Der erste kräftige Regenschauer kommt pünktlich zur Mittagszeit. Eine tropfende Menschentraube drängt sich unter die vorstehende Gebäudekante an einem Supermarkt in Ximending, einem trubeligen Viertel in Taiwans Hauptstadt Taipeh.
Die für die Stadt typischen Laubengänge, die sich wie schmale Arkaden durch ganze Straßenzüge ziehen, bieten zwar Schutz. Doch sobald der Wind sich dreht, peitscht der Regen selbst dort waagerecht durch die Gänge.
Es ist Freitag, einige Stunden bevor der Supertaifun Bavi nördlich der Insel vorbeiziehen soll. Im kleinen Convenience-Store sind viele Regale bereits leergeräumt.
Für Samstag haben die Behörden landesweit einen sogenannten Taifun-Tag ausgerufen. Geschäfte, Behörden und Banken bleiben geschlossen. Schon Freitag öffnen viele Restaurants ihre Türen nicht mehr, Nahverkehrsmittel stehen still, Flüge fallen aus und Lieferservices pausieren.
Nur die Convenience-Stores bleiben geöffnet. Lebensmittelläden gehören zur kritischen Infrastruktur, erklärt eine Anwohnerin, die einen Wasserkanister und mehrere Tüten mit Fertigsuppen nach Hause trägt. Die Stores seien die letzten, die schließen, und das nur, wenn es nicht mehr anders geht.
Diesmal könne es ernst werden, warnen Taiwans Medien seit Tagen. Die Bevölkerung solle sich auf das Schlimmste vorbereiten. Selbst Taiwans Präsident William Lai führte in einem Facebook-Clip vor, welche Vorräte in einen Notfallrucksack gehören, mit dem sich ein Haushalt mindestens drei Tage lang selbst versorgen kann.
China evakuiert vorsorglich drei Millionen
Am Ende bleibt Taiwan jedoch das Schlimmste erspart. Bavi – mit einer Fläche so groß wie Frankreich und damit um ein Vielfaches größer als der Inselstaat – schwächt sich in den Tagen zuvor leicht ab.
"Vor allem hatten wir Glück, dass der Taifun weiter nördlich vorbeigezogen ist als wir befürchtet hatten", erklärt Huang Treng‑shi, Direktor des taiwanischen Wettervorhersagezentrums CWA.
Auch die Behörden reagieren schnell und vorausschauend. Rund 14.000 Menschen werden vorsorglich aus abgelegenen Bergdörfern evakuiert. In Taipeh bleibt die Lage weitestgehend ruhig. Die Convenience-Stores bleiben geöffnet und die Notfallbeutel geschlossen.
Zwar hat auch Taiwan etliche Verletzte zu beklagen, doch wesentlich schlimmer wütet der Taifun in anderen Regionen.
Zunächst trifft der Sturm die Nördlichen Marianen, rund 2.000 Kilometer östlich von Taiwan. Mit Windgeschwindigkeiten von fast 300 Kilometern in der Stunde richtet er dort nach Angaben der Behörden erhebliche Schäden an.
Mehrere Inseln der zu den USA gehörenden Inselgruppe sind zeitweise ohne Strom. Die Bürgermeisterin der Insel Rota, Aubry Hocog, erklärt gegenüber den Medien, etwa die Hälfte der Gebäude und der Infrastruktur sei beschädigt worden.
Wenige Tage später lösen die Ausläufer des Taifuns auf den Philippinen Starkregen und Erdrutsche aus. Mindestens 17 Menschen sterben.
In China trifft der bereits abgeschwächte aber immer noch kräftige Taifun schließlich auf Land. Während sich Bavi der Küste nähert, steigt die Zahl der Evakuierungen beinahe täglich. Zunächst ist von 600.000 Menschen die Rede, später von mehr als einer Million, schließlich berichtet die Nachrichtenagentur AP von fast drei Millionen Evakuierten.
"Der nächste große kommt bestimmt"
In Ximending bummeln dagegen bereits am Sonntagvormittag wieder die Ersten durch die Einkaufsstraßen, in typisch tropischer Regenmontur – kurze Hose, Sandaletten und Regenschirm. "Wir sind an Taifune gewöhnt", sagt ein Kellner am Abend unbeeindruckt. "Irgendwann wird auch uns wieder ein wirklich großer treffen, aber diesmal hatten wir Glück."
Der Taifun Morakot von 2009 gilt vielen als Referenzereignis für einen "schlimmen Taifun". Innerhalb weniger Tage fielen in einigen Regionen bis zu 2.800 Millimeter Regen – fast fünfmal so viel wie in Berlin durchschnittlich in einem ganzen Jahr. Der Sturm löste verheerende Überschwemmungen und gewaltige Erdrutsche aus. Rund 700 Menschen starben. Die meisten von ihnen, als ein ganzer Berghang das Dorf Xiaolin unter sich begrub.
In Taiwan ist das Ereignis als "88-Flut" bekannt, da Morakot am achten August, dem Vatertag in Taiwan, am heftigsten wütete.
Taiwan hat nicht zuletzt aufgrund dieser Erfahrung in den letzten Jahren enorm in Prävention investiert. Kaum ein anderes Land in Ostasien könne heute mithilfe hochauflösender Wettermodelle so präzise vorhersagen, welche Regionen besonders gefährdet sind, sagt Huang Treng‑shi. Evakuierungen würden deshalb oft schon eingeleitet, bevor die Lage kritisch wird.
Werden Taifune seltener?
Doch trotz aller Fortschritte bereitet eine entscheidende Frage auch Huang Kopfzerbrechen: Wie verändert der Klimawandel die Gefahr durch Taifune?
Die Rechnung scheint denkbar einfach. Wärmere Meere liefern mehr Energie für tropische Wirbelstürme, ergo mehr und stärkere Taifune.
So einfach macht es das Klimasystem der Wissenschaft aber wie so oft nicht.
Der nordwestliche Pazifik bietet günstigere Bedingungen für tropische Wirbelstürme als jede anderen Region der Welt. Mit seinen 7.600 Inseln, nach Osten offen zum gigantischen Pazifik, gibt es kein Land, das stärker unter Taifunen leidet als die Philippinen. Auch Taiwan, Japan, die südostchinesische Küste und weite Länder der Region werden Jahr für Jahr von Taifunen getroffen.
Das International Best Track Archive for Climate Stewardship (IBTracs) der US-Wetterbehörde NOAA ist die weltweit wichtigste Datenbank für tropische Wirbelstürme. Grob gerechnet kommt es im Westpazifik zu durchschnittlich 15 bis 20 Taifunen pro Jahr.
Mit Blick auf die vergangenen Dekaden zeigt sich zwar immer wieder ein Auf und Ab, aber kein klarer, langfristiger Trend. Wenn überhaupt, deutet vieles eher auf eine leicht rückläufige Zahl von Taifunen im westlichen Pazifik hin.
Die NOAA weist allerdings darauf hin, dass sich der Datensatz nicht ohne weiteres für Trendanalysen eigne. Während heute nahezu jeder tropische Wirbelsturm von Satelliten lückenlos beobachtet wird, waren Forschende früher auf Schiffsberichte, vereinzelte Wetterstationen oder Flugzeugaufklärung angewiesen. Die verschiedenen Datensätze, die sich alle gebündelt in der IBTracs-Datenbank finden, sind deshalb nicht ohne Weiteres zu vergleichen.
Die komplizierte Physik tropischer Wirbelstürme
Die Physik von Taifunen ist komplex. Ein Wirbelsturm benötigt deutlich mehr als warmes Meerwasser.
Die Atmosphäre muss labil genug sein, damit warme, feuchte Luft kräftig aufsteigen kann. Gleichzeitig darf die Windscherung – unterschiedlich starke oder unterschiedlich gerichtete Winde in verschiedenen Höhen – nicht zu groß sein. Sonst wird der entstehende Wirbel buchstäblich auseinandergerissen, bevor er sich organisieren kann.
Hinzu kommt: Ein Taifun entsteht nicht aus dem Nichts. Fast jeder beginnt als unscheinbare atmosphärische Störung, wie bei einem Gewitter mit leicht vermindertem Luftdruck. Erst wenn all das – und noch mehr – zusammenpasst, kann daraus ein ausgewachsener Taifun werden.
Der Klimawandel verändert aber nicht nur die Temperatur des Meerwassers, sondern auch die Atmosphäre. Klimamodelle deuten darauf hin, dass in den Tropen stabilere Atmosphärenschichtungen häufiger werden könnten.
Diskutiert wird außerdem, ob sich künftig weniger tropische Störungen bilden, aus denen Taifune sich überhaupt erst entwickeln. Wie all diese Zahnrädchen am Ende zusammenwirken, ist unheimlich schwer vorherzusagen.
Dennoch bestätigt die Forschungsliteratur zunehmend: Durch die Erderwärmung werden Taifune nicht häufiger und vielleicht sogar seltener.
Dass die Zahl der Taifune möglicherweise stagniert oder sogar leicht zurückgeht, bedeutet allerdings keineswegs, dass auch die Gefahr abnimmt. Im Gegenteil.
Seit einigen Jahren verdichten sich die Hinweise, dass besonders starke Taifune häufiger werden könnten. Auch Chefmeteorologe Huang betont: "Klimamodelle zeigen relativ deutlich, dass die besonders starken Taifune zunehmen." Allerdings ist der Nachweis deutlich schwieriger, als es zunächst erscheint.
Nicht die Zahl der Stürme entscheidet über Zerstörungen
Abgesehen von den uneinheitlichen Datensätzen sind starke und sehr starke Taifune selten, und entsprechend schwierig ist es, einen klaren Trend nachzuweisen.
Denn nicht nur der Klimawandel, sondern auch natürliche Schwankungen wie El Niño und La Niña beeinflussen das Taifungeschehen. Forscher:innen müssen also nach einem sehr leisen Signal in einem lauten Datensatz suchen.
Klarer wird das Bild beim Blick auf einzelne Regionen. "Seit 1998 hat sich die Anzahl der Supertaifune auf den Philippinen mehr als verdoppelt", sagt Rafaela Jane Delfino von der Universität der Philippinen in Quezon City. Im Schnitt sei ihre Zahl von knapp eineinhalb auf rund drei Supertaifune pro Jahr gestiegen.
Auch sogenannte Weihnachtstaifune, die ungewöhnlich spät im Jahr entstehen, seien häufiger zu beobachten. "Selbst wenn es insgesamt weniger Stürme gibt, setzen intensivere und atypische Taifune den Philippinen stärker zu", resümiert die Klimaforscherin.
Den medialen Fokus auf die Anzahl von Taifunen hält Taiwans Chefmeteorologe Huang Treng‑shi ohnehin für unglücklich. Selbst die Zahl der starken Taifune gebe noch keinen eindeutigen Aufschluss über die Gefahrenlage.
"Sehr starke Taifune sind in der Regel langlebiger", erläutert Huang. Bleiben sie länger bestehen, bergen sie eine enorme Zerstörungskraft über einen langen Zeitraum. Selbst in Jahren mit weniger Taifunen könne die gesamte freigesetzte Energie deshalb ähnlich hoch oder sogar höher sein als in besonders aktiven Saisons.
Zumal ein besonders starker und langlebiger Taifun selbst dafür verantwortlich sei, dass sich weitere Stürme zunächst schwerer entwickeln können.
Windgeschwindigkeiten können sprunghaft ansteigen
Aber auch die Stärke eines Taifunsystems, so Huang weiter, sei bei Weitem nicht allein ausschlagend dafür, wie viel Zerstörung es anrichte. Mindestens ebenso wichtig sei die genaue Zugbahn.
"Die Interaktion des Taifuns mit der Topografie von Taiwan macht uns eigentlich die meisten Sorgen. Vor allem Systeme, die sich im Südwesten festsetzen, richten enorme Zerstörungen an."
Ein mittelschwerer Taifun kann am falschen Ort also mehr Zerstörung bewirken als ein Supertaifun mit günstiger Zugbahn.
Eine Entwicklung beobachten Meteorolog:innen wie Huang und Delfino mit besonders großer Sorge. Taifune scheinen sich über der wärmeren Meeresoberfläche in immer kürzeren Zeiten enorm verstärken zu können. Dieses als rapide Intensivierung bezeichnete Phänomen beschreibt, wie die Windgeschwindigkeit von Stürmen sprunghaft ansteigen kann, besonders in Küstennähe.
"Wenn sich ein Taifun erst kurz vor dem landfall verstärkt, verkürzt das die Zeitspanne für Warnungen, Evakuierungen und Vorbereitungen erheblich", betont Delfino.
Im Vergleich zu Taiwan sind die Philippinen als eines der ärmsten Länder der Region deutlich schlechter gegen Extremereignisse gerüstet. Der Inselstaat mit seinen fast 900 bewohnten Inseln habe zwar ebenfalls große Fortschritte erzielt, sagt Delfino. Doch die Möglichkeiten seien regional sehr unterschiedlich.
Taifune seien eines der größten klimabedingten Risiken für die Philippinen, so die Wissenschaftlerin.
Die Folgen eines Taifuns hängen sehr von der Widerstandskraft ab
Was ein Taifun in einem Land wie diesem anrichten kann, lehrt die junge Vergangenheit.
Als der Supertaifun Haiyan im November 2013 auf die zentralen Philippinen traf, zerstörte er innerhalb weniger Stunden mehr als eine Million Häuser. Über 6.300 Menschen starben, Tausende wurden als vermisst gemeldet, Zehntausende verletzt.
2021 traf der Weihnachtstaifun Rai die Visayas, die mittlere der drei philippinischen Inselgruppen. Fast 400 Menschen kamen ums Leben. Im Herbst 2024 zogen innerhalb nur eines Monats gleich sechs tropische Wirbelstürme über Teile der Philippinen hinweg. Mehrere erreichten Taifunstärke, einer die Kategorie eines Supertaifuns. Der wirtschaftliche Schaden ging in die Milliarden.
"Unser Ziel ist es, mit besserer Infrastruktur, Kommunikation und Vorhersage Todesfälle und Zerstörung zu vermeiden", sagt Rafaela Delfino. Mehr könne man nicht tun. Aufhalten ließen sich Taifune nun mal nicht.
Das Schadenspotenzial von Taifunen werde mit dem Klimawandel steigen, das zeigten ihre Forschungen. Dabei seien die entsprechenden Prognosen noch sehr konservativ.
Die Berechnungen berücksichtigten lediglich die physikalische Zerstörungskraft der Stürme. Wie verheerend deren Folgen tatsächlich ausfallen, hänge ebenso davon ab, wie widerstandsfähig Gebäude, Infrastruktur und Gesellschaft seien.
Delfino: "Die tatsächlichen Folgen könnten deshalb noch deutlich gravierender sein."
Die Frage, ob der Klimawandel künftig drei, vier oder fünf Supertaifune pro Jahr hervorbringt, ist wissenschaftlich spannend. Für die Menschen entlang der Küsten des westlichen Pazifiks ist sie jedoch nicht die entscheidende.
Ob ein Sturm zur Katastrophe wird, hängt von vielen Puzzleteilen ab. Manche entscheiden sich über dem offenen Meer, andere dort, wo er auf Land trifft.
