Cottbus in der Lausitz: Vom Bahnhof aus fährt die Buslinie Nummer 10 tagsüber jede Stunde zum Schloss Branitz mit seinem berühmten Park. Das Ensemble hat der Weltreisende und Gartenkünstler Hermann Fürst von Pückler-Muskau der Nachwelt hinterlassen.
Die Busverbindung heißt stilgerecht "Pückler-Linie". Wer will, kann mit einem "Pückler-Ticket" die Stadt Cottbus einen Tag lang erkunden, auch die unweit des Parks gelegene Baumuniversität.
Die hat eine eigene Haltestelle an der Linie 10. Am Eingang des rund zwölf Hektar großen "Uni"-Geländes steht ein Pförtnerhaus, Überbleibsel einer einstigen großen DDR-Gärtnereigenossenschaft mit mehr als zwanzig fernwärmegeheizten Großgewächshäusern.
Mit der Produktionsgenossenschaft war es nach der Wende vorbei. Die Fläche verwandelte sich in einen, wie es modern heißt, "Lost Place" mit Ruinen und Müll. Der Plan, dort eine große Eigenheimsiedlung zu errichten, scheiterte.
Zum Glück, muss man sagen. Denn in diesem Jahr kann die Baumuniversität schon ihr 180‑jähriges Jubiläum begehen. 1846 hatte Fürst Pückler, schon 60 Jahre alt, im Branitzer Innenpark eine Baumschule gegründet, die er dann "Baumuniversität" nannte.
Die Pflanzen sollten lernen, mit dem kargen Lausitzer Boden zurechtzukommen, bevor sie ihren endgültigen Standort im Pücklerschen Landschaftspark fanden.
"Es ist nun mal meine Aufgabe, Wüsten in Oasen zu verwandeln", zitiert die heutige Pückler-Stiftung ihren Namensgeber. Mit dem spätbarocken Schloss und dem Park mit seinen heute 30.000 Bäumen hat sich Pückler selbst ein Denkmal gesetzt.
Klimawandel rückt ins Zentrum der Baumuniversität
Um 2011 belebte die Stiftung die Idee der Baumuniversität wieder. Ziel war es zunächst, wie weiland Pückler den Park selbst mit passenden Gehölzen zu versorgen. Dieser Eigenbedarf wird bereits weitgehend gedeckt.
Ab 2020 sei dann der Klimawandel ins Zentrum der Baumuniversität gerückt und der Anstoß zur Gründung der neuen Branitzer Baumuniversität im Außenpark gegeben worden, erklärte Stiftungsvorstand Stefan Körner Ende August bei einer Vor-Ort-Präsentation. Es gelte eine Antwort zu finden auf die, so Körner, "existenzielle" Frage, wie die historischen Gärten und Parks Deutschlands künftig erhalten werden und überleben können.
Mittlerweile ist die neue Branitzer Baumuniversität das bundesweit größte Modellprojekt für historische Gärten im Klimawandel und wird vom Bundesbauministerium, der EU und dem Land Brandenburg mit insgesamt knapp zwölf Millionen Euro gefördert.
So ließ es sich Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD) auch nicht nehmen, bei der Vorstellung der neuartigen "Uni" dabei zu sein. Ein großer Laubbaum sei die "beste Klimaanlage", die man an heißen Tagen haben könne – und das, ohne eine einzige Kilowattstunde zu verbrauchen, lobte Hubertz.
Sie wies auch darauf hin, dass ein Baum viel CO2 bindet. Mit Holz als Baustoff könne man sich gewissermaßen aus der Klimakrise herausbauen, sagte die Ministerin. Und was im Baum gespeichert sei, bleibe dann auch im Gebäude.
Bis zu eintausend Gehölzarten soll die Baumuni einmal beherbergen. Geplant sind auch eine Streuobstwiese sowie ein 1,3 Hektar großer Waldgarten, der schrittweise entwickelt und schon jetzt gemeinschaftlich von Bürgerinnen und Bürgern bewirtschaftet wird.
Sechs der alten Gewächshäuser werden ausgebaut, zwei davon sollen als Büros und Sanitär- und Lagerräume dienen. 2028 sollen die Arbeiten abgeschlossen und die Baumuni voll arbeitsfähig sein.
Künftig prägen mehr trockentolerante Bäume den Park
In eine Wüste verwandelt sich die Lausitz mit dem Klimawandel zwar nicht, aber die ohnehin trockene Region wird noch trockener werden und heißer sowieso.
Das stresst die Bäume und schwächt sie. So mussten 2021 im Park 500 Eichen gefällt werden, um ein Übergreifen von Schädlingen und Krankheiten auf andere Pflanzen zu verhindern.
Statt der bisher den Park prägenden Trauben- und Stieleichen sollen künftig auch andere Arten gepflanzt werden, besonders südeuropäische wie die Rumänische oder Ungarische Eiche. Dazu teste man entsprechend trockentolerante Arten, erläuterte Agroforstexperte Christian Böhm vor Ort. Nur beim Anwuchs würden die Bäume gewässert, danach aber so wenig wie möglich.
Die Baumuniversität soll auch als Plattform für Wissenschaft und Forschung dienen. So werden in Zusammenarbeit mit der Berliner Humboldt-Universität klimaangepasste Gehölze auch in vitro per Nährmedium vermehrt. Das liefert neue Pflanzen schneller und in viel größerer Zahl als die traditionelle Vermehrung über Samen.
Erforscht werden in der Baumuni auch Agroforstsysteme. Auf einem Versuchsfeld stehen schnellwachsende Weiden und Pappeln schon mannshoch. Diese Bäume sollen auf den großen Ackerschlägen vor Winderosion schützen, Mikroklima und Biodiversität wie auch Produktivität verbessern. Ihr Holz soll später für die geplante Hackschnitzelheizung der neuen Baumuniversität verwendet werden.
Die Idee, Gartenkunst und landwirtschaftliche Nutzung zu verbinden, hatte schon Pückler. Er teilte den Branitzer Park in Zonen ein. Den Abschluss bildete dabei ein sogenannter Außenpark.
Pückler gestaltete ihn nach englischem Vorbild als sogenannte Ornamental Farm und verband in Branitz so landwirtschaftlich genutzte Felder sowie Waldstücke und Grünland mit der Gartenkunst.
Ministerin: Gemeinschaftsaufgabe Klimaanpassung ist nicht vom Tisch
Der Branitzer Park ist nur einer von vermutlich 500 historischen Gartenanlagen in Deutschland. Sie alle für den Klimawandel fit zu machen, ist eine Jahrhundertaufgabe für die öffentliche Hand.
Bauministerin Hubertz gehört dabei zu den fünf SPD-Bundesministerinnen und ‑ministern, die sich Mitte August in einem Hitze-Aktionsplan für die Aufnahme einer Gemeinschaftsaufgabe Klimaanpassung ins Grundgesetz einsetzten.
Davon war allerdings nach der kürzlichen Kabinettsklausur der Bundesregierung nicht mehr die Rede. Der Vorschlag zur Grundgesetzänderung sei aber nicht vom Tisch, betonte Hubertz beim Baumuni-Besuch auf Nachfrage. In Zeiten des fortschreitenden Klimawandels müssten sich Bund, Länder und Kommunen an einen Tisch setzen, betonte sie.
Darüber sei während der Klausur eine sehr intensive Diskussion geführt worden, so die Ministerin. Das Ganze werde jetzt, wie sie sich ausdrückte, "zusammengebunden". Für die SPD‑Seite ist Hubertz zufolge klar, dass die Gemeinschaftsaufgabe ins Grundgesetz gehört. Da werde einfach eine "große Kraftanstrengung" gebraucht.
Ob bei allem Aufwand der Branitzer Park weitgehend so erhalten werden kann, wie ihn Pückler im 19. Jahrhundert schuf, ist angesichts des schnellen Klimawandels aber fraglich. Schon jetzt zeichnen sich auch für historische Gärten Grenzen der Anpassung ab.
Die Hitze setze den Bäumen enorm zu, verdeutlichte Agroforst-Fachmann Böhm. Zwar sei in der Region um Cottbus mit dem Ende des dortigen Braunkohletagebaus der Grundwasserspiegel fast wieder auf alte Höhen angestiegen und die Bäume könnten das Grundwasser auch "anzapfen". Doch auch wenn der Baum über Wasser verfüge, schließe die Pflanze, wenn es zu heiß wird, die Spaltöffnungen ihrer Blätter.
Dann verdunste der Baum kein Wasser mehr und verliere seinen Kühlungsschutz, so Christian Böhm. Am Ende würden Blätter und kleine Zweige quasi "verbrennen" und abfallen.
Würden die Bäume die Spaltöffnungen nicht schließen, wäre die Verdunstung so groß, dass der Wasserfluss in den Gefäßen abreißt und sich bildende Luftembolien die Wasserversorgung in die Krone behindern. Die Bäume stehen bei starker Hitze also vor einem Dilemma. Bewässern sei deswegen kein Allheilmittel gegen die Hitze, betonte der Forscher.
Nicht nur Hitzewellen, auch Spätfröste bereiten Probleme
Ein weiteres Problem: Baumarten aus Südeuropa vertragen zwar die Hitze besser, gehören aber nicht zum ursprünglichen Baumbestand, sie verändern also das Parkbild. Dieser Aspekt muss bei der Wahl alternativer, sogenannter Klimabaumarten beachtet werden.
Aber auch in der anderen Richtung machen Wetterextreme den Park-Gehölzen zu schaffen, wie Christian Böhm erläuterte. Mit der Erwärmung beginne zwar die Vegetationszeit immer zeitiger – in Mitteleuropa könne es dennoch immer Spätfröste geben. Deren Wahrscheinlichkeit steige sogar, je zeitiger Bäume und Pflanzen nach dem Winter austreiben, beschrieb der Agroforstexperte die Gefahr.
Einmalig könnten viele Pflanzen mit Spätfrösten zurechtkommen, bei mehrmaligen Frostereignissen würden sie aber so geschwächt, dass Schädlinge leichtes Spiel hätten, meinte der Forscher.
Gegen die brennende Hitze würde übrigens auch helfen, wenn sich die Bäume und die anderen Gehölze im Park gegenseitig verschatteten. Am besten wäre sogar die Lösung, die der tropische Regenwald für sich gefunden hat: ein geschlossenes Kronendach.
Ein Park mit so einem Kronendach wäre allerdings kein Park mehr mit seinen Sichtachsen und offenen Landschaften, wie ihn Fürst Pückler in Branitz oder auch in Bad Muskau geschaffen hat. Wie das gartenkünstlerische Erbe des Fürsten in, sagen wir, weiteren 180 Jahren aussieht – diese Frage kann auch die Baumuni nicht beantworten. Noch nicht.
Ergänzung am 16. September: Nach Veröffentlichung des Beitrages übermittelte die Pückler-Stiftung auf eine zuvor gestellte Anfrage noch detaillierte Angaben über die einzelnen Fördermittel:
- Die Sanierung von zwei Gewächshäusern sowie die Gestaltung von Freianlagen und des Frühbeethofs werden über das Bundesbauministerium im Programm "Anpassung urbaner Räume an den Klimawandel" gefördert (Fördervolumen fünf Millionen Euro, Laufzeit 2021 bis 2027).
- Über das Programm "Förderung von Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel", finanziert aus Mitteln der EU und des Landes Brandenburg, werden vier weitere Produktionsgewächshäuser und ein Umfahrungsweg gefördert (6,8 Millionen Euro, 2024 bis 2029).
- Das Teilprojekt Waldgarten wird durch das Bundesumweltministerium im Rahmen des "Aktionsprogramms Natürlicher Klimaschutz" gefördert (80.000 Euro, 2025 bis 2027).
- Zusätzlich werden Eigenmittel der Stiftung in Höhe von rund einer Million Euro eingebracht. Die Stiftung wird dabei durch die Kulturbeauftragte der Bundesregierung sowie mit Mitteln des brandenburgischen Forschungs- und Kulturministeriums und der Stadt Cottbus gefördert.
