Claudia Kemfert. (Bild: Oliver Betke)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Claudia Kemfert, Professorin für Energiewirtschaft und Chefin des Energie- und Umweltbereichs am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW.

Klimareporter°: Frau Kemfert, die extreme Hitze hat Deutschland in diesen Tagen fest im Griff. Muss man bei Tagestemperaturen um die 40 Grad nicht realistischerweise einräumen: Da können Gesellschaft und Wirtschaft einfach nicht mehr normal funktionieren und es werden auch die Grenzen der Klimaanpassung sichtbar?

Claudia Kemfert: Ja, bei Temperaturen um 40 Grad wird sehr konkret sichtbar: Extreme Hitze ist ein ernstes Gesundheits-, Arbeits- und Produktivitätsrisiko.

Wer draußen arbeitet, in der Pflege, auf dem Bau, in der Logistik, in der Landwirtschaft oder in schlecht gekühlten Räumen, kommt schnell an Belastungsgrenzen. Auch Schulen, Kitas, Krankenhäuser, Bahn, Stromnetze und Städte sind auf solche Extreme vielerorts noch nicht ausreichend vorbereitet.

Natürlich brauchen wir Klimaanpassung: mehr Schatten, kühlere Städte, Trinkwasser, Hitzeschutzpläne, andere Arbeitszeiten und besonderen Schutz für ältere, kranke und sozial benachteiligte Menschen.

Aber Anpassung ist kein Zauberstab. Wenn die Erderhitzung weiter voranschreitet, stoßen auch die besten Anpassungsmaßnahmen an Grenzen.

Diese Hitzewelle zeigt deshalb beides: Wir müssen uns besser schützen, und wir müssen die Ursachen endlich entschiedener bekämpfen. Klimaschutz ist der wirksamste Hitzeschutz.

Im Bundestag gab es diese Woche Ausschuss-Anhörungen zu zwei zentralen Energiegesetzen der Koalition: zum Gebäudemodernisierungsgesetz, also dem neuen "Heizungsgesetz", sowie zum StromVKG – dem Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz, das den Neubau Tausender Megawatt steuerbarer Kraftwerke, vor allem fossiler Gaskraftwerke, absichern soll. Hat sich aus den Anhörungen für Sie Neues ergeben?

Neu war für mich weniger der Befund als die Klarheit, mit der die Probleme auf dem Tisch lagen. Beide Vorhaben sollen eigentlich Orientierung geben, erzeugen aber an entscheidenden Stellen neue Unsicherheit.

Beim Gebäudemodernisierungsgesetz wird erneut der Eindruck erweckt, fossile Wahlfreiheit sei ein Fortschritt. In Wahrheit kann sie für viele Haushalte sehr teuer werden.

Wer heute noch auf Öl oder Gas setzt, kauft sich erhebliche Kostenrisiken ein: steigende CO2-Preise, höhere Netzkosten und knappe, teure klimaneutrale Brennstoffe.

Auch beim Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz ist der Blick zu stark auf neue Gaskraftwerke verengt.

Versorgungssicherheit herzustellen ist zentral – gar keine Frage. Aber sie entsteht nicht dadurch, dass man fossile Kapazitäten auf Vorrat baut.

Eine sichere Versorgung entsteht durch ein kluges Zusammenspiel aus erneuerbaren Energien, Speichern, flexibler Nachfrage, Netzen, Digitalisierung, Biogas, Wasserkraft und gezielt eingesetzten Reservekapazitäten.

Neue Gaskraftwerke dürfen nicht zum teuren Selbstzweck werden. Entscheidend ist: flexibel, klimakompatibel, systemdienlich – und kein fossiler Lock-in durch die Hintertür.

Wer sich ab 2027 eine Heim-Solaranlage zulegt, muss mit deutlich weniger Förderung und Erlösen rechnen. Viele ziehen daraus den Schluss, jetzt noch schnell Photovoltaik aufs Dach zu setzen, heißt es beim Branchenverband BSW-Solar. Ist es klug, sich an dieser Torschluss-Rallye zu beteiligen?

Eine eigene Solaranlage bleibt sinnvoll – ökonomisch, ökologisch und energiewirtschaftlich. Ich würde das aber nicht als hektische Torschluss-Rallye sehen, sondern als vernünftige Zukunftsinvestition.

Wer ein geeignetes Dach hat, einen seriösen Anbieter findet und möglichst viel Strom selbst nutzen kann – etwa mit Wärmepumpe, E‑Auto oder Speicher –, sollte Photovoltaik prüfen und nicht unnötig warten.

Problematisch ist vor allem die politische Verunsicherung. Solarstrom senkt Stromkosten, reduziert Importabhängigkeiten und macht das Energiesystem robuster.

Gerade private Dächer sind ein wichtiger Baustein der Energiewende. Statt Menschen mit immer neuen Förderdebatten zu verunsichern, braucht es verlässliche Regeln, einfache Verfahren und gute Anreize für Eigenverbrauch, Speicher und netzdienliches Verhalten. Wer ausgerechnet beim Solarstrom Unsicherheit schafft, produziert energiepolitisch einen Kurzschluss.

Der letztjährige Klimagipfel COP 30 hatte das Ziel verkündet, die globale Finanzierung für Klimaanpassung bis 2035 zu verdreifachen, doch die Zwischenkonferenz in Bonn brachte keine Fortschritte, wie das konkret erreicht werden soll.

Der Streit um die Klimafinanzierung dürfte daher auf der COP 31 im kommenden November eskalieren, schreibt Klimareporter°-Gastautorin Kathrin Henneberger. Angesichts enorm steigender Kosten für Kriege und Rüstung stellt sich schon die Frage, woher jetzt mehr Mittel für gerechten Klimaschutz kommen sollen.

Die ehrlichere Frage lautet: Können wir es uns leisten, nicht zu zahlen?

Die Kosten der Klimakrise laufen uns längst davon: Hitzeschäden, Ernteausfälle, zerstörte Infrastruktur, Gesundheitsbelastungen, neue Fluchtursachen und mehr geopolitische Instabilität. Klimafinanzierung ist deshalb keine nette Hilfszahlung, sondern Vorsorge, Gerechtigkeit und Sicherheitspolitik.

Natürlich stehen Haushalte unter Druck, auch durch Kriege und steigende Rüstungsausgaben.

Aber gerade deshalb müssen Prioritäten neu sortiert werden. Fossile Subventionen abbauen, klimaschädliche Ausgaben beenden, Übergewinne fossiler Konzerne stärker heranziehen, internationale Finanzströme umlenken und öffentliche Mittel gezielt hebeln: Es gibt Wege.

Am Ende ist es wie so oft bei der Klimakrise: Wer heute spart, zahlt morgen ein Vielfaches – ökonomisch, humanitär und sicherheitspolitisch.

 

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Überrascht hat mich, wie hartnäckig alte energiepolitische Reflexe zurückkommen, und das ausgerechnet mitten in der Hitzewelle. Während draußen die Klimakrise spürbar wird, wird drinnen wieder über neue fossile Abhängigkeiten, Gaskraftwerke und das Ausbremsen von Solarenergie diskutiert. Das muss man erstmal schaffen.

Bemerkenswert finde ich auch, wie selbst ein aktuell starker Beitrag von Solarstrom teilweise wieder negativ ausgelegt wird. Dabei liegt die eigentliche Schlussfolgerung auf der Hand: Wir brauchen mehr Batteriespeicher, mehr Flexibilität, intelligente Netze und bessere Anreize für netzdienlichen Verbrauch.

Viel Solarstrom ist kein Problem, sondern ein Erfolg. Die Aufgabe ist, das Energiesystem endlich konsequent darauf auszurichten.

Positiv überrascht mich zugleich, wie viele Menschen, Kommunen und Unternehmen längst weiter sind. Sie wollen günstige erneuerbare Energien, Solardächer, Wärmepumpen, Speicher, Bürgerenergie und mehr Unabhängigkeit.

Die gesellschaftliche Energiewende ist oft weiter als die politische Debatte. Das macht Hoffnung – trotz allen Gegenwinds.

Fragen: Jörg Staude

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