Die globale Wirtschaft steht auf einem Fundament, das zunehmend brüchig wird.
Wälder regulieren Klima und Wasserhaushalt, Böden sichern Ernten, Bestäuber ermöglichen Nahrungsmittelproduktion, Küstenökosysteme schützen vor Sturmfluten und binden große Mengen Kohlendioxid. Doch genau diese natürlichen Grundlagen werden in immer schnellerem Tempo zerstört.
Der Schwund der biologischen Vielfalt ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass er nicht mehr nur als Umweltproblem gilt, sondern auch als systemisches Risiko für Wirtschaft, Finanzmärkte und gesellschaftliche Stabilität. Zu diesem Ergebnis kommt ein neuer Bericht des Weltbiodiversitätsrates IPBES, der am Montag vorgestellt wurde.
Der Befund ist eindeutig: "Jedes Unternehmen ist auf Biodiversität angewiesen – und jedes Unternehmen beeinflusst sie", heißt es in dem Report, der von 79 Fachleuten aus Wissenschaft und Praxis erarbeitet und von Delegierten aus den mehr als 150 Mitgliedsstaaten des Rates bei einem Treffen im britischen Manchester verabschiedet wurde.
Auch Firmen, die sich selbst nicht als "naturbasiert" verstehen, seien direkt oder indirekt abhängig – etwa von stabilen Wasserressourcen, fruchtbaren Böden, funktionierenden Stoffkreisläufen oder von Landschaften, die Tourismus und Erholung ermöglichen.
Gleichzeitig tragen Unternehmen laut dem Rat bislang kaum die Kosten für die Schäden, die sie an der Natur verursachen.
Massive wirtschaftliche Fehlanreize
Der Bericht zeichnet ein Bild massiver Fehlanreize. Im Jahr 2023 flossen danach weltweit rund 7,3 Billionen US-Dollar an öffentlichen und privaten Finanzmitteln in Aktivitäten mit eindeutig negativen Folgen für die Natur.
Davon entfielen allein 4,9 Billionen Dollar auf private Investitionen, vor allem aus den Sektoren Energie, Industrie, Versorgern und der Rohstoffwirtschaft. Weitere 2,4 Billionen waren staatliche Subventionen etwa für fossile Energien, Landwirtschaft, Wasser, Verkehr und Bau.
Dem standen lediglich 220 Milliarden Dollar für Naturschutz und Renaturierung gegenüber – nur etwa drei Prozent der Summe, die in naturzerstörende Wirtschaftsweisen fließt. "Der Verlust der Biodiversität gehört zu den größten Bedrohungen für Unternehmen", warnte der Co-Vorsitzende des Reports, Stephen Polasky. Dennoch erscheine es kurzfristig oft profitabler, Natur zu zerstören, als sie zu erhalten.
Ähnliche Zahlen hatte jüngst das UN-Umweltprogramm Unep veröffentlicht. Kernaussage hier: Für jeden Dollar, den die Welt in den Schutz der Natur investiert, fließen 30 Dollar in ihre Zerstörung.
Dem steht ein vergleichsweise geringer Einsatz für sogenannte naturbasierte Lösungen gegenüber. Von den rund 220 Milliarden Dollar für Maßnahmen wie Renaturierung, nachhaltige Landnutzung oder den Schutz von Ökosystemen stammten laut den Unep-Angaben fast 90 Prozent aus öffentlichen Kassen. Private Investitionen spielten mit gut 23 Milliarden Dollar nur eine geringe Rolle.
Ökologische wird zur ökonomischen Krise
Der Schwund der Biodiversität verschärft laut dem IPBES-Bericht zudem die Klimakrise – und umgekehrt. Intakte Wälder, Moore, Ozeane und Böden sind zentrale Kohlenstoffspeicher und puffern Extremereignisse wie Hitze, Dürren oder Überschwemmungen ab.
Ihre Zerstörung setzt zusätzliche Treibhausgase frei und erhöht die Kosten des Klimawandels für Unternehmen, etwa durch Lieferkettenstörungen, Produktionsausfälle oder steigende Versicherungsprämien.
Der Report macht einmal mehr deutlich, dass Klima- und Biodiversitätskrise nicht getrennt zu lösen sind: Maßnahmen zum Klimaschutz verlieren an Wirkung, wenn gleichzeitig Ökosysteme beeinträchtigt werden.
Damit verschärft sich eine Entwicklung, die Wissenschaftler seit Jahren dokumentieren. Laut früheren IPBES-Analysen sind weltweit rund eine Million Arten vom Aussterben bedroht, und viele Ökosysteme nähern sich gefährlichen Kipppunkten.
Der aktuelle Bericht zeigt nun, dass diese ökologische Krise zunehmend auf die Wirtschaft zurückschlägt – über instabile Lieferketten, steigende Rohstoffpreise, Ernteausfälle, wachsende Risiken für Finanzmärkte oder Konflikte um Wasser und Land.
Besonders betroffen sind indigene Gemeinschaften. Laut dem Bericht sind rund 60 Prozent ihrer Gebiete durch Eingriffe von außen bedroht.
Politisch fällt die neue Studie in eine Phase, in der der Schutz der Natur eigentlich an Bedeutung gewinnen sollte. Das vor gut drei Jahren in Montreal verabschiedete UN-Naturschutzabkommen sieht vor, bis 2030 mindestens 30 Prozent der geschädigten Ökosysteme weltweit wiederherzustellen. 196 Staaten haben es unterzeichnet.
Das Ziel 15 in diesem Vertrag verpflichtet Unternehmen, ihre Abhängigkeiten von der Natur sowie Biodiversitätsrisiken systematisch zu erfassen und offenzulegen. Der Rat kommt nun jedoch zu dem Schluss, dass dies bisher nicht ausreichend geschieht.
"Die Zeit arbeitet nicht für uns"
"Die aktuellen Bedingungen, unter denen Unternehmen agieren, sind nicht kompatibel mit einer gerechten und nachhaltigen Zukunft", heißt es im Bericht. Fehlende Regulierung, mangelhafte Durchsetzung, Datenlücken und Geschäftsmodelle mit hohem Ressourcen- und Emissionsdurchsatz zementierten ein "Weiter so".
Weniger als ein Prozent der berichtspflichtigen Unternehmen erwähne Biodiversität bislang überhaupt in Nachhaltigkeitsberichten.
Zugleich betont der Biodiversitätsrat, dass ein Kurswechsel noch möglich sei. Der Bericht erläutert, wie Unternehmen ihre Abhängigkeiten und Auswirkungen besser erfassen können – von standortbezogenen Analysen bis zu Bewertungen ganzer Lieferketten und Finanzportfolios.
Die IPBES-Fachleute machen jedoch klar, dass die Wirtschaft den Wandel nicht allein stemmen kann. Notwendig sei ein ermöglichendes Umfeld aus klaren politischen Leitplanken, reformierten Finanzsystemen und besseren Daten.
Viele Schritte könnten dennoch sofort beginnen: effizienterer Ressourceneinsatz, geringere Emissionen, weniger Naturzerstörung, transparente Berichterstattung. "Ein besserer Umgang mit der Natur ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit", hob die Co-Vorsitzende Ximena Rueda hervor.
"Unternehmen können den transformativen Wandel anführen – oder sie riskieren letztlich ihr eigenes Aussterben", sagte Ruedas Co-Vorsitzender Matt Jones.
Unep-Direktorin Inger Andersen unterstrich zum Erscheinen des neuen Reports die Bedeutung solcher Analysen "in einer Zeit, in der manche die Rolle der Wissenschaft infrage stellen" – eine klare Anspielung auf die Positionen der US-Regierung unter Präsident Trump. Wissenschaftsbasierte Entscheidungsfindung sei "keine Option, sondern unverzichtbar".
Indem Risiken frühzeitig erkannt würden, ließen sich eskalierende Kosten verhindern, mahnte Andersen. Sie nannte hier höhere Lebensmittelpreise, steigende Versicherungsprämien und wirtschaftliche Instabilität, die Gemeinschaften und Familien weltweit treffen.
"Die Zeit arbeitet nicht für uns", sagte die Unep-Chefin. "Doch diese Bewertung zeigt einen klaren Weg auf, wie wirtschaftliche Entscheidungen mit der ökologischen Realität in Einklang gebracht werden können – mit dauerhaften Vorteilen für die Menschen und für den Planeten."
Lesen Sie dazu den Gastkommentar von Franz Alt: Biodiversität ist so wichtig wie Klimaschutz
