Zwei Grad Erderwärmung galten lange als eine Art Sicherheitslinie: gefährlich, aber noch beherrschbar. Eine neue Studie im renommierten Fachjournal Nature stellt dieses Bild nun grundlegend infrage.
Selbst bei einer globalen Erwärmung um "nur" zwei Grad könnten Dürren, Starkregen und Waldbrände demnach in einer Intensität auftreten, wie sie bislang eher mit drei oder vier Grad in Verbindung gebracht wurden. Für Politik und Gesellschaft ist das eine beunruhigende Botschaft – und ein klarer Auftrag, die Risiken der Klima-Aufheizung neu zu bewerten.
Eine internationale Forschungsgruppe um den Klimawissenschaftler Emanuele Bevacqua vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig hat dafür moderne Klimamodelle verwendet und Unterschiede zwischen einer Zwei-Grad-Welt und einer vorindustriellen Welt untersucht.
Anders als viele frühere Arbeiten konzentriert sich die Analyse nicht auf Durchschnittswerte, sondern auf die Bandbreite möglicher Entwicklungen – insbesondere auf seltene, aber folgenschwere Extremfälle.
Das zentrale Ergebnis: In einzelnen Modellen zeigen sich bereits bei zwei Grad Erwärmung Auswirkungen, die im Mittel erst für deutlich höhere Temperaturanstiege erwartet werden.
Bevacqua selbst betont, dass die Ergebnisse vor allem die Risikoperspektive verändern: Entscheidend sei nicht nur, was im Durchschnitt zu erwarten ist, sondern welche extremen Entwicklungen plausibel sind – selbst wenn sie in den Modellen als nicht so wahrscheinlich bewertet werden.
Genau diese Perspektive sei bislang in der Klimadebatte oft zu wenig berücksichtigt worden, meint der Experte.
"Was zwei Grad Erwärmung heißt, ist noch nicht klar"
"Die Studie veranschaulicht deutlich, dass extreme Änderungen – wenn auch mit geringer Wahrscheinlichkeit – selbst bei einer Erwärmung von 'nur' zwei Grad nicht mehr auszuschließen sind", sagt Douglas Maraun vom Wegener Center an der Uni Graz, der nicht an der Studie beteiligt war.
Solche "Worst-Case"-Entwicklungen könnten in ihrer Stärke durchaus einer vier Grad wärmeren Welt entsprechen. Das sei zwar nicht die wahrscheinlichste Entwicklung, aber für die Risikobewertung entscheidend.
Tatsächlich liegt genau hier der Kern der neuen Arbeit. Klimaforschung und politische Debatten orientieren sich bislang stark an Mittelwerten – also an dem, was am wahrscheinlichsten eintreten dürfte. Doch diese Perspektive kann nach den neuen Erkenntnissen in die Irre führen.
Der Fokus auf Durchschnittswerte verdecke, dass schwerwiegende Klimafolgen regional schon bei geringerer Erwärmung auftreten können, heißt es in der Studie.
Besonders betroffen sind demnach zentrale Bereiche menschlicher Existenz: die landwirtschaftliche Produktion durch zunehmende Dürren, die Sicherheit in Städten durch heftigere Starkregenfälle und Überschwemmungen sowie die Stabilität von Wäldern durch häufigere Feuerwetterlagen.
Auch Helge Gößling vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, ebenfalls nicht an der Studie beteiligt, hebt die Unsicherheiten hervor. Je nach Modell reichten die möglichen Folgen von moderat bis extrem.
"In wichtigen Bereichen ist noch längst nicht klar, was zwei Grad Erwärmung tatsächlich bedeuten", sagt er. Gerade bei Niederschlägen, Dürren oder Feuerwetter-Bedingungen unterschieden sich die von Forschergruppen gemachten Simulationen erheblich.
Das bedeutet im Umkehrschluss: Auch sehr drastische Entwicklungen sind im Rahmen des Möglichen – selbst wenn sie nicht die wahrscheinlichste Zukunft darstellen.
Unwahrscheinlich, aber katastrophal
Die Studie führt damit ein grundlegendes Problem der Klimaforschung vor Augen. Während die globale Erwärmung selbst physikalisch vergleichsweise gut verstanden ist, gilt das für viele konkrete Folgen nicht in gleichem Maße.
Prozesse wie atmosphärische Zirkulation, regionale Niederschlagsmuster oder Wechselwirkungen zwischen Boden, Vegetation und Atmosphäre sind komplex und schwer zu modellieren. Entsprechend groß ist die Bandbreite der Projektionen – und damit auch die Unsicherheit für Entscheidungsträger.
Für die Praxis hat das erhebliche Konsequenzen. "Risikoabschätzungen und Anpassungs-Maßnahmen greifen zu kurz, wenn sie nur auf den wahrscheinlichsten Bereich ausgelegt sind", warnt Forscher Gößling.
Stattdessen müssten auch unwahrscheinliche, aber potenziell katastrophale Entwicklungen stärker berücksichtigt werden – etwa durch systematische Klimastresstests für Infrastruktur, Landwirtschaft oder Städte.
Ähnlich argumentiert Carl-Friedrich Schleussner vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien, der die Studie gleichfalls als externer Experte kommentiert. Für ihn ist sie ein "Weckruf".
Die Arbeit zeige, wie dringend sowohl Emissionsminderungen als auch Anpassungsstrategien seien, so Schleussner. Selbst wenn es gelinge, die Erwärmung langfristig unter zwei Grad zu halten, blieben erhebliche Risiken bestehen.
Auch Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg lobt, dass die Untersuchung die Unsicherheiten sichtbar mache, die in politischen Debatten oft unterschätzt würden.
Forschungsteam will keine Panik schüren
Tatsächlich bewegt sich das Klimasystem bereits auf die kritischen Schwellen zu. Laut der Weltmeteorologieorganisation WMO war das vergangene Jahrzehnt das wärmste seit Beginn der Messungen.
Im Jahr 2024 wurde die Marke von 1,5 Grad globaler Erwärmung erstmals überschritten. Zwar lag der Wert 2025 wieder leicht darunter, doch der längerfristige Trend ist eindeutig.
Der jüngste "Emissions Gap Report" des UN-Umweltprogramms Unep geht davon aus, dass die Erde bei Umsetzung der derzeitigen Klimaschutz-Zusagen der Länder weltweit auf eine Erwärmung um etwa 2,3 bis 2,5 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts zusteuert. Bei Fortschreibung der aktuellen Politik sind es bis zu 2,8 Grad.
Vor diesem Hintergrund erhält die neue Studie besonderes Gewicht. Sie zeigt nicht nur, dass die erheblichen Risiken bei einem solchen Erwärmungspfad bereits ab Mitte des Jahrhunderts einsetzen können.
Allerdings warnt das Forschungsteam um Bevacqua auch vor Fehlinterpretationen. Die extremen Szenarien seien bewusst als mögliche, aber weniger wahrscheinliche Entwicklungen ausgewiesen.
Es gehe nicht darum, den Eindruck zu erwecken, "alles werde noch viel schlimmer". Vielmehr zeige die Studie, wie groß die Wissenslücken bei den Klimafolgen noch sind – und wie wichtig es ist, sie zu schließen.
Die Botschaft der Forschung ist trotzdem klar: Selbst ein "moderater" Klimawandel kann extreme Folgen haben.
Und genau darauf muss sich die Welt einstellen. Erstens durch substanzielle Treibhausgas-Einsparungen und durch CO2-Entnahme aus der Atmosphäre etwa durch Bauen mit Holz oder Wiedervernässung von Mooren, um die globale Erwärmung bei möglichst niedrigen Werten zu stoppen.
Und zweitens durch eine intensivere Vorbereitung auf die Extreme, die trotzdem nicht ausgeschlossen sind.

Aber im Gegenteil. Ganz gewiss geht es darum, klar zu machen, dass alles viel, viel schlimmer wird. Die Wissenslücken sind sekundär, ich muss keine Details kennen, um zu wissen, dass immer die gesamte Bandbreite des Möglichen geschieht und nicht nur das Durchschnittliche. Und auch nicht, um zu wissen, dass die meisten Menschen gern die rosarote Brille aufsetzen, weil es sie psychisch zu sehr belastet, sich mit besagter Bandbreite auseinanderzusetzen und weil man glaubt, vom Status quo Vorteile zu haben und diese nicht einbüssen möchte. Und diese Motivationen ändert auch die xte Studie nicht.
Wir sind auf Selbstzerstörungskurs, ökologisch aber auch politisch. Zu Letzterem - kaum eine Gelegenheit wird ausgelassen, um Russland zu verteufeln, was dazu dient, den eigenen Militarismus als TINA darzustellen und weiterhin den erarbeiteten gesellschaftlichen Mehrwert hemmungs- und verantwortungslos für Militärisches zu verschwenden, statt ihn für ökologisch Dringendes einzusetzen, von sozialen Problemen, die man komplett vernachlässigt und die der Rechten in die Hände spielen, gar nicht zu reden. Nichts gegen wissenschaftliche Anstrengungen im Klima-Bereich, aber sie sind hauptsächlich Ersatz für zielführendes Handeln.