Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe.
Klimareporter°: Herr Graßl, die Bundesregierung beschließt in dieser Woche ein neues Klimaschutzprogramm, das eigentlich über 2030 hinaus auch die Klimaziele bis 2040 sichern soll – fünf Jahre, bevor Deutschland klimaneutral sein soll.
Tatsächlich aber wird das Programm schon in diesem Sommer überholt sein und nachgebessert werden müssen. Was sagt uns das über die aktuelle Güte deutscher Klimapolitik?
Hartmut Graßl: Der gegenwärtige Umweltminister Carsten Schneider hat am 25. März, dem letzten möglichen Termin, die neueste Version des Klimaschutzprogramms der Bundesregierung verkündet. Dieses geht wenigstens teilweise in die richtige Richtung.
Während die größere Regierungsfraktion, die Union, mit ihren Ministern teilweise die Klimapolitik rückabwickelt – etwa mit dem starken Aufweichen des sogenannten Verbrenner-Aus in der EU und mit der Aufhebung der Verpflichtung, mindestens 65 Prozent erneuerbare Energien in neuen Heizungen zu verwenden –, kündigt der Umweltminister an, dass die Windenergie an Land bis 2030 in Deutschland um zusätzliche 12.000 Megawatt installierter Leistung zulegen soll – bei etwas über 68.000 Megawatt im Bestand Ende 2025.
Als Schneider dies am Vormittag des 25. März in Berlin verkündete, hatte seine Kabinettskollegin, Wirtschaftsministerin Reiche, diesen positivsten Aspekt des überarbeiteten Klimaschutzprogramms allerdings schon am Tag zuvor, in Washington weilend, hinausposaunt.
Die EU-Klimaschutzverordnung verpflichtet Deutschland, seine Treibhausgasemissionen in den Bereichen Verkehr und Gebäude bis 2030 um 50 Prozent gegenüber 2005 zu reduzieren.
In dem vom Bundeskabinett verabschiedeten Klimaschutzprogramm heißt es dazu verschleiernd: "Nach aktuellem Stand verbleibt für die Erreichung der Ziele unter den europäischen Regelungen weiterhin eine Lücke. Die Bundesregierung wird auch weiterhin darauf hinwirken, die Lücke zu schließen und einen Ankauf von Emissionszuweisungen zur Erfüllung der Pflichten nach der europäischen Klimaschutzverordnung zu vermeiden, so wie es das Klimaschutzgesetz vorsieht."
Es drohen uns also Strafzahlungen in Milliardenhöhe, weil das Schließen der Lücke – zum Beispiel nach dem geplanten neuen Gebäudeenergiegesetz der Bundesregierung – extrem unwahrscheinlich und vielmehr eine Vergrößerung der Lücke sehr wahrscheinlich ist.
Trotzdem habe ich eine Hoffnung, dass die Lücke klein bleibt: Viele Bürger werden die schon jetzt viel preiswerteren erneuerbaren Energien selbst nutzen, indem sie den elektrischen Strom auf ihrem Dach erzeugen, davon möglichst viel in ihrer Wohnung nutzen und teilweise ihr Auto damit laden.
Wann merkt die Wirtschaftsministerin, dass diese preiswerteste Lösung für die Energiewende das Geld in Deutschland lässt und nicht wie bisher das alte System überwiegend die Autokraten weltweit füttert?
Die Weltmeteorologieorganisation WMO zeichnet in ihrem neuen Bericht das Bild eines Klimasystems, das sich immer schneller und in mehreren Bereichen zugleich verändert – von den Treibhausgasemissionen über die Ozeanerwärmung bis zum Eisverlust.
In dem Bericht führte die WMO einen neuen Indikator ein: das Energieungleichgewicht. Inwiefern ergänzt dieser Indikator die bisher meist diskutierte globale Mitteltemperatur?
Im September 1993 war ich designierter Direktor des Weltklimaforschungsprogramms WCRP. Bei einer Vorbereitungssitzung für das weltweite Projekt zur Klimavariabilität, Clivar, bei der Royal Society in London traf ich die weltweit führenden Wissenschaftler, die die WMO und den Internationalen Wissenschaftsrat ICSU für das Weltklimaforschungsprogramm zu diesem neuen Projekt beraten sollten. Clivar sollte ein Folgeprojekt sein zu den beiden bald zu beendenden Vorläuferprojekten "Tropischer Ozean und globale Atmosphäre" und "Welt-Ozean-Zirkulations-Experiment".
Bei der Sitzung gab eine heftige Debatte über den Einfluss des Menschen auf das globale Klima, teilweise mit der Drohung prominenter Klimatologen, die Beratung zu beenden, falls dieser Aspekt Teil von Clivar würde.
Es blieb jedoch Teil des geplanten und dann bald gestarteten Projekts, auch von mir stark gestützt. Jetzt nach fast 33 Jahren wird im neuen WMO-Bericht zum Zustand des globalen Klimas klar, dass auch einige Wissenschaftler nicht immer früh genug die Beobachtungen für ihre geplanten Projekte richtig interpretieren.
Die Ozeane und die großen Eisschilde reagieren sehr träge auf Störungen – sie brauchen Jahrhunderte und Jahrtausende für die volle Reaktion darauf. Weil das auch für die Störung "erhöhter Treibhauseffekt der Atmosphäre" gilt, sind die beobachtbaren Klimaänderungen nur ein Teil des verursachten Klimawandels.
Die WMO betont dieses in der Wissenschaft seit Langem bekannte Ungleichgewicht in ihrem diesjährigen Bericht. Es wird Sonnenenergie von der Erde aufgenommen, die aber wegen der vermehrten Treibhausgase nicht vollständig als Wärme in Richtung Weltraum zurückgestrahlt werden kann.
Das Ungleichgewicht steigt wegen der weiterhin starken Treibhausgasemissionen weiter an. Die bisher zusätzlich von der Erde gespeicherte Energie ging zu etwa 91 Prozent in die oberen zwei Kilometer des Ozeans, fünf Prozent erwärmten die Böden an Land, drei Prozent wurden zum Schmelzen von Eis verwendet und nur ein Prozent hat die Atmosphäre erwärmt.
In anderen Worten: Die globale Erwärmung wird weitergehen und die Menschheit wird über Jahrhunderte mit zunehmenden Klimaänderungen leben müssen. Je schwächer die globale Klimapolitik, desto heftiger die Klimaänderungen, die dann meist diejenigen am stärksten treffen, die dazu wenig beigetragen haben.
Im Pazifik könnte sich wieder ein starker El Niño anbahnen, womöglich sogar ein Super-El‑Niño. Er träfe auf ein bereits überhitztes Erdsystem, in dem selbst Wälder als natürliche CO2-Senken an Kraft verlieren. Sind wir in eine Phase eingetreten, in der sich natürliche Klimaschwankungen und menschengemachte Erhitzung nicht mehr nur addieren, sondern gegenseitig zu immer heftigeren Extremfolgen verstärken?
Die Organisationen, die bisher Langfristprognosen einigermaßen treffsicher auf beiden Seiten des Atlantik veröffentlichen, nämlich der amerikanische NOAA und das Europäische Zentrum für Mittelfristvorhersage EZMW, sehen in den Vorhersageläufen ihrer gekoppelten Modelle des Ozeans und der Atmosphäre, dass die Wahrscheinlichkeit für ein El‑Niño-Ereignis in der zweiten Hälfte dieses Jahres recht hoch ist.
Der überdurchschnittlich warme östliche und zentrale Pazifische Ozean zwischen 20 Grad nördlicher und 20 Grad südlicher Breite wird dann für viele der tropischen, aber auch außertropischen Gebiete besonders um den Jahreswechsel 2026/27 zu außergewöhnlichen Wetterereignissen führen.
Beide Vorhersagezentren können jedoch die Spannweite der einzelnen Mitglieder des Vorhersageensembles – das sind Modellläufe mit leicht veränderten Startfeldern – noch nicht so weit einengen, dass man in der Vorhersage von einem besonders starken El Niño sprechen kann.
Viele Medien werden dann wieder von der Überschreitung des 1,5-Grad-Ziels aus dem Paris-Abkommen reden, obwohl dazu in etwa ein Jahrzehntemittel genommen werden sollte. Ob es wirklich dazu kommt, ist erst Anfang des Jahres 2027 bei Mittelung über das Jahrzehnt 2017 bis 2026 zu entscheiden.
Wenn ein so großes Gebiet wie der tropische Pazifik von 180 Grad östlicher Länge bis 100 westlicher Breite bei einem El Niño um ein bis 1,5 Grad wärmer ist als im Durchschnitt, dann steigt die mittlere globale Temperatur der Luft in Erdbodennähe um wenige Zehntel Grad Celsius. Deswegen ist das Jahr 2025 mit einem La‑Niña-Ereignis trotz weiter steigendem Treibhauseffekt der Atmosphäre nicht wärmer gewesen als das Rekordjahr 2024.
Die zunehmende globale Erwärmung und die natürliche Variabilität wie El Niño oder La Niña werden in einigen Regionen zu neuen Wetterextremen führen, aber das ist nach gegenwärtigem Wissensstand nicht die Folge einer wechselseitigen Verstärkung.
Und was war Ihre Überraschung der Woche?
Am Freitag habe ich in der Zeitschrift Communications Earth & Environment den Vorabdruck eines Artikels von Da Nian und Kollegen entdeckt. Der Beitrag zeigt, dass bei starker Schwächung der Umwälzzirkulation des Atlantischen Ozeans – im Volksmund als Kollaps des Golfstroms bezeichnet – die mittlere globale Erwärmung um wenige Zehntel Grad erhöht würde, weil durch Ausgasung von 47 bis 83 Millionstel Volumenanteilen CO2 aus dem Südlichen Ozean der Treibhauseffekt der Atmosphäre zusätzlich verstärkt wird.
Dadurch wären auch die regionalen Temperaturänderungen sehr groß. Nördlich von 60 Grad nördlicher Breite gäbe es eine Abkühlung um etwa sieben Grad Celsius. In der anderen Polregion, der Antarktis, wäre dagegen eine starke Erwärmung um sechs Grad die Folge.
Da das verwendete Modell ein nur grob auflösendes ist, werden an diesen Zahlen bei Nutzung von Modellen mit höherer räumlicher Auflösung wohl noch Änderungen notwendig sein. Allerdings wurden zum ersten Mal die Kohlenstoffkreislauf-Änderungen beim Stopp der Umwälzzirkulation einbezogen.
Wie weit wir von einem Kollaps der Umwälzzirkulation entfernt sind, war nicht die Fragestellung der Untersuchung.
Fragen: Tine Heni, Jörg Staude

Aller Erfahrung nach - vermutlich weniger weit, als erhofft.