Zwei dünne Fichten-Äste mit je einem Zweig sind senkrecht an einer Holzwand befestigt. Auf der Wand sind ein Wolken- und ein Sonnen-Symbol angebracht, sodass die Zweige bei feuchter Luft auf die Wolke zeigen, bei trockner Luft auf die Sonne.
Ein Indikator genügte: Das Fichtenbarometer zeigt je nach Luftfeuchtigkeit auf die Wolke oder die Sonne. (Bild: Michael Gäbler/​Wikimedia Commons)

Alle starren auf Wachstumszahlen, gerade jetzt, da Iran-Krieg, US-Zölle und Innovationsschwäche etwa in der Autoindustrie die Sorge vor einer Rezession schüren. Doch eigentlich weiß jeder, dass der Blick allein auf das Bruttoinlandsprodukt nicht ausreicht, um den Wohlstand der Menschen umfassend zu messen.

In den letzten Jahren hatte das Bundeswirtschaftsministerium daher ergänzende Indikatoren in den Jahreswirtschaftsbericht aufgenommen, nämlich Daten zu Klima, Biodiversität, Bildung sowie sozialer und finanzieller Ungleichheit. 

Im jüngsten, von Ministerin Katherina Reiche (CDU) vorgelegten Bericht für 2026 allerdings wurden diese Ergänzungen wieder gestrichen. Mehrere Fachleute haben dies nun heftig kritisiert.

Die Erweiterung des Berichts war unter dem damaligen Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) eingeführt worden. Sie folgte der Einsicht, dass wirtschaftlicher Erfolg nicht allein am BIP gemessen werden kann. Vielmehr sollten auch ökologische Tragfähigkeit, soziale Gerechtigkeit und Zukunftschancen abgebildet werden.

Hintergrund waren unter anderem Empfehlungen von den Vereinten Nationen oder vom Industrieländerclub OECD, die seit Jahren umfassendere Wohlstandsindikatoren fordern. Der aktuelle, traditionell Ende Januar vorgelegte Bericht konzentrierte sich wieder ganz auf Wachstum, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit.

"Basis und Ziel des Wirtschaftens aus dem Blick verloren"

Im Bericht für 2025 hatte die Bundesregierung etwa die Entwicklung der CO2-Emissionen als einen Wohlstandsindikator dargestellt. So wurde ausgewiesen, dass die Emissionen in Deutschland weiter sinken, zugleich aber in wichtigen Sektoren wie Verkehr und Gebäuden noch erhebliche Defizite bestehen.

Der Bericht setzte diese Daten in Beziehung zu den Klimazielen – etwa der angestrebten Treibhausgasneutralität bis 2045 – und bewertete, ob die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung auf einem kompatiblen Pfad liegt.

Ergänzend wurden Indikatoren wie der Anteil erneuerbarer Energien am Strommix oder Investitionen in klimafreundliche Technologien aufgeführt, um zu zeigen, ob Wachstum und Dekarbonisierung tatsächlich zusammenlaufen. Damit wurde Klimaschutz nicht als Nebenbedingung, sondern als Bestandteil wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit verstanden.

Armaturenbrett eines Zuges mit einigen Anzeigen und Warnlämpchen sowie diversen Knöpfen und einem Regler.
Eine komplette Volkswirtschaft anhand einer einzigen Zahl zu bewerten, muss das im Land der Ingenieure nicht als Armutszeugnis gelten? (Bild: Wellphoto/​Shutterstock)

Im Bericht 2026 fehlt diese Perspektive nun weitgehend. Stattdessen rückt die Regierung angesichts der wirtschaftlichen Schwächephase, hoher Energiepreise und geopolitischer Spannungen die kurzfristige Stabilisierung der Konjunktur in den Mittelpunkt.

Als Kernbotschaft wird betont, Deutschland müsse seine Wettbewerbsfähigkeit stärken, Investitionen ankurbeln und Bürokratie abbauen, um wieder auf einen robusten Wachstumspfad zurückzukehren.

Kritiker sehen darin einen deutlichen Rückschritt. Roland Zieschank vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung spricht von einem "Ausdruck des Politikversagens". Der Bericht habe "das eigentliche Ziel des Wirtschaftens wie auch seine Basis aus dem Blick verloren".

Die früheren Berichte hätten anerkannt, "dass das Ziel der Wirtschaftspolitik in der Verbesserung gesellschaftlichen Wohlergehens bestehen" müsse, sagte der Umweltpolitikforscher. Nun aber werde diese Perspektive wieder aufgegeben.

Vor Jahren bestand schon mal Konsens

Besonders problematisch sei das Ausblenden ökologischer Grundlagen. "Die Basis des Wirtschaftens sind intakte Ökosysteme und Biodiversität", so Zieschank. Die bis 2025 verwendeten Indikatoren hätten hierzu wichtige Informationen geliefert, während der aktuelle Bericht dies ignoriere.

Dabei verwies der Experte auf den UN-Biodiversitätsrat IPBES, der den Verlust biologischer Vielfalt als "systemisches, existenzielles Risiko für die Weltwirtschaft" einstuft.

Auch aus Sicht der Wohlstandsforschung ist die Neuausrichtung nicht nachvollziehbar. Benjamin Held und Dorothee Rodenhäuser von der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) sehen in dem Bericht einen "klaren Rückschritt", der im Widerspruch zum wissenschaftlichen Erkenntnisstand stehe.

"Gesellschaftliche Wohlfahrt ist mehr als BIP-Wachstum", betonten sie. Alternative Maße wie der Nationale Wohlfahrtsindex zeigten, dass Verteilung und Nachhaltigkeit entscheidend für die tatsächliche Lebensqualität seien.

 

Die Debatte ist nicht neu. Bereits die Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" des Bundestages hatte 2013 parteiübergreifend festgestellt, dass das Bruttoinlandsprodukt als alleiniger Maßstab nicht ausreiche.

Der frühere Grünen-Bundestagsabgeordnete Hermann Ott, damals Mitglied in der Kommission, erinnerte jetzt daran, dass "alle damaligen Fraktionen Vorschläge gemacht haben", um soziale und ökologische Indikatoren einzubeziehen. Das Wirtschaftsministerium unter Habeck habe diesen Ansatz aufgegriffen und weiterentwickelt.

Mit der aktuellen Streichung durch Katherina Reiche, so Ott, "driftet die Bundesregierung wieder in die Steinzeit der Wohlstandsmessung zurück".

Anzeige