Klimareporter°: Frau Dehnhardt, zusammen mit der Hochschule Zittau/Görlitz startete das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung das mehrjährige Forschungsprojekt "Lautra". Es soll untersuchen, wie die sächsische Lausitz zu einer Vorreiter-Region für nachhaltige Naturfaserwirtschaft werden kann. Sind Naturfasern nicht sowieso nachhaltig?
Alexandra Dehnhardt: Nein, der Anbau von Naturfasern ist nicht von vornherein umweltschonend und nachhaltig. Werden Faserpflanzen wie Hanf oder Flachs als intensive Monokulturen angebaut, kann das mit einem hohen Einsatz an Dünge- und Pflanzenschutzmitteln einhergehen. Das ist für Böden und Grundwasser genauso belastend wie der konventionelle Ackerbau mit anderen Kulturen.
Auch die Ernte sowie der mechanische oder chemische Aufschluss der Naturfasern – das Trennen der harten Schäben von den wertvollen Spinnfasern – verbrauchen viel Wasser und Energie.
Zudem konkurriert der Anbau von Faserpflanzen mit dem von Nahrungsmitteln um wertvolles Ackerland – ein Nutzungskonflikt, der im Zuge der Bioökonomie immer wieder zur Sprache kommt.
Wie wollen Sie die Bedenken ausräumen?
Ein zentraler Aspekt, den wir bei "Lautra" mitdenken, ist die Kreislaufführung. Am Beispiel der Naturfasern untersuchen wir Potenziale einer zirkulären Nutzung von Biomasse.
Die Naturfasern sollen in der Lausitz nicht nur angebaut, sondern auch verarbeitet, genutzt und am Ende wieder recycelt werden. Dieser Kreislauf ist ein wesentlicher Baustein von Nachhaltigkeit.
Alexandra Dehnhardt
ist studierte Agrar- und promovierte Umweltökonomin und leitet am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) in Berlin inter- und transdisziplinäre Forschungsprojekte vor allem zu ökonomischen und politischen Aspekten des Managements natürlicher Ressourcen. Von 2017 bis 2020 leitete sie als Gastprofessorin das Fachgebiet Landschaftsökonomie der TU Berlin.
Ein Grund, warum die Lausitz für solche Projekte gewählt wird, ist die lange Tradition der Textilwirtschaft dort. Ist denn mehr als 30 Jahre nach der Einheit von der früher profilbestimmenden Textilindustrie noch etwas übrig?
In der sächsischen Lausitz hat die Textilindustrie nicht mehr die Bedeutung, die sie einmal hatte, dennoch spielt sie noch heute eine Rolle. Allerdings mehr für technische Textilien als für textile Massenprodukte.
Mit der Betonung der historische Entwicklung wollen wir aber auch deutlich machen: Wir kommen nicht mit einer vollkommen neuen Idee, sondern knüpfen an eine Unternehmertradition an, die es einmal gab, und versuchen sie wiederzubeleben.
Im Projekt wird allerdings weniger der Einsatz von Naturfasern für die Textilwirtschaft betrachtet. Unser Fokus liegt auf der industriellen Nutzung.
Industriell sollen die Fasern in naturfaserverstärkte Kunststoffe, Spezialpapiere, Leichtbauplatten und Faserverbundstoffe etwa für die Autoindustrie oder in neuartige Verpackungsmaterialien Eingang finden. Gibt es denn dafür einen ausreichend großen Absatzmarkt, damit sich Unternehmen für diese Natur-Materialien interessieren?
Das ist eine der Herausforderungen, die wir mit dem Projekt in den Blick nehmen. Um die Potenziale zirkulärer Bioökonomie für die sächsische Lausitz überhaupt nutzbar machen zu können, braucht es nicht nur die Primärproduktion, sondern Verarbeitung und Absatzmärkte.
Im Projekt betrachten wir deshalb die gesamte Wertschöpfungskette – von Erzeugung über Verarbeitung bis Nutzung – und beziehen entlang der gesamten Kette Akteure ein.
Konkret wollen wir auf Basis einer Stoffstromanalyse dreierlei zeigen: erstens das Potenzial des Faserpflanzenanbaus, zweitens die notwendigen Verarbeitungskapazitäten, um aus den Faserrohstoffen verschiedene Produkte zu entwickeln und dafür Märkte zu erschließen, und drittens, welche Akteure dafür infrage kommen.
Geht es um die Zukunft der Lausitz, deren Natur und Landschaft von der Braunkohleverstromung vielfach zerstört wurden, ploppt das Themenfeld Natur und Biomasse regelmäßig auf. Schon vor einem Jahrzehnt gab es ein Projekt für eine Bioenergieregion Lausitz. Aus alldem wurde meist nichts. Warum sollte es dieses Mal anders sein?
Ein zentrales Problem ist eben der Aufbau neuer regionaler Wertschöpfungsketten. Gibt es in der Region keine Abnehmer, können sich solche Projekte nicht entwickeln. Deswegen legen wir bei "Lautra" den Schwerpunkt nicht nur auf die Herstellung der Rohstoffe und deren Verarbeitung, sondern gerade auf ihren Einsatz und die Verwertung.
Heute haben wir es beim Strukturwandel in der Lausitz auch mit einer anderen Situation zu tun als vor einem Jahrzehnt. Der Zeitdruck ist größer geworden. Damals war der Strukturwandel noch ein vages Zukunftsszenario – heute ist der Kohleausstieg gesetzlich besiegelt und zeitlich eng getaktet.
Die Lausitz steht damit unter erheblichem Zugzwang, jetzt neue krisenfeste Wertschöpfungsketten aufzubauen, bevor Industriestrukturen endgültig wegbrechen.
Mit dem Kohleausstiegsgesetz gibt es zudem eine vergleichsweise andere Förderlandschaft als damals. Sie nimmt den Strukturwandel viel stärker in den Blick. Jetzt gilt es, diese Zeit zu nutzen und konkrete wirtschaftliche Perspektiven aufzuzeigen und einzuschlagen. Dies haben wir mit den naturfaserbasierten Materialien vor.
Wir fangen hier auch nicht bei null an, sondern bauen auf ein bestehendes Akteursnetzwerk namens Lander3, das mit dem Projekt "Lausitzer Naturfaser-Verbundwerkstoffe" der Hochschule Zittau/Görlitz verbunden ist.
Die regionale Politik strebt an, dass die Lausitz auch nach dem Kohleausstieg Energieregion bleibt. Da wird meist an große Wind- und Solarparks gedacht. Würde eine Zukunft als Region für Biomasse, gerade auch zur stofflichen Nutzung, besser zu den Gegebenheiten der Lausitz passen?
Es geht hier nicht um ein Entweder-Oder. Wir verstehen die Etablierung einer Naturfaserwirtschaft als einen Baustein regionaler Entwicklung neben anderen.
Aber es stimmt, die Ausgangsbedingungen für die Entwicklung einer Naturfaserwirtschaft sind in der sächsischen Lausitz gut. Neben der historischen Verankerung des Naturfaseranbaus und entsprechender Wertschöpfungsketten könnten lokale Arbeitsplätze in Anbau, Verarbeitung und Recycling entstehen, wenn es gelingt, eine naturfaserbasierte, zirkuläre Bioökonomie zu etablieren.
Was die Flächenkonflikte betrifft: In der Lausitz gibt es Zehntausende Hektar ehemaliger Bergbau-Kippenlandschaften, die aus Sicherheitsgründen nicht bebaut oder anderweitig genutzt werden können. Könnten diese Landschaften nicht zu Hotspots für den Anbau von Fasern und anderer Biomasse werden?
Wo Flächen aus Sicherheitsgründen gesperrt sind, ist zunächst auch keine Landwirtschaft möglich – daran ändern auch Faserpflanzen nichts.
Die eigentliche Chance liegt eher in der Zukunft: Sobald eine Faserwertschöpfungskette auf den heute schon verfügbaren Flächen etabliert ist, sind rekultivierte und freigegebene Kippenflächen eine naheliegende Erweiterungsmöglichkeit für den Anbau.
