Es ist Winter. Es schneit, und das nicht zu knapp. Es ist kalt, manchmal sogar saukalt. Wir sind geschockt. Einen Wintereinbruch, wie Deutschland ihn in den ersten Tagen dieses Jahres erlebte, hat es seit anderthalb Jahrzehnten nicht mehr gegeben.
Und am Freitag kam es, mit Tief Elli, noch heftiger. Es wird gefroren, geschippt, geräumt. Leider gibt es auch Unfälle, und die Bahn kommt unter die Räder.
Aber viele freuen sich auch (wie der Autor), dass das sonst übliche Schmuddelgrau des deutschen Flachlandwinters endlich einmal weiß überzuckert wird. Ohne so etwas ist die lange Strecke bis zum Wiedererwachen der Natur im Frühling kaum zu schaffen.
Klimawandel – Fehlanzeige. So zu denken, liegt nahe. Alles halb so schlimm mit der Erderwärmung? So funktioniert unser Gehirn, wir reagieren stärker auf das aktuelle Empfinden statt auf eine abstrakte Langzeit-Statistik.
Außerdem bringt es Entlastung. Der Winter ist zurück, so wie man ihm vor Jahrzehnten kannte. Hurra.
Tatsächlich ist es so: Unsere Wahrnehmung ist verzerrt, weil zuletzt milde Winter dominierten. Kalte Winter sind aber nicht komplett verschwunden, sie sind nur seltener geworden.
Kältere Winter durch globale Erwärmung
Zudem gibt es ein Paradox: Ihre Intensität kann dabei sogar steigen, wenn nämlich polare Luftmassen durch stärkere Meridionalströmungen – also Nord-Süd-Winde – effizienter nach Mitteleuropa geleitet werden. Die Klimaforschung sieht Anzeichen dafür, dass die Wahrscheinlichkeit für solche Wetterlagen steigt.
Die globale Erwärmung droht großräumige Zirkulationsmuster in der Atmosphäre zu destabilisieren. Besonders betroffen: der Polarwirbel, ein Starkwindband in der Stratosphäre, das die frostige arktische Luft normalerweise bündelt.
Ergo: Eine kalte Winterperiode, wie wir sei jetzt erleben, ist wirklich kein Gegenbeweis zur globalen Erwärmung. Sie ändert nichts daran, dass das Jahr 2025 weltweit eines der drei wärmsten Jahre seit Aufzeichnungsbeginn war und erneut eine Vielzahl an Extremwetter-Ereignissen brachte, deren zunehmende Intensität von der Forschung eindeutig auf den Klimawandel zurückgeführt wird.
Joachim Wille ist Co-Chefredakteur des Online-Magazins Klimareporter°.
2026 dürfte es am Ende kaum anders aussehen. Dafür sorgen wir als Menschheit schon selbst, indem wir weiterhin Treibhausgase in die Atmosphäre blasen, als gäbe es kein Morgen.
Zu hoffen, dass das Klima wieder "normaler" wird, ist vergebens. Es wird chaotischer und damit schwerer berechenbar. Übrigens, ab morgen kriegen wir Tauwetter.
