Hartmut Graßl bei einer Veranstaltung im Gespräch.
Hartmut Graßl. (Bild: VDW)

Klimareporter°: Herr Latif, Sie haben Ihre wissenschaftliche Karriere am Max-Planck-Institut für Meteorologie begonnen. Was war damals das Besondere an Hartmut Graßl, der dort Institutsleiter gewesen war? 

Mojib Latif: Als ich 1982 an das MPI kam, hatte er gerade das Institut verlassen und einen Ruf auf eine Professur in Kiel angenommen. Aber schon vorher, während meines Studiums, konnte ich mich von seinem tiefen Verständnis in Sachen Physik des Klimas, seiner enormen Auffassungsgabe und seinem Talent, auf den Punkt zu formulieren, überzeugen.  

Welche Pionierleistungen von Graßl halten Sie rückblickend für besonders prägend – sowohl für Ihr eigenes Fachgebiet als auch für die internationale Klimaforschung? 

Graßl hat bahnbrechende Arbeiten im Bereich der Strahlungsübertragung verfasst und war einer der ersten Wissenschaftler, die die Bedeutung der sogenannten Aerosole für das Klima erkannt haben, das sind Schwebstoffe in der Atmosphäre. 

Aerosole und Wolken zählen bis heute zu den größten Unsicherheiten in Klimamodellen. Wie sehr hat Graßl hier den Boden für heutige Forschung bereitet? 

Heute wissen wir, wie wichtig die Wechselwirkung zwischen Wolken und Aerosolen ist. Die Aerosole verändern die optischen Eigenschaften der Wolken, was für die sogenannte Klimasensitivität wichtig ist, das heißt, wie stark die Temperatur auf CO2 reagiert. 

Graßl war nicht nur Wissenschaftler, sondern auch ein gefragter Politikberater, etwa im WBGU, im Wissenschaftlichen Beirat für Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung. Wie würden Sie seine Rolle als Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Politik beschreiben? 

Graßl ist es zu verdanken, dass die Politik das Thema frühzeitig, schon in den 1980er Jahren aufgegriffen hatte

Warum konnte er Politiker mit seinen Warnungen schon zu einer Zeit erreichen, als der Klimawandel kaum öffentlich präsent war? 

Graßl kann sich so ausdrücken, dass auch Nichtfachleute die Dinge nachvollziehen können. Das ist eine Gabe, die von unschätzbarem Wert ist. 

Hat er mit seiner klaren Sprache und seinen unbequemen Forderungen vielleicht auch Widerstand in Politik und Industrie provoziert? 

Nein, ganz und gar nicht. Er hat nie polarisiert, war und ist ein gern gesehener Gesprächspartner für Politik und Wirtschaft gleichermaßen. Trotzdem hat er keine Abstriche an der Dringlichkeit des Handelns gemacht. 

Porträt von Mojib Latif
Bild: Geomar

Mojib Latif

ist Professor für Ozean­zirkulation und Klima­dynamik am Helmholtz-Zentrum für Ozean­forschung Kiel (Geomar) und an der Universität Kiel, außerdem Präsident der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome.

Wie würden Sie Graßl als Mensch und Mentor beschreiben? 

Er sitzt nicht auf einem hohen Ross und hat ernst genommen, was wir als junge Forschende gesagt haben. Er hat mit uns auf Augenhöhe gesprochen. Das ist eine ganz große Stärke. 

Haben Sie eine persönliche Erinnerung an ihn, die für Sie exemplarisch zeigt, wie er als Wissenschaftler und Mensch war? 

1991 setzten irakische Truppen die Ölfelder Kuwaits in Brand. Wir wollten herausfinden, ob die Brände das Weltklima beeinflussen. Die Simulationen zeigten zunächst eine bedrohliche globale Abkühlung. Ich konnte das nicht glauben und habe es offensiv im Beisein der Direktoren vertreten.

Graßl nahm das zum Anlass, mit seinem Team einige Parameter zu kontrollieren. Sie fanden tatsächlich einen Fehler. Damit war dann klar, dass die Brände keine globalen Auswirkungen haben würden. 

Graßl hat wie kaum ein anderer gesehen, wie langsam der klimapolitische Fortschritt verläuft. Warum, glauben Sie, hat er nie resigniert, sondern bis heute weiter gewarnt und gefordert? 

Ich glaube, weil das Thema einfach zu wichtig ist, um die Flinte ins Korn zu werfen. Aufgeben ist seine Sache ohnehin nicht. 

Welche Lehren sollte die Wissenschaftsgemeinschaft und welche die Politik aus Graßls Lebenswerk ziehen? 

Um als Wissenschaftler glaubwürdig zu sein, sollte man immer fest auf dem Fundament der Wissenschaft stehen und weder unter- noch übertreiben. Die Politik sollte wissen, dass sich die allermeisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihrer Verantwortung bewusst sind und nach bestem Wissen und Gewissen kommunizieren. Dafür steht Hartmut Graßl.

 

Logo der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler: Ein dunkelblauer Streifen, in der Mitte blau herausgearbeitet die Buchstaben VDW, links in Weiß auf Blau der volle Name, rechts ebenso das Motto: Verantwortung der Wissenschaft.

Umweltkrise und Demokratie

Hartmut Graßl ist einer der bedeutendsten Klimaforscher unserer Zeit. Zu seinem 85. Geburtstag veranstaltet die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) am 25. September 2025 in Hamburg das interdisziplinäre und intergenerationelle Symposium "Von den Alpen bis zum Watt". Es geht um Themen, die Hartmut Graßl besonders bewegen: Ursachen und Folgen der Klimakrise, Verlust von Biodiversität – und wie eine gerechte sozial-ökologische Transformation gelingen kann. Klimareporter°, zu dessen Herausgeberrat Graßl gehört, ist Medienpartner und begleitet das Symposium mit einer Beitragsserie.