Die krummen Kiefern in Polen, die alle in einer merkwürdigen U-Form gen Norden wachsen, der Nationalpark Hainich im Westen Thüringens, der sich auf einer einstigen Militärzone befindet, der immergrüne Nebelwald in Spanien: Europas Wälder sind faszinierend.
Früher bedeckten sie große Teile des Kontinents. Doch nachdem jahrtausendelang Wälder für den Ackerbau gerodet wurden, machen sie heute nur noch rund ein Drittel der Fläche Europas aus.
Und selbst diese Wälder sind gefährdet. Extremwetterereignisse wie Dürreperioden oder Waldbrände, die durch den Klimawandel immer häufiger und intensiver werden, stressen die Fichten, Kiefern und Buchen. In den letzten Jahren kamen auch immer mehr Schäden durch Stürme und Schnee hinzu.
All das schwächt die Bäume und macht sie anfälliger für Schädlinge und Krankheiten. Laut einem gemeinsamen UN‑ und EU-Bericht war Anfang des Jahrhunderts etwa ein Fünftel der europäischen Wälder geschädigt. Die Bäume waren vertrocknet, von Schädlingen wie dem Borkenkäfer oder von tödlichen Pilzkrankheiten befallen.
Waldschäden werden weiter zunehmen
Zudem ist die globale Erwärmung noch nicht gestoppt: Die globalen Kohlendioxid-Emissionen steigen weiterhin an, das 1,5-Grad-Limit wurde 2024 erstmalig gerissen und die Deutsche Meteorologische Gesellschaft prognostiziert eine Erwärmung von drei Grad bis Mitte des Jahrhunderts.
Solange die Temperaturen weiter steigen, werden Brände und Stürme die Natur in Europa immer mehr unter Druck setzen. "Man erinnere sich an die Feuersaison letztes Jahr, die in Nordportugal und Nordspanien massive Auswirkungen hatte. Oder als 2018 Stürme in Deutschland, Polen und Tschechien einen Borkenkäferbefall auslösten, der dann Waldschäden verursachte", sagt Christopher Reyer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.
Reyer war an einer neuen internationalen Studie beteiligt, die nun beziffert, wie stark die Schäden zukünftig werden könnten: In einem Zwei-Grad-Szenario könnte die jährlich geschädigte Waldfläche bis zum Ende des Jahrhunderts um rund 20 Prozent ansteigen. In einem Vier-Grad-Szenario könnten sich die Schäden sogar mehr als verdoppeln, wie das Team um Rupert Seidl von der TU München erklärt.
All dies ermittelten die Forscher:innen, indem sie Nasa-Satellitendaten auswerteten und daraus ein Modell erstellten, welches beschreibt, wie stark und auf welche Weise unterschiedliche Waldgebiete in ganz Europa geschädigt sind. Mithilfe neuronaler Netzwerke simulierten sie anschließend, wie sich die Wälder bei unterschiedlichen Temperaturanstiegen zukünftig weiterentwickeln würden.
"Das Neue ist, dass wir in der Studie berücksichtigt haben, dass sich die Vegetation und das Waldbrandrisiko gegenseitig bedingen", erklärt Klimaforscher Reyer. "Bisher wird das Risiko für extreme Ereignisse hauptsächlich aus dem Klima abgeleitet. So wird zum Beispiel bei Feuer gesagt: Wenn es trockener und wärmer wird, steigt das Risiko, dass es brennt."
Doch laut dem Forscher hat die Vegetation ebenfalls einen Einfluss. Reyer: "Wenn es etwa an einem bestimmten Ort gerade ein Feuer gab, dann kann es dort im nächsten Jahr, egal wie trocken und heiß es ist, nicht mehr brennen. Und Bäume, die beispielsweise an bestimmten Stellen schneller wachsen und dadurch höher und dünner sind, sind bei gleich bleibender Sturmintensität trotzdem anfälliger für Sturmschäden."
Tatsächlich zeigt die Studie, dass vor allem Brände die europäische Natur künftig schädigen werden: Sie können jährlich zwischen 110.000 Hektar Waldfläche im Zwei-Grad-Szenario und 230.000 Hektar im Vier-Grad-Szenario verbrennen. Auch aus diesem Grund werden der Studie zufolge vor allem die mediterranen Wälder in Portugal, Spanien, Italien und Griechenland unter den kommenden Klimawandelfolgen leiden. Zudem werden Borkenkäfer einen großen Teil der Schäden verursachen.
Boreale Wälder und die Tundra, die vor allem in Skandinavien vorkommen, werden hingegen weniger stark betroffen sein. Dort könnten jedoch regionale Hotspots mit erhöhtem Schadensrisiko entstehen, wie in der Studie betont wird.
Eine der wichtigsten CO2-Senken
Der prognostizierte Waldschwund stellt aus mehreren Gründen ein unmittelbares Problem dar. Zum einen leben in europäischen Nadel-, Laub- oder Mischwäldern zahlreiche geschützte Arten. Schwindet ihr Lebensraum, könnten sie aussterben. Zudem sind Bäume große CO2-Senken, indem sie per Photosynthese Kohlendioxid aus der Luft aufnehmen und den Kohlenstoff dauerhaft im Holz speichern. Auch der Waldboden ist ein riesiger CO2-Speicher.
Das macht Wälder zur größten terrestrischen Kohlenstoffsenke. Weltweit absorbieren sie laut der Organisation Client Earth jährlich 2,6 Milliarden Tonnen des Klimagases. Wald speichert in Europa jährlich circa 330 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent. Zum Vergleich: Das sind über zehn Prozent der aktuell in Europa ausgestoßenen CO2-Emissionen.
Seit einigen Jahren wird deshalb sogar diskutiert, ob sich durch massive Aufforstung der menschengemachte Klimawandel abschwächen ließe, weil Bäume der Atmosphäre in ihrer Wachstumsphase viel CO2 entziehen.
"Doch in Zukunft werden Europas Wälder voraussichtlich weniger Kohlenstoff aufnehmen", so Reyer. Hinzu kommt: Wenn Bäume – etwa auch durch Waldbrände – sterben, setzen sie ihr gespeichertes CO2 wieder frei. Auf diese Weise wird aus der einstigen CO2-Senke eine potente CO2-Quelle. Das beschleunigt wiederum den Klimawandel.
Die Auswirkungen des Klimawandels auf die CO2-Senke Wald erfordern Gegenmaßnahmen auf mehreren Ebenen. Zum einen die Reduzierung der Treibhausgasemissionen.
Zum anderen müsste "die Waldbewirtschaftung die Resilienz von Wäldern stärker fördern", wie Christopher Reyer betont, also den Wald gegenüber künftigen Klimabedingungen und Wetterextremen widerstandsfähiger machen.
