Klimareporter°: Frau Otto, seit mehr als zehn Jahren arbeiten Sie an Attributionsstudien, die den Anteil des Klimawandels an konkreten Hitzewellen, Stürmen oder Hochwasser ermitteln. Kürzlich erhielten Sie für Ihre Arbeit sogar das Bundesverdienstkreuz. Was denken Sie, wie sehr hat die Wetter-Attributionsforschung es geschafft, die Debatte um Klimaziele zu beeinflussen?

 

Friederike Otto: Die Attributionsforschung hat die Konversation in den Medien geändert. Früher hieß es: "Der Klimawandel ist hauptsächlich ein Zukunftsthema." Nun immer öfter: "Dieses Wetterereignis ist aufgrund des Klimawandels schlimmer ausgefallen, und der Klimawandel findet hier und jetzt statt."

Das ist ein wichtiger Schritt. Die Leute verstehen jetzt: Klimaschutz ist nicht nur dann wichtig, wenn einem spätere Generationen am Herzen liegen. Sondern Emissionsreduktion und Anpassung müssen hier und jetzt passieren, auch schon für uns.

Ist diese Einsicht auch im Politischen angekommen?

Politik ist ein weites Feld. Auf der einen Seite weiß der Großteil der Bevölkerung selbst in Ländern wie den USA, wo es viel Fehl- und Falschinformation gibt, dass der Klimawandel extremes Wetter verstärkt, und wünscht sich mehr Klimaschutz – und das trotz der zunehmend starken Bemühungen der fossilen Industrie, den Klimawandel zu leugnen.

Auf der anderen Seite liefert die Politik trotzdem nicht, unabhängig davon, welche Parteien regieren. 

Hat sich in den letzten Jahren trotzdem etwas verbessert?

Beim Bevölkerungsschutz und den Frühwarnsystemen hat sich viel getan. Auch deshalb forderte die letzte Überschwemmung in Mitteleuropa vor zweieinhalb Jahren viel weniger Todesopfer, als das noch vor fünf Jahren der Fall war. Und das, obwohl das Ereignis intensiver war.

Bild: Oxford Martin School

Friederike Otto

ist Klimaforscherin am Grantham Institute des Imperial College London und Mitglied im Herausgeberrat von Klimareporter°. Die Physikerin und promovierte Philosophin ist Mitbegründerin der Zuordnungsforschung (attribution science), die den Anteil des Klimawandels an Extremwetterereignissen berechnet. Sie leitet die Forschungsgruppe World Weather Attribution (WWA).

Doch während Frühwarnsysteme unmittelbar Leben retten, können sie weder Extremwetter an sich noch deren Schäden verhindern. Das hat der Hurrikan Melissa deutlich gezeigt. Jamaika war so vorbereitet, wie es möglich ist: Es existierten hervorragende Frühwarnungen, auf die rechtzeitig reagiert wurde, Leute wurden evakuiert.

Doch der Sturm, der auch durch den Klimawandel verstärkt war, hat die Insel trotzdem getroffen und immensen Schaden verursacht. Am Ende zählt also doch die langfristige Emissionsreduktion. 

Inwiefern sind Sie dann zufrieden mit der Rolle, die die Attributionsforschung in den letzten Jahren gespielt hat?

Auf der einen Seite herrscht mittlerweile mehr Bewusstsein dafür, dass nicht nur das Wetter an sich zu Katastrophen führt, sondern auch die Verletzlichkeit der Betroffenen. Hier haben wir zumindest erreicht, dass dies häufiger angesprochen wird. So reicht es nicht, nur den Wetterbericht zu veröffentlichen, man muss im Zweifel auch Aktionspläne präsentieren.

Auf der anderen Seite hapert es noch am Verständnis, wie wichtig Forschung ist und wie essenziell gute Daten dafür sind. Wir verlieren beispielsweise weiterhin globale Wetterbeobachtungskapazitäten. Aktuell sieht man das in den USA, aber auch in Mexiko und vielen afrikanischen Ländern. Dort sinkt die Qualität und die Dichte der Beobachtungsdaten. 

Wie wird sich das Forschungsfeld in den nächsten fünf bis zehn Jahren entwickeln?

Neben den globalen Datenlücken gibt es auch noch viele Modelllücken zu füllen. Zum Beispiel haben wir kürzlich eine Studie zu extremen Niederschlägen im südlichen Afrika durchgeführt. Das Signal zeigte deutlich, dass der Regen intensiver wird. Mit den aktuellen 1,3 Grad Erwärmung hätten wir ungefähr zehn Prozent intensivere Niederschläge erwartet.

Doch sie waren 40 Prozent intensiver. Das bedeutet, dass noch weitere Wettersysteme auf die Niederschläge einwirken. Doch da die Modelle über Afrika unzureichend sind, konnten wir nicht bestimmen, welche. Wir müssen also nicht nur verstehen, wie sich das Wetter ändert, sondern auch, warum und welche Prozesse genau ablaufen. 

Ein Schlauchboot mit Rettungskräften in Schwimmwesten fährt durch eine überschwemmte Siedlung.
Frühwarnung und Katastrophenschutz haben sich verbessert, doch die Ursachen der Klimakrise bleiben. (Bild: N. Maneer/​Shutterstock)

Entstehen auch neue Forschungszweige?

Ja. Wir haben beispielsweise letzten Sommer gemeinsam mit Epidemiologen Attributionsstudien gemacht, die beziffern, wie viel mehr Todesfälle durch erwärmungsbedingt verstärkte Hitzewellen hervorgerufen wurden. Das nennt sich Impact Attribution.

Andere Studien in diesem Feld untersuchen, wie stark die ökonomischen Schäden durch höhere Windgeschwindigkeiten bei Hurrikans steigen.

Dann gibt es auch noch "Source Attribution" ... 

Ja, da betrachten Forschende nicht nur den Einfluss des Klimawandels allgemein, sondern auch, wie viel davon aufgrund der Emissionen eines Staates wie der USA oder eines Unternehmens wie Exxon entsteht. Zu dem Thema sind jüngst einige neue Studien erschienen und es wird vermutlich noch mehr geben.

Wie funktioniert die Zuordnung bei der Source Attribution?

Wissenschaftlich ist das nicht schwierig. Es lässt sich genau messen, wie viele zusätzliche Treibhausgase in der Atmosphäre sind. Und den Büchern der Konzerne lässt sich entnehmen, wie viel Kohle, Öl und Gas sie aus der Erde geholt haben.

Einen größeren Unterschied in den Source-Attribution-Studien machen die politischen Fragen: Wie bewertet man beispielsweise die Emissionen von Konsumgütern, die etwa in China hergestellt, aber in Europa oder Nordamerika konsumiert wurden?

 

Was wünschen Sie sich für die Attributionsforschung der Zukunft?

Dass klar akzeptiert wird, dass eine Studie umso besser wird, je mehr verschiedene Methoden und verschiedene Datensätze man zusammenführt. Und entsprechend, dass die Community mehr zusammenarbeitet, statt zu sagen: Meine Methode ist die beste.

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