Biomasse gilt als große Hoffnung für eine Wirtschaft ohne Erdöl, Erdgas und Kohle. Holz, Pflanzenöle und Agrarrohstoffe sollen fossile Materialien ersetzen.

Doch die Rechnung geht nicht auf, falls etwa Deutschland versuchen wollte, seine heutigen fossilen und mineralischen Stoffströme einfach nur durch nachwachsende Rohstoffe auszutauschen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Nachhaltigkeit-Instituts an der Universität Kassel.

 

Das Team um die Umweltwissenschaftlerin Meghan Beck-O'Brien hat untersucht, ob der Ressourcenverbrauch einer Bioökonomie mit ökologischen Grenzen und global gerechter Verteilung vereinbar ist. Dafür wurden fünf "Fußabdrücke" betrachtet: Ackerlandnutzung, Holzentnahme, Biomasseproduktion, Wasserverbrauch und Treibhausgasemissionen.

Erfasst wurden auch Belastungen durch importierte biobasierte Produkte. "Eine nachhaltige Bioökonomie kann nur gelingen, wenn wir auch berücksichtigen, wie viel wir in Deutschland verbrauchen und wie viel ökologisch sicher und sozial gerecht verfügbar ist", sagte Beck-O'Brien.

Das Ergebnis fällt eindeutig aus. In allen fünf Kategorien überschreitet Deutschland den von den Forschenden abgeleiteten global sicheren und gerechten Nutzungsraum, wobei dieser in einer gewissen Bandbreite definiert ist.

Deutsche Bioökonomie beansprucht erhebliche Flächen im Ausland 

Konkret überschreiten die "Fußabdrücke" die geschätzte untere Grenze des Bereichs um das 1,6- bis 4,2-Fache. Auch die obere Grenze wird laut den Berechnungen um bis zum Dreifachen überschritten. Deutschland weist damit im internationalen Vergleich ein überdurchschnittlich hohes Verbrauchsniveau auf.

Die Vergleichswerte sind keine exakt feststehenden Obergrenzen. Das Forschungsteam kombinierte planetare Belastungsgrenzen, den Durchschnittsverbrauch und die nachhaltig verfügbare nationale Ressourcenbasis. 

Maschinelle Ernte auf einer Weidenplantage.
Ernte auf einer Weidenplantage: Wird diese Biomasse gleich verheizt, ist das wenig nachhaltig. (Bild: Lignovis/​Wikimedia Commons)

Schon heute beansprucht die deutsche Bioökonomie erhebliche Flächen außerhalb des Landes. Frühere Ergebnisse der Kasseler Fachleute zeigten, dass mehr als 60 Prozent der dem deutschen Konsum zugerechneten Agrarflächen Grünland sind und überwiegend der Tierhaltung dienen. Mehr Nachfrage nach Energiepflanzen, Holz, Biokraftstoffen oder biobasierten Kunststoffen würde die Konkurrenz um Böden, Wasser und Wälder verschärfen. 

Die Studie stellt die Bioökonomie nicht grundsätzlich infrage. Biologische Rohstoffe können fossile und andere nicht nachwachsende Materialien sinnvoll ersetzen, vor allem dort, wo Elektrifizierung, Recycling oder andere Alternativen kaum möglich sind. Entscheidend seien die Einsatzreihenfolge und eine möglichst lange Nutzung.

Beispiel: Holz bindet den darin gespeicherte Kohlenstoff länger, wenn es zuerst in Gebäuden oder für Möbel verarbeitet wird, statt sofort verbrannt zu werden. Rest- und Abfallstoffe sollten Vorrang vor eigens angebauten Energiepflanzen haben. Das Prinzip lautet "Kaskadennutzung": zunächst stofflich verwenden, wiederverwenden und recyceln – und erst am Ende energetisch nutzen.

Anteil wiederverwendeter Materialien liegt bei nur 13 Prozent

Auch die Bundesregierung erkennt den Zielkonflikt grundsätzlich an. Die bereits 2002 verabschiedete und 2025 neu gefasste deutsche Nachhaltigkeitsstrategie hält fest, dass nachhaltige Biomasse nur begrenzt verfügbar ist und vor allem dort eingesetzt werden soll, wo andere Umstellungsmöglichkeiten fehlen. Eine verbindliche Biomassestrategie mit klaren Prioritäten steht allerdings weiter aus.

Dabei ist grundsätzlich klar: Luft- und Schifffahrt sowie große Teile der Chemieindustrie dürften langfristig stärker auf knappe Kohlenstoffquellen aus Biomasse angewiesen sein als Pkw, Gebäudeheizungen oder Energieproduktion, für die effizientere Alternativen auf Strombasis existieren. 

Parallel soll eine Kreislaufwirtschaftsstrategie den Rohstoffbedarf senken. Ihr Ziel ist, den Primärrohstoffverbrauch pro Kopf bis 2045 etwa zu halbieren und den Anteil wiederverwendeter Materialien in der Wirtschaft zu steigern. Der liegt derzeit nur bei rund 13 Prozent.

Ein im Juni beschlossenes Aktionsprogramm dazu sieht bis Ende 2027 zwölf vordringliche Maßnahmen vor, darunter eine "Umsetzungsplattform", das Förderprogramm "Zukunft Kreislaufwirtschaft", langlebigere und reparierbare Produkte sowie mehr Recycling. Bis 2029 sind dafür 260 Millionen Euro eingeplant.

 

Das Kasseler Forschungsteam empfiehlt zudem ein regelmäßiges Monitoring, das direkte und importierte Umweltbelastungen ebenso erfasst wie die nachhaltig verfügbare Biomasse. Nur so lasse sich erkennen, ob politische Maßnahmen den Verbrauch senken oder Belastungen ins Ausland verlagern.

Die Konsequenz ist damit klar: Eine Rohstoffwende braucht nicht nur andere Materialien, sondern weniger Primärrohstoffe, langlebige Produkte, mehr Kreisläufe – und Prioritäten für die knappe Biomasse.

Anzeige