Derzeit scheint das Thema Klimawandel kaum noch Interesse zu wecken und auf der politischen Prioritätenliste weit abgerutscht zu sein. Obwohl weite Teile Europas gerade den heißesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebt haben und Australien den wärmsten Winter.
Obwohl es riesige Waldbrände gab. Obwohl extremes Niedrigwasser die Binnenschifffahrt fast lahmlegte. Obwohl es allein in Deutschland nach den jüngsten Schätzungen des Robert-Koch-Instituts rund 16.000 Hitzetote gab.
Der Meteorologe Sven Plöger formulierte es zum gestrigen Auftakt des Extremwetterkongresses in Hamburg mit einer Fußball-Metapher. Die Klimaleugner und Realitätsverweigerer würden heute vorn liegen. "Aber man kann ein Fußballspiel drehen", so Plöger. "Das gelingt jedoch nur, wenn man weiterspielt. Wir müssen dranbleiben."
Allerdings ist der Befund des mangelnden Interesses nicht so eindeutig, wie es scheinen mag. Das zeigt sich gerade an dem dreitägigen Extremwetterkongress, der in der Hafencity Universität Hamburg ausgerichtet wird. Die Fachveranstaltung, die in diesem Jahr zum 16. Mal stattfindet, kann einen Rekord von 1.000 Teilnehmenden vermelden, 200 mehr als im vergangenen Jahr.
Wissenschaftliches Interesse am Klimawandel und seinen Folgen ist also durchaus vorhanden. Die entscheidende Frage ist: Wie kommt man ins Handeln? Das Kongress-Motto lautet denn auch "Vom Wissen zur Lösung".
Neue Kategorie "Wüstentag"
Dass der Handlungsbedarf enorm ist, legte der Deutsche Wetterdienst (DWD) in einem aktuellen Faktenpapier zum Extremwetter in Deutschland dar. Deutschland erwärmt sich demnach mit bisher 2,5 Grad etwa doppelt so schnell wie der weltweite Durchschnitt. Extremwetter wird intensiver und häufiger, "mit deutlichen Folgen für Mensch und Natur", so DWD-Vorstand Tobias Fuchs.
Hitzewellen werden immer länger und kommen in kürzeren Abständen. 2026 gab es eine beispiellose Anzahl von Hitzetagen über 30 Grad, nämlich 22 – mehr als siebenmal so viel wie in den 1950er Jahren. Auch die Mitteltemperatur war erstmals annähernd so hoch wie in der Mittelmeerregion.
Inzwischen wurde eine neue Definition eingeführt für sehr heiße Tage beziehungsweise Wüstentage mit Temperaturen von 35 Grad und mehr. Hier ist laut Fuchs eine Verzwanzigfachung zu verzeichnen.
Die Hitze war erstmals nicht nur für vulnerable Bevölkerungsgruppen gefährlich, sondern für alle Menschen. Zudem hat die Häufigkeit von Trockenphasen zugenommen und führt zu Problemen für Landwirtschaft und Trinkwasserversorgung. Der Meeresspiegel steigt schneller und damit auch das Ausgangsniveau bei Sturmfluten.
Trotz der vielen wenig beruhigenden Extreme, die das DWD-Faktenpapier auflistet, wollte Fuchs dem Kongress auch noch eine positive Botschaft mit auf den Weg geben: "Aus Sicht der Klimaforschung und ‑beratung haben wir nach wie vor die Chance, Wirtschaft und Gesellschaft klimagerecht zu gestalten", so der Leiter der Klima- und Umweltberatung des Wetterdienstes.
"Es kommt jetzt darauf an, dass wir Klimaschutz und Klimaanpassung gleichermaßen vorantreiben. Also durch entschiedenen Klimaschutz das Tempo der weiteren Erwärmung begrenzen und uns zugleich durch Anpassungsmaßnahmen auf die Veränderungen vorbereiten, die sich nicht mehr verhindern lassen."
Jedes Zehntelgrad weniger Erwärmung mache einen Unterschied, betonte Fuchs. "Es bedeutet weniger Hitzebelastung, geringere Risiken für Gesundheit und Infrastruktur und letztlich auch geringere Kosten für Schäden und Anpassung."
Kongressorganisator Frank Böttcher wies darauf hin, dass "unser kleiner und sehr empfindlicher Planet einen dramatischen, weil schnellen und gefährlichen Veränderungsprozess" erlebt. "Da die Staatengemeinschaft aktuell nicht die Kraft hat, die nötigen Klimaschutzmaßnahmen umzusetzen und zu verstärken, bekommt die Klimaanpassung gerade auch für Länder wie Deutschland eine entscheidende Bedeutung."
Der Wetter- und Klimaexperte mahnte: "Deutschland braucht noch schneller Lösungen für die Klimaanpassung in Städten, Kommunen und Gemeinden. Es geht sehr konkret um den Schutz der Bevölkerung und Wirtschaft vor den Folgen weiter zunehmender extremer Wetterereignisse."
Mit diesen Lösungen beschäftigt sich die "Deutsche Klimamanagement-Tagung", die parallel zum Extremwetterkongress stattfindet. Fachleute, die vor Ort an der Umsetzung von Klimaschutz, Klimaanpassung und Energiewende arbeiten, können sich hier austauschen und vernetzen und im Idealfall konkrete Projekte voranbringen.
Schirmherr des Extremwetterkongresses ist Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD), der per Video ein kurzes Grußwort sprach. Der diesjährige Extremsommer habe die Folgen des Klimawandels besonders drastisch vor Augen geführt und sei "ein neuer Weckruf" gewesen, so Schneider.
Neue Initiativen und Maßnahmen kündigte der Minister nicht an. Schneider verwies lediglich auf die bereits vorhandene Klimaanpassungsgesetzgebung und bekräftigte sein Ziel, bis 2027 einen nationalen Hitzeaktionsplan zu erstellen sowie Klimaanpassung und Naturschutz als Gemeinschaftsaufgabe ins Grundgesetz zu schreiben.

Sehr witzig...