Friedenssicherung muss stets höchste Priorität haben. Dafür ist ambitionierter Klimaschutz eine elementare Voraussetzung.

Was viele vergessen: Erneuerbare Energien sind Friedensenergien. Selbst Christian Lindner hat sie als "Freiheitsenergien" bezeichnet, weil sie uns unabhängig machen von autoritären Regimen, von fossilen Rohstoffimporten und von Preis- und Versorgungskrisen.

Sonne und Wind gehören niemandem und sind überall verfügbar. Wenn wir unsere Energie aus diesen Quellen gewinnen, gibt es keinen Grund mehr, um Öl oder Gas Krieg zu führen.

Natürlich muss sich unsere Gesellschaft auch absichern können. Ich bin Pazifist, aber ich sehe klar: Sicherheit ist notwendig.

Was ich aber nicht verstehe, ist: Wir planen inzwischen fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Rüstung ein, dabei wäre jeder Euro in die Energiesouveränität besser investiert. Denn wer schnell erneuerbare Energien ausbaut, entschärft Ressourcenkonflikte.

Und ja, auch das Militär muss seinen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Wenn klimafreundliche Technologien dabei sogar strategische Vorteile bringen, umso besser. Dazu braucht es aber politische Vorgaben und klare Prioritäten.

Für mich steht fest: Friedenspolitik braucht Klimaschutz, und Klimaschutz ist friedenserhaltend. Wenn wir weniger Konflikte wollen, dann müssen wir massiv in den Ausbau erneuerbarer Energien investieren.

Sie erwähnten schon die kürzliche Hitzewelle. Zwei Drittel der hitzebedingten Todesfälle sind dabei auf den Klimawandel zurückzuführen, ergab eine Studie der Forschungsgruppe WWA. Wenn es mit der CO2-Reduktion nun nicht so gut klappt, sollten wir dann nicht wenigstens Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser und Pflegeheime mit Klimaanlagen ausstatten?

Der Sommer 2025 und die Sommer davor sind wahrscheinlich die kältesten Sommer für den Rest unseres Lebens. Denn jeder Sommer wird heißer, so ist die Realität. Wir müssen uns jetzt an die fortschreitende Erderhitzung anpassen. Das heißt auch, wir müssen unser Lebensumfeld entsprechend verändern.

Technische Lösungen wie Klimaanlagen sind ein Teil der Lösung. Eigentlich sollten wir alles tun, um ihren Einsatz zu vermeiden. Sie sind energieintensiv, wenn der Strom dafür aus nicht erneuerbaren Quellen kommt.

Wenn es um den Schutz von Menschen in Pflegeheimen, Krankenhäusern, Kitas oder Schulen geht, dann dürfen wir aber nicht zögern. Es darf nicht am Strom scheitern, und das muss es auch nicht. Wir haben heute schon mehr als genug Solarenergie, um solche Systeme sauber zu betreiben.

Klimaanpassung heißt auch, Städte umzubauen. Mehr Fassaden- und Dachbegrünung, um die Gebäude und ihre Umgebung zu kühlen. Mehr Bäume und weniger versiegelte Flächen. Wir müssen mit den Temperaturen leben lernen und gleichzeitig so bauen, dass es nicht noch schlimmer wird.

Wir können das sogar intelligent kombinieren: Wärmepumpen zum Beispiel kühlen im Sommer und speichern dabei die überschüssige Wärme im Boden, die wir im Winter wieder nutzen können.

Trotzdem ist klar: Ohne konsequenten Klimaschutz hilft uns die beste Anpassung nichts. Wir müssen den CO2-Ausstoß drastisch senken, mit einem echten Ausbau der Erneuerbaren, einer Verkehrswende, neuen Energiespeichern und effizienteren Gebäuden. Klimaschutz und Klimaanpassung gehören heute zusammen. Leider.

 

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Das ist: Wie fragil die noch vor wenigen Jahren als unvermeidlicher Siegeszug bejubelte globale Entwicklung der erneuerbaren Energien doch ist.

In den USA hat die Trump-Regierung mit dem "Big Beautiful Bill" den Erneuerbaren-Boom des Inflation Reduction Act von Joe Biden kurzerhand zunichtegemacht. Die globalen Verwerfungen dieser Schockbehandlung durch die "Trumponomics" werden uns noch eine Weile beschäftigen.

Das sollte uns eigentlich eine Lehre sein. Der Ausbau der erneuerbaren Energien muss Priorität jeder Bundesregierung, egal welcher Couleur, sein. Und zwar ohne Brüche und Verwerfungen.

Doch danach sieht es im Moment leider nicht aus. Das Wirtschaftsministerium unter Katherina Reiche gibt nämlich erst einmal mit großer Geste ein Monitoring der Energiewende in Auftrag, als ob den meisten Fachleuten in Deutschland nicht ohnehin ein Gesamtbild vor Augen stünde.

Das Ziel dahinter wird immer klarer: Es geht darum, den Boom der erneuerbaren Energie zu bremsen. Die Begründung dürfte lauten: Wo kein Netz ist, kann auch kein Solar- oder Windpark hin. Dass dies angesichts des Speicherbooms und smarter Flexibilitäts-Technologien Unsinn ist, weiß man im Ministerium eigentlich. Hoffentlich siegt doch noch die Vernunft!

Fragen: Jörg Staude