Seit Monaten mehren sich bei Wetterdiensten rund um den Globus die Hinweise auf ein neues El-Niño-Ereignis. Nun ist es offiziell: El Niño hat begonnen.
Das teilten unter anderem die Wetterbehörden Japans am Mittwoch sowie der USA am Donnerstag mit. Ausschlaggebend sind verschiedene Atmosphären- und Ozeansignale. So gilt etwa die Erwärmung eines bestimmten Meeresabschnitts im zentralen tropischen Pazifik um mehr als 0,5 Grad als einer der Schwellenwerte.
Das Wetterphänomen wird sich laut der NOAA im Verlauf des Jahres voraussichtlich verstärken. Die US-Meteorologiebehörde gibt die Wahrscheinlichkeit für einen "sehr starken El Niño" mit 63 Prozent an. Der Atmosphärenwissenschaftler Paul Roundy von der State University of New York sieht sogar Potenzial für das stärkste El-Niño-Ereignis der vergangenen 140 Jahre.
Auch die philippinische Behörden sprechen von einem starken bis sehr starken El Niño, dessen Effekt voraussichtlich bis zum nächsten Frühjahr anhalten werde.
Voraussagen zu Intensität und genauem zeitlichen Verlauf sind allerdings mit großen Unsicherheiten verbunden. Entsprechend nüchtern teilt die Weltwetterorganisation WMO mit, Vorhersagemodelle deuteten auf einen "zumindest mäßigen – und möglicherweise starken – El Niño" hin.
El Niño–Southern Oscillation
Die El Niño–Southern Oscillation (ENSO) ist die wichtigste natürliche Klimaschwankung der Erde. Sie beschreibt das Zusammenspiel von Ozean und Atmosphäre im tropischen Pazifik und beeinflusst Wetter, Niederschläge und Temperaturen auf der ganzen Welt.
Grundlage des Systems ist die sogenannte Walker-Zirkulation: Unter normalen Bedingungen wehen die Passatwinde in Äquatornähe von Ost nach West und schieben warmes Oberflächenwasser in Richtung Indonesien und Australien. Dort steigt über dem warmen Meer feuchte Luft auf, es bilden sich Wolken, kräftige Niederschläge und am Boden entsteht ein Tiefdruckgebiet. Vor der Küste Südamerikas hingegen steigt kaltes, nährstoffreiches Tiefenwasser auf, die kühle Luft darüber sinkt ab und es bildet sich ein Hochdruckgebiet. So entsteht eine riesige atmosphärische Zirkulation über dem Pazifik.
Die ENSO kennt drei Zustände: neutral, El Niño und La Niña. Im Neutralzustand läuft die Walker-Zirkulation in der beschriebenen Form ab.
Bei La Niña verstärken sich die Passatwinde. Noch mehr warmes Wasser wird nach Westen transportiert, und vor Südamerika steigt besonders viel kaltes Tiefenwasser auf. Die Walker-Zirkulation wird kräftiger. Australien und Indonesien erleben dann oft mehr Niederschläge, während das Wetter in anderen Regionen trockener ausfallen kann.
Bei einem El Niño schwächen sich die Passatwinde ab oder kehren sich zeitweise sogar um. Dadurch wird das warme Wasser nicht mehr vor Australien gestaut, sondern breitet sich weiter nach Osten aus, bis in den zentralen und östlichen Pazifik. Die Gewitter- und Regenzonen folgen dieser Wärme, die Walker-Zirkulation wird geschwächt. Häufige Folgen sind Überschwemmungen an der Westküste Südamerikas sowie Trockenheit und Dürre in Australien, Indonesien und Teilen Südostasiens.
Da sich das Warmwasser nun auch nicht mehr nur vor den Küsten Australiens konzentriert, sondern über ein größeres Gebiet des Pazifiks legt, wird bei einem El Niño die gesamte Erdatmosphäre aufgewärmt. Das ENSO-System regelt also die Verteilung von Wärme und Feuchtigkeit über einen gewaltigen Teil des Pazifiks und ist deshalb ein besonders wichtiger Einflussfaktor für das globale Klima von Jahr zu Jahr.
Die verschiedenen Phasen folgen keinem strengen Zeitplan. In der Regel treten El Niño und La Niña alle zwei bis sieben Jahre auf, wobei El Niño meist neun bis zwölf Monate anhält und La Niña bis zu drei Jahre.
Die Folgen eines starken El Niño können weltweit spürbar sein. Typisch sind Starkniederschläge an der Westküste Südamerikas, während Australien, Indonesien und Teile Indiens häufig unter Trockenheit und Hitzewellen leiden. Häufig kommt es auf beiden Seiten des Pazifiks zu Ernteeinbußen und in Südamerika zu einer Abwanderung der Fischbestände. Weltweit nehmen Korallenbleichen zu.
Das Phänomen führt zu einer schwächeren Hurrikan-Saison im Atlantik – und in allen Weltregionen zu höheren Temperaturen. Expert:innen halten deshalb Rekordtemperaturen für 2027 für wahrscheinlich.
Rund um den Pazifik wächst die Sorge
In den Pazifikländern sorgt die Aussicht auf einen starken bis sehr starken El Niño für einige Unruhe. Und das aus gutem Grund.
Vielen Menschen stecken die Erinnerungen an die beiden letzten sehr starken Ereignisse, 1997 auf 1998 und 2015 auf 2016, noch in den Gliedern.
In einigen Regionen Südamerikas regnete es 1997/1998 16‑mal so viel wie normal. An vielen Orten in Peru, Ecuador und Chile kam es bei beiden El Niños zu extremen Überschwemmungen. Gleichzeitig gab es Dürren in Australien und Indonesien mit unkontrollierbaren Busch- und Waldbränden.
Die Wald- und Torfbrände in Indonesien gehörten zu den schwersten Umweltkatastrophen der 1990er-Jahre. Studien zeigen, dass ihre Emissionen zeitweise sogar jene des weltweiten Straßenverkehrs übertrafen.
Beide El-Niño-Ereignisse verschärften die Nahrungsmittelknappheit in etlichen Regionen. Die Vereinten Nationen meldeten 2016, dass es am Horn von Afrika zu 50‑ bis 90-prozentigen Ernteeinbußen und in manchen Regionen gar zu kompletten Ernteausfällen kam.
Medien und Nichtregierungsorganisationen in Südostasien und Südamerika warnen deshalb seit einigen Wochen vor einem Super-El‑Niño oder "Godzilla-El‑Niño".
Das indonesische NGO-Netzwerk Walhi mahnt, das Phänomen bedrohe nicht nur den Agrarsektor und die Ernährungssicherheit, es könne auch wieder zu riesigen Waldbränden führen. Das müsse bei der Regierung die Alarmglocken läuten lassen, um die Klimaanpassung voranzutreiben.
Schon jetzt herrschen ungewöhnlich trockene Bedingungen in Indonesien. Die Regierung hat Bäuer:innen deshalb aufgefordert, die Aussaat vorzuziehen, um dem Höhepunkt der Dürre zuvorzukommen.
Schrumpfen die Abstände zwischen Super-El-Niños?
Auf den Philippinen wächst vor allem die Sorge um die Ernährungssicherheit. Medien und Behörden warnen vor Ernteausfällen, steigenden Lebensmittelpreisen und Einkommensverlusten in Landwirtschaft und Fischerei. Die Prognosen signalisierten "ernsthafte Risiken für die Ernährungssicherheit des Landes und die Einkommen in ländlichen Gebieten", zitiert der Sender GMA News das Landwirtschaftsministerium.
Die peruanische Wirtschaftszeitung Gestión sieht vor allem den Ertrag von "Reis – der bereits in einer Krise steckt –, Kartoffeln, Mais, Avocado und Bohnen" in Gefahr. In Ecuador berichten Zeitungen, dass der El‑Niño-Beginn noch nicht bedeute, dass es sofort zu Starkniederschlägen komme. Zunächst sei mit höheren Temperaturen zu rechnen und erst später mit den typischen Regenfällen.
Auch die indischen Behörden gehen von einem rund zehn Prozent schwächeren Monsun aus und damit dem schwächsten seit elf Jahren. Das würde das bevölkerungsreichste Land hart treffen, das zudem gerade mächtig unter Inflation leidet, vor allem aufgrund des Iran-Kriegs.
Das gilt natürlich nicht nur für Indien. In vielen Weltregionen trifft El Niño auf eine angespannte wirtschaftliche Lage. Die Philippinen haben zudem mit den Folgen der jüngsten Erdbebenwelle zu kämpfen.
Und auch wenn Europa wohl wenig mehr als etwas erhöhte Temperaturen zu befürchten hat, werden sich voraussichtlich auch hier die indirekten Folgen, etwa bei den Lebensmittelpreisen, bemerkbar machen.
Egal, ob normaler El Niño oder Super-El-Niño, der Meteorologe Karsten Haustein von der Universität Leipzig hält Globaltemperaturen von 1,6 bis 1,8 Grad über vorindustriellen Werten für "ziemlich sicher". Sollte es allerdings tatsächlich zu einem Super-El-Niño kommen, wäre das für Haustein ein Indiz für die Auswirkungen des Klimawandels.
Besonders starke El-Niño-Ereignisse treten historisch relativ selten auf. Zwischen den Ereignissen von 1997/98 und 2015/16 lagen fast zwei Jahrzehnte. Sollte sich nun tatsächlich erneut ein außergewöhnlich starkes Ereignis entwickeln, wäre das für Klimaforscher:innen von besonderem Interesse.
