"Leere Supermarktregale, stundenlanges Anstehen für Lebensmittel, Proteste und Unruhen – das passiert, wenn Ernährungssysteme versagen", malt Paul Behrens ein Zukunftsszenario aus, das er auch in reichen Industrienationen für realistisch hält. Seine Begründung: Der Klimawandel und der Verlust der Natur werden die Nahrungsversorgung der Menschen zunehmend unter Druck setzen.
Seit 2024 ist Behrens Professor an der Oxford Martin School der Universität Oxford und forscht dort zur Transformation von Ernährungssystemen. Über seine Erkenntnisse sprach er unter anderem Ende November beim "National Emergency Briefing" in London zu rund 1.200 britischen Abgeordneten, Medienleuten und Vorstandsmitgliedern, um ihnen die kommenden Gefahren vor Augen zu führen und entschlossene Maßnahmen zu fordern – allen voran die Förderung pflanzenreicher Ernährung.
Auch für die hiesige Debatte sind Behrens' Argumente sehr relevant.
"Dürren, Überflutungen, Brände und Hitzerekorde nehmen weltweit zu. Landwirtschaft und Tierhaltung sind direkt betroffen", sagt Behrens in einem Videogespräch, geführt Ende letzten Jahres. "Besonders groß ist der Schaden, wenn mehrere Kornkammern der Welt zugleich ausfallen."
Diese wichtigen Anbaugebiete für Nahrungs- und Futtermittel liegen auf verschiedenen Kontinenten. "Durch den Klimawandel werden gleichzeitige Missernten häufiger auftreten", erklärt der Transformationsforscher und verweist auf eine Studie in der Fachzeitschrift Agricultural Systems. Demnach führt eine Erderwärmung von zwei Grad bereits dazu, dass man im Fall von Mais alle zwei Jahre mit solchen Ausfällen rechnen muss.
Mehr Tiere sterben durch Extremwetter
Extremwetter gefährdet nicht nur die Futtergrundlage für die Tierhaltung, sondern kann sich auch direkt auf den Sektor auswirken. Behrens führt im Gespräch ein Beispiel dafür an: In Australien wurden Anfang 2025 durch Hochwasser über 140.000 Rinder, Schafe und Ziegen getötet.
Weitere Fälle findet man in einer Untersuchung der Organisation Compassion in World Farming. Bei elf ausgewählten Wetterextremen in den letzten Jahren kamen demnach in verschiedenen Ländern fast 15 Millionen landwirtschaftlich genutzte Tiere um.
In Anbetracht der gesamten Tierhaltung ist das zwar eine vergleichsweise geringe Zahl, die aber der Analyse zufolge nur einen Bruchteil der betroffenen Tiere repräsentiert. Da Extremwetterereignisse sich seit 1970 bereits verdoppelt haben, rechnet die Untersuchung mit künftig deutlich zunehmenden Schäden.
Friederike Schmitz
ist Autorin und Aktivistin. Sie ist Referentin bei der Organisation Faba Konzepte, die sich für die klimagerechte Transformation des Ernährungssystems einsetzt. In ihrem letzten Buch "Anders satt: Wie der Ausstieg aus der Tierindustrie gelingt" erläutert sie die Gründe dafür, geht auf häufige Einwände ein und zeigt Alternativen sowie politische Maßnahmen auf.
"Außerdem setzen die steigenden Temperaturen den Tieren zu", ergänzt Behrens und verweist auf entsprechende Studien: Weil Rinder unter Hitzestress leiden, kann ein einzelner heißer Tag den Milchertrag um bis zu zehn Prozent verringern, schreibt ein Team der Universität Chicago.
In vielen Ländern nutzen Milchbetriebe deshalb schon Technik wie Ventilatoren und Sprinkleranlagen. Das verteuert die Produktion, kann aber laut der Forschung bei größerer Hitze die Verluste kaum begrenzen.
Ein Überblicksartikel in der Fachzeitschrift Climate Smart Agriculture zeigt, dass auch andere Tierhaltungen betroffen sind: Schweine nehmen bei Hitze langsamer an Gewicht zu, Hühner legen weniger Eier.
Zwar wird der Klimawandel in manchen Regionen auch positive Effekte für den Ackerbau haben, räumt Behrens ein. In der Bilanz würden aber die Schäden überwiegen.
"In Zukunft werden sogar immer mehr Flächen gar nicht mehr landwirtschaftlich nutzbar sein – wir könnten ein Drittel der jetzigen Anbaugebiete verlieren", warnt er im Gespräch. Auch wenn sich durch Züchtung und den Einsatz von Technik vielerorts die Erträge pro Hektar noch steigern ließen, löse das die Probleme nicht, zumal die Weltbevölkerung weiter wachsen wird, betont Behrens.
Essen wird teurer
Für die globale Ernährungssicherheit sind das dramatische Aussichten. Für Länder wie Großbritannien oder Deutschland bedeutet das laut Behrens noch nicht unbedingt Nahrungsmittelknappheit und leere Supermarktregale. Mehr Sorgen macht ihm die Kostensteigerung.
Schon in den letzten Jahren war der Klimawandel für einen Teil der Inflation bei Lebensmitteln verantwortlich – man spricht hier auch von "Climateflation". Denn in den Industrieländern hängt die Versorgung vielfach von weltweiten Lieferketten ab.
In Deutschland zum Beispiel liegt der Selbstversorgungsgrad bei Obst und Gemüse nur bei 20 beziehungsweise 37 Prozent. Ein wichtiger Teil unserer Nahrungsmittelimporte stammt aus dem Mittelmeerraum, der zunehmend von Dürre und Wüstenbildung bedroht ist. Aber auch die deutsche Landwirtschaft leidet unter Wetterextremen. So können zeitweise Knappheiten entstehen und Kosten steigen.
Eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) prognostiziert, dass aus diesen Gründen in reichen wie in armen Ländern die Preise für Lebensmittel in Zukunft spürbar weiter steigen werden.
Behrens warnt hier eindringlich: Besonders Familien, die ohnehin benachteiligt sind, werden Schwierigkeiten bekommen. "Wenn Eltern ihre Kinder nicht mehr ernähren können, brechen Gesellschaften zusammen. Wir sehen das immer wieder", sagt er.
Aktive Umstellung birgt große Chancen
Um die Ernährung der Bevölkerung zu sichern, muss aus seiner Sicht das ganze System effizienter werden – es gelte, mit knapperen Ressourcen mehr Nahrung zu erzeugen.
Im Gespräch erklärt er, wie das geht: mit viel weniger Tierhaltung und viel mehr Pflanzen auf den Tellern. Anstatt wie aktuell in Europa um die 60 Prozent der Ernte an Tiere zu verfüttern, sollten wir verstärkt Eiweißpflanzen für die menschliche Ernährung anbauen und auch essen. Hülsenfrüchte wie Linsen, Erbsen, Soja, Kichererbsen oder Lupinen liefern gesunde Nährstoffe und sparen im Vergleich zu Tierprodukten massiv Land, Wasser und Energie ein. Die frei werdenden Flächen könnten dann renaturiert werden.
Die neue Ernährungsweise, für die Behrens seit Jahren wirbt, kann weiterhin Fleisch, Milch und Eier enthalten, aber in viel kleineren Mengen als aktuell üblich, beispielsweise ein Burger mit rotem Fleisch alle zwei Wochen. Die Menschen würden mehr Hülsenfrüchte, Nüsse, Obst und Gemüse essen, was auch viel gesünder ist.
Behrens nennt die Ernährung "plant-rich", also "pflanzenreich". Das soll zugleich die Fülle und Vielfalt der Lebensmittelauswahl ausdrücken.
"Diese Umstellung verschafft uns zugleich beeindruckende Vorteile in vielen anderen Bereichen", sagt der Forscher. "Denn die Tierhaltung ist ein zentraler Treiber der Probleme, die heute mit dem Ernährungssystem verbunden sind." Zu den Problemen gehören das Artensterben, die Verschmutzung von Luft und Wasser sowie der Klimawandel selbst.
Eine aktuelle PIK-Studie zeigt das Potenzial, das in einer Transformation der Ernährungssysteme steckt. Allein damit ließe sich demnach die Erderwärmung bis 2050 auf 1,85 Grad begrenzen, der Druck auf die Artenvielfalt deutlich senken und die globale Armut leicht verringern. Für eine solche Transformation braucht es zwar mehr als die Umstellung auf pflanzenreiche Ernährungsweisen, aber diese muss ein wesentlicher Teil der Transformation sein.
"Nicht zuschauen, wie unsere Ernährungssysteme zerfallen"
Paul Behrens betont, dass die Umstellung auch Vorteile für die Klimaanpassung hätte: Renaturierte Flächen können besser mit großen Wassermengen, etwa bei Starkregen und Hochwasser, umgehen als intensiv bewirtschaftete Äcker oder Weiden. Auch könne die Transformation für strauchelnde landwirtschaftliche Betriebe neue Chancen bieten und, wie Behrens es formuliert, eine "ländliche Renaissance" entfachen.
Wenn wir diese Transformation nicht aktiv gestalten, also by design, wird die heutige Tierindustrie auf Dauer sowieso nicht mehr aufrechtzuerhalten sein, glaubt Behrens – der Wandel käme dann by disaster. Denn die Tierhaltung ist, wie er sagt, doppelt verletzlich: Ernteausfälle treffen die Futterversorgung, während Hitze und Extremwetter die Tiere selbst schädigen.
Aus Behrens' Sicht stehen unsere Gesellschaften vor der Wahl. "Wir können mit business as usual weitermachen und zuschauen, wie unsere Ernährungssysteme zerfallen, wie Preise steigen und unsere Resilienz schwindet", beschreibt er den einen Weg. Dann müssten wir uns auf politische und soziale Unruhen einstellen.
Der andere Weg ist für ihn: Wir können jetzt handeln, um unsere Gesundheit und unsere Umwelt zu verbessern, die ländlichen Einkommen und unsere Gemeinwesen zu stärken und damit zugleich unsere Fähigkeit zu erhöhen, mit den Effekten des Klimawandels zurechtzukommen.
Was ist mit dem Grünland?
Ich frage Paul Behrens, ob die Tierhaltung nicht wichtig sei, um Wiesen und Weiden für die Ernährung zu nutzen – ein häufiges Argument in der deutschen Debatte. Denn Wiederkäuer wie Rinder und Schafe können, anders als wir Menschen, Gras verdauen. Indem wir dann die Milch und das Fleisch der Tiere verwenden, werden also auf dem Grünland Nahrungsmittel für Menschen produziert.
Die Frage ist also: Brauchen wir nicht gerade dann, wenn der Klimawandel die Versorgung erschwert, jede Kalorie? Können wir es uns überhaupt leisten, solche Flächen aus der Produktion zu nehmen und zu renaturieren?
"Tatsächlich tragen diese Flächen nur sehr wenig zur Versorgung mit Nahrungsmitteln bei", entgegnet Behrens und erläutert: "In Großbritannien liefert das Weideland nur einen winzigen Teil der konsumierten Proteine und Kalorien. Viel mehr Nährstoffe stammen von Tieren, die in intensiven Haltungssystemen mit Kraftfutter gemästet werden."
Für Deutschland zeigen Studien eine ähnliche Situation. Wenn wir kein Soja importieren und die Tiere primär vom Grünland ernähren würden, müssten die Tierzahlen ohnehin drastisch sinken.
In der Debatte wird auch gern unterschlagen, dass die intensive Grünlandnutzung, wie sie heute vorherrscht, ebenfalls Klima- und Umweltschäden verursacht. Besonders deutlich zeigt sich das, wenn Rinder auf entwässerten Mooren gehalten werden. Aber auch andere Grünlandflächen könnten durch Renaturierung mehr Raum für Wildtiere schaffen und durch Aufwuchs von Biomasse mehr Treibhausgase binden.
Das sieht auch Behrens so: Nach allem, was er wisse, sei "Rewilding" immer besser. Weidewirtschaft zur Erzeugung von Nahrungsmitteln ist für ihn keine gute Lösung. "Man hat dabei sehr kleine Erträge mit sehr großen Umweltfolgen. Es ist einfach nicht effizient", betont er.
Perspektiven für landwirtschaftliche Betriebe
Wenn ein pflanzenbasiertes Ernährungssystem so viele Vorteile hat, wie lässt sich der Wandel dann praktisch umsetzen? Zurzeit ist allein schon die Forderung danach politisch nicht besonders beliebt.
Ein Teil der Ablehnung kommt dabei aus der Landwirtschaft selbst. Viele Betriebe halten seit Generationen Tiere. Bäuerinnen und Bauern reagieren entsprechend empfindlich auf Forderungen, die sie als Fundamentalkritik an ihrer Arbeit verstehen. Zugleich machen sie sich finanzielle Sorgen: Könnten ihre Betriebe mit bloßem Pflanzenanbau genug Einkommen generieren?
Paul Behrens ist davon überzeugt, dass der Umbau hierzulande auch den Höfen zugutekommen kann. Er verweist auf Untersuchungen, an denen er beteiligt war: "Unsere Forschung zeigt, dass der Agrarsektor in Deutschland insgesamt Verluste macht."
Das liege insbesondere an der Tierhaltung. "Dadurch verlieren viele Betriebe praktisch Geld. Nur durch Subventionen können sie ihre Kosten decken", sagt Behrens. Mit weniger Tierhaltung würden laut den Forschungsergebnissen die Verluste abnehmen und die Netto-Einkommen in der Landwirtschaft steigen.
"Damit das funktioniert, müssen die Subventionen an den Agrarsektor anders verteilt werden", sagt Behrens. "Und es braucht weitere Maßnahmen, um die Betriebe beim Umstieg zu unterstützen – die Menschen müssen neue Fähigkeiten lernen, in andere Technik investieren."
In Deutschland läuft dazu immerhin schon ein kleines Programm für die "Proteine der Zukunft". Das "Chancenprogramm Höfe" kann aber mit seinem viel zu geringen Budget im Gesamtsystem wenig bewirken.
Bessere Ernährungsumgebungen gestalten
Der Umbau der Landwirtschaft ergibt natürlich nur Sinn, wenn die Menschen sich dann auch anders ernähren. Entscheidend für Betriebe ist außerdem die Sicherheit, dass die pflanzlichen Produkte dauerhaft nachgefragt werden und angemessene Preise erzielen.
Ein Hebel dafür liegt in der öffentlichen Beschaffung – indem Kitas, Schulen und öffentliche Kantinen auf pflanzenreiche Gerichte setzen und die Waren von regionalen Höfen beziehen.
"Es gibt zahlreiche weitere Möglichkeiten, mit denen wir die pflanzenreiche Ernährung fördern können", sagt Behrens und verweist auf Dänemark. Dort hat die Regierung schon 2021 beschlossen, massiv in die Ernährungswende zu investieren.
Aus einem Fördertopf für pflanzenbasierte Nahrungsmittel werden zum Beispiel Schulungen für Küchenpersonal und die Entwicklung von Alternativen zu Fleisch und Milch finanziert. Es geht darum, pflanzliche Optionen leichter zugänglich, günstiger und attraktiver zu machen.
Solche Maßnahmen werden auch in Deutschland gefordert – sowohl von wissenschaftlichen Gremien als auch von NGOs. Denn die Vorteile für Tiere, Klima, Umwelt und Gesundheit sind schon lange klar.
Aber diese Argumente haben leider noch nicht dazu geführt, dass die Politik ausreichende Schritte ergriffen hätte.
Paul Behrens bringt hier ein neues Argument in die Debatte: Nicht nur heizt unsere Ernährung den Klimawandel an. Umgekehrt zwingt uns der Klimawandel dazu, unsere Ernährung zu verändern – und je früher wir uns darauf einstellen, desto eher werden wir auch in Zukunft satt.
Womöglich können Verweise auf Ernährungssicherheit und Wirtschaftlichkeit weitere Akteure jenseits der klassischen Transformations-Verfechter:innen erreichen – und so eine neue Dynamik in der Debatte anstoßen. Je eher, desto besser.

Schön, nur interessiert das die Industriezweige, die am Agrarsektor wie an einer Zitze hängen, ihre Lobbyisten und in der Folge deren Interessen vertretende Parteien nicht im Geringsten. Es gibt keinerlei Anzeichen für eine Agrarwende, dafür aber Foodporn noch und noch vom CSU-Chef. Nicht anders als in anderen europäischen Staaten. In der Schweiz z. B. werden wichtige Studien zum Pestizideinsatz definanziert, Wissenschaftler eingeschüchtert.
Allerdings kommt die deutsche Regierung in Schwierigkeiten, wenn der Anteil an Kaufkraft, der für Ernährungszwecke ausgegeben werden muss steigt. Die per Hartz 4 - oder wie auch immer man es aktuell nennen mag - über Wasser Gehaltenen, kommen in massive Nöte, Sätze müssen erhöht werden, will man nicht sichtbare Verelendungserscheinungen, Sozialausgaben steigen, statt zu fallen, wie zugunsten weiterer Militarisierung angestrebt. Ein Umdenken wird das vermutlich nicht auslösen, eher den Versuch mit noch mehr vom Gleichen, den Kreis zu quadrieren.
Genau richtig, die Kommunen haben es in der Hand und die Bürger müssen ihren Lokalpolitikern entsprechend Druck machen.