Ist das noch normal? Wenn im Februar der Winter abbricht und umstandslos in den Frühling übergeht, statt sich noch über Wochen hinzuziehen, wie es etwa in Berlin mit seiner nass-grau-tristen fünften Jahreszeit eigentlich die Regel ist, manchmal bis in den April hinein?
Wenn sich schon im Mai Bedingungen wie im Hochsommer herausbilden, mit bis zu 34 Grad Celsius wie dieses Jahr im Breisgau?
Wann gab es so was zuletzt?
Eine Antwort darauf gibt etwa der Deutsche Wetterdienst (DWD) in seinen monatlichen Wetterbilanzen. Zum Februar dieses Jahres etwa heißt es: Das Temperaturmittel lag um 2,9 Grad über dem Wert der Referenzperiode 1961 bis 1990. Nach einem kalten Winter – vor allem in Ostdeutschland, wo etwa die Ostsee gefror –, kippte das Wettergeschehen um in "eine landesweite Milderung", die "eher an die zweite Aprilhälfte erinnern ließ", so der DWD.
Im März ging es genauso weiter – mit einer ebenfalls eher apriltypischen Witterung. Auch die Hitzeausreißer im Mai waren ungewöhnlich.
Nun kann ein Frühjahr aufgrund bestimmter Wetterkonstellationen durchaus mal wärmer (oder kälter) ausfallen als gewöhnlich, aber der Klimawandel sorgt eben dafür, dass die Basis für diese natürliche Variabilität immer weiter nach oben rückt. Der Trend spricht eine eindeutige Sprache.
Gestern extrem, heute normal
Der Mensch gewöhnt sich aber rasch an neue Umweltbedingungen und verklärt sie schnell als "normal", ganz menschlich ist das. Für eine kleine Erinnerungsnachhilfe empfiehlt sich daher ein Blick in das Buch "Klimadämmerung" von Rüdiger Glaser. Der Geograf und Klimaforscher von der Universität Freiburg schildert darin eine Chronologie des sich verändernden Wetters und Klimas in Mitteleuropa seit dem Jahr 1800.
Glaser hat detailliert jene Bedingungen rekonstruiert und führt den Leser von Jahrzehnt zu Jahrzehnt – bis heute. Dabei liefert er nicht nur eine Einordnung der jeweiligen Temperaturen (als Referenz zieht er wie der DWD die Klimanormalperiode von 1961 bis 1990 heran). Auch sonst präsentiert er jede Menge Fakten zu Wetterkonstellationen und Klimaphänomenen.
Die große Stärke des Buchs ist aber etwas anderes. Der Autor beschreibt, wie sich die Lebensbedingungen der Menschen verändern, zum Beispiel wie sie auf Kälteeinbrüche reagieren. Dafür musste er sicher viele Stunden Zeitungsarchive durchstöbern. Aber es hat sich gelohnt: Erst das macht den Klimawandel der vergangenen 220 Jahre nachvollziehbar und greifbar.
Taucht man etwa in die Kleine Eiszeit ein, die im 19. Jahrhundert noch vorherrschte, dann liest sich das wie aus einer weit zurückliegenden Zeit – der Gewöhnungseffekt lässt grüßen. Heute erscheinen uns Winter, in denen es kaum oder gar nicht mehr schneit und die Seen und Flüsse nicht gefrieren, schon nicht mehr außergewöhnlich, genauso wie langanhaltende Hitzesommer, in denen man sich an manchen Tagen zur Mittagszeit gar nicht mehr ins Freie traut.
Vorrückende Gletscher
Umso erstaunlicher aus heutiger Sicht, wie die Menschen in Mitteleuropa lange vor allem unter Kälte litten: Noch zur Mitte des Jahres 1850 rücken die Gletscher vor und verbreiten "Angst und Schrecken", wie Glaser schreibt. Häuser und Steinbrüche müssen deshalb aufgegeben werden.
Wölfe lauern im Elsass, weil die Kälte sie aus den Vogesen verjagt hat und sie nun im "Flachlande" Beute suchen, wie ein Journalist der Freiburger Zeitung im Jahr 1823 berichtet. Schnee und Eis machen Straßen unpassierbar, in den eisbedeckten Häfen liegen die Schiffe fest, Ernten fallen aus. Die Menschen befürchten einen Rückfall in die Eiszeit.
So geht es weiter. Bis in die 1840er und 1850er Jahre, die einen Wendepunkt markieren. Nie wird es danach wieder so kalt.
Doch es dauert bis in die 1910er und 1920er Jahre hinein, bis die Klimaveränderungen zutage treten und die Temperaturen spürbar ansteigen. In den besonders heißen Jahren 1911 und 1921 berichten die Tageszeitungen in Deutschland über die hohe Säuglingssterblichkeit im Sommer und die Hitzefolgen.
Zugleich mischen sich noch immer auch bitterkalte Winter hinein. Etwa der Winter 1928/29 mit einer Durchschnittstemperatur von minus 4,9 Grad Celsius, fast sieben Grad unter dem Schnitt des Winters 2025/26 mit plus 1,8 Grad. In manchen Orten pendeln sich die Temperaturen im Februar 1929 unter minus 30 Grad ein.
Glaser schreibt dazu: "Die Ostsee ist komplett zugefroren und selbst die Nordsee so stark vereist, dass alle deutschen Nordseeinseln zu Fuß erreicht werden können. In den Häfen liegen die Schiffe fest. Sämtliche Flüsse und Seen in Deutschland sind überfroren, darunter der Rhein. Einige kleinere, wie der Neckar, sind Ende Februar bis zum Grund gefroren."
Luftverschmutzung maskiert den Klimawandel
Weitere bitterkalte Winter folgen mit den "Kriegswintern" 1939/40 (minus fünf Grad), 1941/42 (minus 3,9 Grad), dem "Hungerwinter" 1946/47 sowie dem "Strengwinter" 1962/63 (je minus 5,5 Grad). Doch das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Durchschnittstemperaturen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt ansteigen – und es etwa mit 1943, 1945, 1948 und 1949 sehr warme Jahre gibt.
Unter den Sommern der damaligen Zeit sticht der "Steppensommer" 1947 hervor, der mit 18,6 Grad heißeste Sommer des 20. Jahrhunderts (erst getoppt durch den Hitzesommer 2003 mit 19,7 Grad). Jener "Steppensommer" führt zu Ernteausfällen, einer Mäuse- und Wespenplage, einem Fichtensterben und Waldbränden.
Das Buch
Rüdiger Glaser: Klimadämmerung. Klimawandel und Gesellschaft in Mitteleuropa seit 1800 – Entwicklungen, Folgen und Perspektiven. Springer, Berlin 2025, 671 Seiten, 39,99 Euro.
"Durch die Hitze und die geringe Wasserführung sind die Flüsse wie der Main sauerstoffarm", schreibt Glaser. "Fische springen aus dem Wasser, um nach Luft zu schnappen. Anwohner nutzen die Gelegenheit, um sie zu fangen." Hungersteine in Rhein, Elbe, Donau treten zutage. Die neu eingemeißelte Jahreszahl 1947 wird erst 2018, 2019 und 2020 wieder auftauchen.
Eindrücklich schildert Glaser, wie der menschengemachte Klimawandel damals Fahrt aufnimmt – um ab Mitte des Jahrhunderts eine Pause einzulegen. Wie man heute weiß, nur scheinbar: Die Ozeane laden sich weiter kontinuierlich mit Hitze auf, aber in der Atmosphäre sorgt die zunehmende Luftverschmutzung dafür, den Klimawandel zu maskieren.
Inmitten eines kalten Winters 1978/79 findet in Genf eine erste Weltklimakonferenz statt.
Ab den 1980er Jahren tritt der Klimawandel deutlich in Erscheinung. Glaser beschreibt den Fortschritt der Klimadiplomatie, aber auch Hochwasserkatastrophen und den Jahrhundertsommer 2003 – mit dem 13. August als heißestem Tag: In Karlsruhe und Freiburg werden 40,2 Grad Celsius gemessen.
Auch die wurden inzwischen übertroffen. Aktueller Hitzerekordhalter ist der 25. Juli 2019 mit 41,2 Grad in Tönisvorst und Duisburg-Baerl, beide am Niederrhein. In den vergangenen 15 Jahren sei der Klimawandel zur "Klimakrise mutiert", schreibt der Autor.
"Die Temperaturzunahme ist der deutlichste Aspekt des Klimawandels", bilanziert Glaser gegen Ende des Buchs. "Die Dekadenwerte stiegen in Mitteleuropa von 7,5 Grad in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf 9,5 Grad zu Beginn des 21. Jahrhunderts an – und, besonders, auffällig, sie beschleunigen sich."
Zahlen, die man auch in den aktuellen Mitteilungen des Deutschen Wetterdienstes findet. Aber nach der Lektüre der 650 Seiten dicken "Klimadämmerung" kann man besser verstehen, was diese zwei Grad wirklich bedeuten.


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Gruß Frank