Entwässerungsgräben wie hier in Niedersachsen machen Flächen für herkömmliche Landwirtschaft nutzbar – meist zulasten von Ökosystemen. (Bild: Smarties/​Wikimedia Commons)

Dem Bayerischen Waldbesitzerverband ist die EU‑Verordnung zur Wiederherstellung der Natur ein Dorn im Auge. Mit scharfen Worten kritisiert der Verband die Pläne aus Brüssel: "Eine Käseglocken-Mentalität und überholte Ansätze lösen die Herausforderungen des Klimawandels nicht."

Der Waldumbau werde gebremst, teils sogar rückgängig gemacht, so die Waldbesitzer. Die ökologischen und wirtschaftlichen Folgen seien kaum absehbar.

Seit den 1980er Jahren hat sich der Zustand der Wälder jedoch dramatisch verschlechtert. Damals war fast jeder zweite Baum gesund. Heute, so der aktuelle Waldzustandsbericht, gilt das nur noch für jeden fünften Baum, während 80 Prozent deutliche Schäden zeigen. Die Wälder leiden unter Dauerstress durch Hitze, Trockenheit und Schädlingsbefall.

In einem Appell warnen Vertreter von Waldbesitz, Landwirtschaft und Grundbesitz aus Bayern, Baden-Württemberg und Österreich dennoch vor strengeren Naturschutzauflagen. Sie fordern mehr Mitsprache sowie wirtschaftliche Folgenabschätzungen und setzen auf Freiwilligkeit statt verbindlicher Vorgaben.

Zudem verlangen sie einen stärkeren Schutz der Eigentumsrechte. Kritiker halten das für überzogen, da für Eingriffe in private Flächen bereits hohe rechtliche Anforderungen gelten.

Erster Entwurf aus dem Umweltministerium liegt vor

Der Deutsche Bauernverband warnt ebenfalls vor weitreichenden Folgen der Naturwiederherstellungs­verordnung für die Flächennutzung. Kritik hat er unter anderem an geplanten Vorkaufsrechten für den Naturschutz, neuen Schutzgebietskategorien und zusätzlichen Planungsinstrumenten. Der Verband befürchtet, dass Landwirtschaft gegenüber Naturschutzinteressen ins Hintertreffen gerät.

 

Der Präsident des Naturschutzbundes, Jörg-Andreas Krüger, wirft den Verbänden vor, mit den Sorgen und Ängsten von Landnutzenden Stimmung gegen strengeren Naturschutz zu machen. "Dieser Versuch wirkt angesichts von 900 verlorenen Hektar Wald aus der Zeit gefallen", sagt Krüger. Statt Alarmismus brauche es Lösungen für eine Krise, die längst sichtbar sei, so der Nabu-Chef.

Der Zustand vieler Ökosysteme in Europa ist in der Tat alarmierend. Mehr als 80 Prozent der geschützten Lebensräume in der EU gelten als geschädigt. Intakte Wälder, Moore oder Flüsse sind jedoch zentral für Artenvielfalt und Klimaschutz. Funktionsfähige Ökosysteme können große Mengen CO2 speichern und dabei helfen, Wasser in der Landschaft zu halten.

Die Naturwiederherstellungsverordnung verpflichtet die EU-Mitgliedsstaaten, bis September 2027 eigene Wiederherstellungspläne zu erarbeiten. Diese sollen festlegen, wie die EU-Ziele umzusetzen sind.

In Deutschland haben das Bundesumweltministerium und das Bundesamt für Naturschutz Ende April einen ersten Entwurf vorgelegt. Bis zum Anfang des Sommers können Interessenvertreter und die Öffentlichkeit dazu Stellung nehmen.

"Papier allein renaturiert keine Moore"

Bis 2030 will die EU mindestens 20 Prozent der geschädigten Land- und Meeresflächen renaturieren. Bund und Länder müssen dafür festlegen, welche Flächen wiederhergestellt werden. Vorhaben können auch außerhalb von Schutzgebieten stattfinden, viele Flächen bleiben weiter nutzbar für Land- oder Forstwirtschaft.

Vorgesehen sind zudem Karten mit möglichen Gebieten, konkrete Maßnahmen und ein Zeitplan für deren Umsetzung. Vorrang sollen Maßnahmen haben, die besonders wirksam für Klimaschutz und Klimaanpassung sind und außerdem soziale und wirtschaftliche Folgen berücksichtigen. Zudem soll überprüft werden, ob die Maßnahmen tatsächlich wirken.

Luftbild: Ein Altarm der Havel wird wieder an den Hauptarm angeschlossen.
Die Renaturierung der Unteren Havel in Brandenburg – ein Projekt des Nabu – begann 2010 und kostet einen zweistelligen Millionenbetrag. (Bild: IFA/​Naturschutzbund)

Der Nabu sieht beim deutschen Wiederherstellungsplan noch erheblichen Nachbesserungsbedarf. Der Entwurf bleibe hinter dem zurück, "was die Natur dringend braucht", kritisiert Jörg-Andreas Krüger. "Es ist gut, dass der Plan endlich vorliegt. Aber Papier allein renaturiert noch keine Moore und bringt keine Arten zurück." Entscheidend sei, ob daraus ein verbindliches und wirksames Arbeitsprogramm werde. Bis zur Vorlage bei der EU-Kommission müsse der Plan konkreter werden.

Bund, Länder, Kommunen und Verbände sollten aus Sicht des Naturschutzbundes ein Instrument schaffen, das messbare Fortschritte beim Schutz und der Wiederherstellung der Natur liefert. In den Bundesländern gebe es bereits Programme, die weiter gingen – etwa beim Schutz von Bestäubern und Insekten. Diese fehlten jedoch im Plan.

In eine ganz andere Richtung geht allerdings ein Beschluss der Unionsfraktion, nach dem die Verordnung komplett aufgehoben werden soll. Sie verursache zu viel Bürokratie und beeinträchtige Eigentumsrechte. Aus der Bundesregierung kommen bislang andere Töne. Kanzleramtsminister Thorsten Frei (CDU) betonte wiederholt, die Verordnung sei "richtig und wichtig".

Renaturierungsprojekte sind komplex und herausfordernd

Wie aufwendig Renaturierung sein kann, zeigt sich am Häsener Luch in Nordbrandenburg. Das Niedermoor wurde über Jahrhunderte entwässert und landwirtschaftlich genutzt, obwohl es seit 1953 unter Naturschutz steht. Heute versucht der Nabu, das Moor wiederherzustellen. Dafür erhöht er die Wasserstände und entfernt Gehölze. Teile des Gebiets hat der Verband gekauft, andere gehören weiterhin Landwirten.

"Wenn wir das Moor wiedervernässen, müssen wir uns mit Eigentümern und Nachbarn einigen", sagt Tilmann Disselhoff, Renaturierungsexperte beim Nabu. Zwang gebe es dabei nicht, die Zusammenarbeit laufe freiwillig über Kauf, Tausch oder Verträge. "Wir haben im Grunde genommen nur ein Instrument – und das ist Geld", so Disselhoff.

 

Am Ahlen-Falkenberger Moor bei Cuxhaven ist zu sehen, dass Renaturierung selten nach dem gleichen Schema funktioniert. Das einst größte Hochmoor Niedersachsens war jahrzehntelang entwässert worden. Heute will der Nabu dort den Wasserstand anheben, baut Entwässerungssysteme um und trägt Oberböden ab. Denn trockengelegte Moore setzen große Mengen Treibhausgase frei und verschärfen den Klimawandel.

Doch auch hier gibt es Zielkonflikte: Während der Umbauphase wollen bedrohte Vogelarten wie der Kiebitz die offenen Flächen als Brutgebiet nutzen. Das erschwert die Arbeiten und verzögert Teile des Projekts. "Das zeigt, wie komplex Renaturierungsprojekte oft sind und wie viele Interessen dabei aufeinandertreffen", sagt Disselhoff.