Nach dem Gletscherabbruch in Nepal am 26. August zerstörte eine Schlammlawine den Grenzübergang Gyirong nach dem zu China gehörenden Tibet. (Bild: CCTV/​Wikimedia Commons)
 

Die Hitzewellen in Europa, die verheerenden Fluten in Nepal und der tropische Sturm Henry auf den Philippinen. Diese tödlichen Wetterereignisse haben etwas gemeinsam: Sie wurden verstärkt durch El Niño, das Wetterphänomen im Pazifik, durch das alle paar Jahre die globalen Temperaturen ansteigen.

Bisher war allerdings unklar, wie stark und wie lange das natürliche Wetterphänomen noch bleiben würde. 

 

Nun verkündeten die Forscher:innen der Weltmeteorologieorganisation WMO am Donnerstag in Genf ihre Prognose: El Niño wird mit einer Wahrscheinlichkeit von nahezu hundert Prozent bis Februar 2027 anhalten. "Das ist das erste Mal, dass ein El-Niño-Update so eindeutig ausfällt", bemerkte Celeste Saulo, Generalsekretärin der WMO, während der Pressekonferenz.

So könnte El Niño – spanisch für "das Christkind" – sich in den kommenden Monaten weiter verstärken, bevor er gegen Ende des Jahres seinen Höhepunkt erreicht, wobei die klimatischen Auswirkungen bis weit ins Jahr 2027 hineinreichen werden. "Dass das El-Niño-Ereignis als sehr stark eingestuft werden wird, bedeutet, dass es ein Ausmaß von über zwei Grad Celsius nach oben haben wird", erklärte Wilfran Moufouma-Okia, Leiter der WMO-Abteilung Klimaprognosen, bei dem Termin.

Untere Ozean-Schichten teilweise acht Grad wärmer 

Die voraussichtliche Stärke des Christkind-Wetterphänomens hängt mit der Meeresoberflächentemperatur im Pazifik zusammen. Vereinfacht gesagt: Ein El Niño ist umso wahrscheinlicher, je höher die Wassertemperatur ist. Und während diese im Mai und Juni um 1,5 Grad über dem langjährigen Schnitt lag, erreichte das Temperaturplus im Juli schon zwei Grad und wuchs bis Mitte August auf bis zu 2,6 Grad an.

"Die Wissenschaft lässt keinen Raum für Zweifel: Der Planet befindet sich in unbekannten Gewässern, und diese Gewässer erwärmen sich", sagte UN-Chef António Guterres.

In den nächsten Monaten könnte sich dieser Effekt noch verstärken. Denn laut WMO herrscht im Pazifik eine noch außergewöhnlichere Wärme – im Juli und August lagen die Temperaturen in den unteren Schichten des Ozeans teilweise sogar um mehr als acht Grad über dem Schnitt. Zudem erreichen El-Niño-Ereignisse ihren Höhepunkt typischerweise zwischen November und Februar.

Den stärksten Einfluss auf die globalen Temperaturen hat El Niño sogar erst im Jahr nach Beginn, also in diesem Fall 2027. "El Niño ist definitionsgemäß eine natürliche Klimaschwankung, es gibt also keinen Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und der Häufigkeit oder Stärke von El Niño", erläuterte Saulo. "Aber wenn wir bei einer sich erwärmenden Welt noch höhere Temperaturen erwarten, wird die Wärmemenge im System – also das Ausmaß von El Niño im Klimawandel – größer sein."

Hitzewellen und Hungernöte – Folgen von El Niño

Der letzte starke El Niño ereignete sich im Jahr 2023 und trug dazu bei, dass 2024 das wärmste Jahr seit Beginn der globalen Aufzeichnungen wurde. "Wir sollten nicht überrascht sein, wenn dieser Rekord jetzt gebrochen wird", so Celeste Saulo in der Konferenz.

Das könnte massive Auswirkungen haben. Denn durch die steigenden Temperaturen ändern sich auch die globalen Wettermuster. So regnete es beispielsweise im Jahr 2024 in weiten Teilen des südlichen Afrikas, etwa in Mosambik, Simbabwe und Botswana, deutlich weniger als sonst. Dürren, extreme Hitzewellen und massive Ernteausfälle folgten. Derartige Dürren treten in El-Niño-Jahren doppelt so häufig auf, wie eine Analyse der internationalen Forschungsgruppe World Weather Attribution zeigte.

Solche Ereignisse könnten sich also in den folgenden Monaten häufen. "Schon jetzt erleben wir Zerstörungen durch Dürren, Überschwemmungen und Wetterextreme. Und diese Auswirkungen könnten sich mit zunehmender Intensität des El Niño vervielfachen und eine Kettenreaktion auslösen", sagte Saulo.

Die WMO-Chefin warnte: "Dieses Phänomen kann Gemeinden und Volkswirtschaften auf der ganzen Welt einen schweren Schlag versetzen. Viele Sektoren werden betroffen sein: Landwirtschaft, Handel, Fischerei, Gesundheitswesen, Energie, Verkehr, Wasserwirtschaft, Katastrophenschutz, um einige zu nennen."

"Menschen in Konfliktgebieten sind am härtesten betroffen"

Dabei trifft El Niño verschiedene Regionen der Welt unterschiedlich stark und auf unterschiedliche Weise. Teile von Nord- und Südamerika, Asien, Australien und Afrika sind stärker betroffen, wobei im westlichen Pazifikraum und in Südasien vor allem Dürre, an der Westküste Südamerikas und in Teilen Ostafrikas eher starke Regenfälle folgen.

Dort beeinflussen vor allem die sozioökonomischen Bedingungen, sowie die wirtschaftliche Abhängigkeit von bestimmten Wetterbedingungen, wie stark ein El-Niño-Jahr die Bevölkerung trifft. "Klimaextreme treffen Menschen in Konfliktkontexten am härtesten", erläuterte Simon Merschroth von der Hilfsorganisation International Rescue Committee Deutschland. Besonders Somalia, Kenia und Uganda sowie Afghanistan, Pakistan und Bangladesch könnten 2026 von den Folgen der Wetteränderungen betroffen sein.

Für Somalia wird eine 60-prozentige Wahrscheinlichkeit überdurchschnittlicher Regenfälle in Teilen des Landes prognostiziert. Wenn durch El Niño ausgelöstes Hochwasser die Ernte zerstört, könnte dies die bereits bestehende Hungersnot weiter verschärfen und so immense Schäden in dem Land anrichten, in dem jetzt schon fast fünf Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen sind.

 

Um derartige Tragödien zu verhindern, sind laut WMO-Generalsekretärin Saulo jetzt Vorsorge, Koordination und Engagement unerlässlich. Das passiere auch bereits.

Beispielsweise war die Vorbereitung auf El Niño ein Schwerpunkt beim Africa Early Warnings Forum vor wenigen Tagen in Addis Abeba. Die Wetterbehörde in Tansania führt eine landesweite Aufklärungskampagne durch, die sich an den Agrarsektor, den Verkehr, an Katastrophenschutzbeauftragte sowie die breite Öffentlichkeit richtet.

Peru hat für Teile des Landes wegen Erdrutschen den Notstand ausgerufen, die Staaten im Pazifikraum bereiten sich auf eine intensive Wirbelsturmsaison vor, und Singapur verstärkt den Schutz vor extremer Hitze durch neue Arbeitsschutzvorschriften sowie einen nationalen Hitzewellen-Plan.

"El Niño muss kein Rezept für eine Katastrophe sein", betonte Celeste Saulo. "Wir verfügen über das Wissen und die Mittel, um zu verhindern, dass die mit El Niño verbundenen Gefahren zu einer Krise eskalieren."

Anzeige