Hartmut Graßl. (Bild: Christoph Mischke/​VDW)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe.

Klimareporter°: Herr Graßl, der Index des Forschungsprojekts "Global Adaptation Initiative" zeigt, in welchen Ländern es sich auch bei fortschreitender Erwärmung noch gut leben lässt. An der Spitze stehen wohlhabende Demokratien Nordeuropas und einige stabile Industrieländer anderer Regionen. Welchen Sinn hat eine solche globale Landkarte der Resilienz?

Hartmut Graßl: Das Ergebnis des Forschungsprojekts GAIN in den USA, das die noch nicht besonders vom Klimawandel betroffenen und mit guter Anpassung reagierenden Weltregionen aufgelistet hat, ist nicht überraschend. Für mich zeigt dieses Forschungsergebnis in erster Linie die Überlegenheit demokratisch regierter Länder auch bei der Anpassung an die Folgen des Klimawandels.

Die für reiche wie arme Klimaflüchtlinge besonders geeigneten zehn Länder liegen alle bis auf eines in den höheren mittleren Breiten und haben stabile demokratische Strukturen. Bei ihnen sind Hitzewellen noch nicht so lange und so häufig lebensbedrohend wie zum Beispiel in Teilen Indiens und Pakistans, und es gibt Niederschläge zu allen Jahreszeiten.

Die zehn Länder zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie ihre Infrastruktur schon länger recht gut an die natürliche Klimavariabilität angepasst haben und jetzt auch zum Teil an den Klimawandel anpassen.

Eines wird in Bezug auf die Reihung im GAIN-Index jedoch nicht diskutiert: Die Länder auf den obersten Rängen haben ihre Position auch durch exzessive Nutzung fossiler Brennstoffe erreicht – und sind damit für die durch den Klimawandel massiv erhöhte Ungerechtigkeit ganz wesentlich verantwortlich.

Wenn in Indien und anderswo Menschen bei Hitzewellen sterben, dann wären es ohne die bisherigen hohen Treibhausgasemissionen dieser industrialisierten Länder weniger. Diese Länder laden also Schuld auf sich, aber sie diskutieren es kaum. Und sie kürzen bei Haushaltsengpässen die Entwicklungshilfe stärker als andere Haushaltstitel, darunter auch Deutschland.

Die Landflächen der Erde sind zu mehr als einem Drittel so stark degradiert, dass sie sich in der Hochrisikozone befinden. Diesen alarmierenden Zustand der Biosphäre haben das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und die Universität für Bodenkultur Wien festgestellt. Der Niedergang der Pflanzenwelt gefährdet unsere Lebensgrundlagen mehr als der Klimawandel, sagen die Forscher. Sind wir tatsächlich dabei, den Planeten zu vernutzen?

In letzter Zeit lebt glücklicherweise die Debatte über die Leistungen der Biosphäre für das Wohlergehen der Menschheit und die Gefahr durch ihre Übernutzung auf. Denn die Übernutzung der Biosphäre ist der wichtigste Grund für das Schrumpfen der biologischen Vielfalt.

Frühere, als Klimaschutz verkaufte politische Maßnahmen der Biomassenutzung, wie etwa Biokraftstoffe zur Reduzierung der Emissionen aus fossilem Benzin oder Diesel, werden dadurch zu dem, was sie schon immer waren: Maßnahmen zur weiteren Reduzierung der Biodiversität.

Ein Zahlenvergleich kann den großen Flächenbedarf der Biomassenutzung verdeutlichen: Die von einem gut gedüngten Maisacker mit hohem Energiebedarf für Dünger und Pflanzenschutz bereitgestellte Energie ist in Deutschland um den Faktor 60 geringer als die einer heute verkauften Solarzelle mit 20 Prozent Effizienz bei der Energieumwandlung.

Wir können also unseren Energiehunger weit besser stillen, wenn wir Photovoltaik und Windenergie nutzen, Elektroautos fahren und die Gebäude mit Wärmepumpen heizen.

Der Erhalt der biologischen Vielfalt und die Begrenzung der globalen Erwärmung sind gleichrangige große Ziele, die am besten in Kombination gelingen, wenn also die Biosphäre mehr Kohlenstoff speichert, etwa in wieder wachsenden Wäldern und Mooren sowie in humusreicheren Böden.

Ziel sollte es sein, in einem größeren Teil der Landflächen der Biosphäre die Chance zu geben, für unser Wohlergehen zu sorgen, statt Biomasse zu ernten und sie dann nur zu verbrennen.

Bislang nahm Deutschland an, der Landnutzungsbereich mit seinen Mooren, Wiesen und Wäldern sei eine mächtige CO2-Senke. Tatsächlich ist dieser Sektor aber schon seit 2014 eine Emissions-Quelle, hat der Wissenschaftliche Beirat für Natürlichen Klimaschutz nun offiziell festgestellt. Müssen wir unter solchen Umständen das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 nicht auf anderem Weg erreichen?

Wie wichtig wissenschaftliche Beiräte sind, hat der vor einem Monat vorgestellte Bericht des Beirats für natürlichen Klimaschutz wieder gezeigt. Seit einigen Jahren ist bekannt, dass der deutsche Wald – genau genommen sind es fast nur Wirtschaftswälder, weil naturnahe Wälder einen sehr geringen Flächenanteil haben – zu einer Kohlendioxidquelle geworden ist, verursacht durch die vom erhöhten Treibhauseffekt angetriebene Temperaturzunahme und die häufigeren Dürren im Sommerhalbjahr. Jetzt hat der Beirat Vorschläge unterbreitet, wie geschädigte Wälder, Äcker und Wiesen sowie trockengelegte Moore bis 2045 wieder zur Kohlenstoffsenke werden können.

Das erfordert jedoch Änderungen und damit auch Investitionen für besser an die Klimaänderungen angepasste Praktiken in Land- und Forstwirtschaft. Jährlich könnten zum Beispiel durch die Umwandlung von Acker in Grünland zwei bis drei Tonnen CO2-Äquivalent pro Hektar gespeichert werden und eine weitere Tonne durch einen Zwischenfruchtanbau oder die Einführung des ökologischen Landbaus.

Bei Wäldern sind die größten Änderungen zurück in Richtung Kohlenstoffsenke zu erwarten, wenn sie naturnäher würden. Am meisten ließe sich allerdings bei den entwässerten Mooren bewirken, die jetzt mit rund sieben Prozent aller CO2-Emissionen Deutschlands eine starke CO2-Quelle sind. Das könnte durch Wiedervernässung gestoppt werden.

Die Klimapolitik in Deutschland steht also durch den Ausfall der Senke Wald vor einer zusätzlichen Herausforderung: Die nicht vermeidbaren Emissionen der Industrie, etwa bei der Zementherstellung, können nicht wie geplant mit der CO2-Senke Wald kompensiert werden, um die gesetzlich vorgeschriebene Treibhausgasneutralität bis 2045 zu erreichen.

Gefährdet ist dieses Ziel aber eher durch die Politik der neuen Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, die fast sicher zu einer Verlangsamung des Ausstiegs aus den fossilen Energieträgern und damit zur Verletzung des Klimaschutzgesetzes führen wird. Denn für die Umsetzung der Empfehlungen in dem Beirats-Bericht sind nur vergleichsweise harmlose Investitionen notwendig, um die Senke Wald wiederherzustellen.

 

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Das waren neue Schätzungen für die Methanemissionen im hohen Norden in diesem Jahrhundert. Der Ausstoß von Methan, dem zweitwichtigsten anthropogenen Treibhausgas, geht ja in der Debatte um die globale Erwärmung oft unter. Doch wegen der Maßnahmen zur Emissionsreduktion beim Kohlendioxid und ersten Erfolgen in den Industrieländern wird der Anteil des Methans an der zukünftigen globalen Erwärmung steigen.

Die zusätzlichen Emissionen von Methan aus Böden und Seen in den hohen Breiten und vor allem in der Arktis – eine Folge der dort überdurchschnittlich starken Erwärmung – könnten dann eine besondere Bedeutung bekommen. Deshalb sind neue Befunde zu Methanemissionen aus den Permafrostgebieten sehr wichtig in der Klimadebatte.

Dazu fand ich in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift Nature Climate Change den Beitrag "Gegenwärtige und zukünftige Methanemissionen aus borealen und arktischen Feuchtgebieten und Seen" von McKenzie Kuhn und Kollegen, der in gewissem Sinne leichte Entwarnung gibt. Die europäisch-nordamerikanische Autorengruppe zeigt, dass bei feinerer Unterteilung in Feuchtgebietstypen und Seenklassen bisherige Abschätzungen der gegenwärtigen Emissionen geringer ausfallen.

Für ein Erwärmungsszenario, das einem Temperaturanstieg um etwa drei Grad bis 2100 entspricht, also der gegenwärtig wahrscheinlichsten Erwärmung, ergibt sich nur ein Anstieg der Methanemissionen um ein knappes Drittel – hauptsächlich als Folge der Erwärmung und nicht so sehr des Permafrostschwunds.

Fragen: Jörg Staude