Klimareporter°: Herr Fuchs, Deutschland hat einen Sommer mit vier Hitzewellen hinter sich. Wie außergewöhnlich war der Sommer 2026?
Tobias Fuchs: Die Kombination aus Hitze und Trockenheit hat ihn extrem außergewöhnlich gemacht. Bei der Durchschnittstemperatur über die drei Sommermonate liegt er ganz knapp hinter dem Sommer 2003 auf Platz zwei.
Hinzu kommt: Dauer und Intensität der Hitzewellen, besonders jener in der letzten Juniwoche und im Juli, waren außergewöhnlich. Beim Niederschlag allein lag dieser Sommer zwar "nur" unter den zwölf trockensten seit 1881. Doch es bestand hier eben schon seit März ein deutliches Defizit.
Nicht alle sehen es so dramatisch. AfD-Chef Tino Chrupalla hat den Sommer jüngst als "ganz normal" bezeichnet und vor "Panikmache" gewarnt. Was sagen die Messdaten?
Meines Wissens ist Herr Chrupalla nicht als meteorologischer Experte bekannt. Unsere Zahlen sind eindeutig: Der Sommer war nicht normal, sondern deutlich zu warm und deutlich zu trocken. Vor 30 oder 40 Jahren wäre ein solcher Sommer extrem ungewöhnlich gewesen.
Wenn wir in 30 Jahren zurückblicken, könnte es allerdings sein, dass wir ihn eher als normal betrachten. Aber das ist Zukunftsmusik. Heute lautet die Bewertung von Fachleuten ganz klar, wie gesagt: extrem außergewöhnlich.
2018 begann eine Serie sehr heißer und trockener Sommer, 2019, 2020 und 2022 folgten, nun 2026. Sehen wir nicht bereits das neue deutsche Sommerklima?
Nicht jeder Sommer wird so werden wie dieser. Entscheidend sind die Großwetterlagen. Auch 2025 war nach einem trockenen Frühjahr zunächst auf diesem Weg. Anfang Juli kamen jedoch kühlere und feuchtere Luftmassen. In diesem Jahr ist eine solche Umstellung ausgeblieben.
Hinzu kamen die durch das trockene Frühjahr ausgedörrten Böden. Wenn kaum noch Feuchtigkeit verdunstet, fehlt der sonst zumindest noch im Frühsommer dadurch ausgelöste kühlende Effekt.
Klima beurteilen wir über etwa 30 Jahre, und der langfristige Trend ist eindeutig. In der zweiten Jahrhunderthälfte könnte in Abhängigkeit von unseren Erfolgen beim Klimaschutz ein Sommer wie 2026 sogar als kühl gelten.
Hitzewellen gab es schon früher, argumentieren Klimaskeptiker. Wie eindeutig lässt sich der menschliche Einfluss heute nachweisen?
Wir haben auf deutscher und europäischer Ebene Fähigkeiten zur sogenannten Attribution entwickelt. Mit den wissenschaftlichen Attributionsverfahren untersuchen und bestimmen wir den Anteil des Klimawandels an beobachteten Extremwetterereignissen.
Das haben wir auch für die starke Hitzewelle vom 18. bis 28. Juni getan. Sie war hinsichtlich Dauer und Intensität ohne historisches Vorbild. Seit Beginn der regelmäßigen Wetteraufzeichnungen 1881 haben wir keine so starke Hitzewelle erlebt. Wir können auch ermitteln, wie sie ohne den menschengemachten Klimawandel ausgefallen wäre.
Tobias Fuchs
ist Meteorologe und leitet seit 2019 beim Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach den Geschäftsbereich Klima und Umwelt. Bei der Bundesbehörde arbeitet er seit über 30 Jahren. Zu seinen Schwerpunkten zählen Klimamonitoring, ‑vorhersagen und ‑projektionen, Klimaanpassung sowie die Weiterentwicklung von Klimadienstleistungen.
Mit welchem Ergebnis?
Ohne den Klimawandel wären die Höchsttemperaturen Ende Juni nach unserer Auswertung etwa drei Grad niedriger gewesen. Sie hätten ungefähr bei 38 oder 39 Grad gelegen – immer noch sehr hoch, aber nicht bei fast 42 Grad wie in diesem Sommer.
Wir sagen also nicht mehr nur: Das passt zum Klimawandel. Wir können den Einfluss inzwischen beziffern.
Die Hitze und Trockenheit waren regional unterschiedlich verteilt. Müssen künftig besonders der Süden und Südwesten mit solchen Extremen rechnen?
Bei der Temperatur ist das Muster klar: Im Süden und Südwesten gibt es besonders starke Ausschläge nach oben. Die stärkste Wärme tritt meist im Oberrheingraben und in südlichen Metropolregionen wie Rhein-Main auf.
Diesmal war es aber flächendeckend deutlich zu heiß. In der letzten Juliwoche haben wir an 95 Prozent unserer Stationen deutschlandweit neue Temperaturrekorde gemessen, auch im Norden und in der Mitte. Eine solche Hitzewelle über praktisch ganz Deutschland ist absolut außergewöhnlich.
Bei der Trockenheit ist das Muster anders. Die erwarten wir normalerweise eher im Nordosten. Diesmal waren aber auch Nordhessen, Franken und andere Teile Süddeutschlands ungewöhnlich stark betroffen.
Sollten Menschen aus dem Süden, denen die Hitze besonders zusetzt, nach Norddeutschland ziehen – oder gleich nach Schweden?
Es ist nicht Aufgabe des DWD, Umzugsempfehlungen zu geben. Grundsätzlich ist es während Hitzewellen im Norden meist etwas kühler als im Süden, ebenso in den Höhenlagen der Mittelgebirge. Aber in diesem Jahr konnte man der Hitzewelle innerhalb Deutschlands kaum entfliehen. Es war praktisch überall zu heiß.
Der Jahresniederschlag in Deutschland wird laut Klimaprojektionen insgesamt kaum zurückgehen. Können Sie beim Wasser Entwarnung geben?
Nein. Der Jahresniederschlag bleibt zwar ähnlich. Aber die Verschiebung zwischen den Jahreszeiten hat gravierende Folgen. Wir sehen eine Tendenz zu trockeneren Frühjahren und Sommern und zu mehr Niederschlag im Winter. Die Jahressumme allein sagt deshalb wenig.
Zudem steigt die Verdunstung. Wenn es wärmer wird und die Vegetation zusätzlich Wasser aus dem Boden zieht, geht mehr Feuchtigkeit verloren. Hier zählt mehr die klimatische Wasserbilanz, also die Differenz aus Niederschlag und Verdunstung, und die wird im Zuge der globalen Erwärmung auch in Deutschland zunehmend negativ.
Hinzu kommt: In den Alpen fällt mehr Niederschlag als Regen und weniger als Schnee. Damit fehlt ein Speicher, der im Frühjahr und Sommer Schmelzwasser in die Flüsse liefert. Sind dann auch die Winter trocken und schneearm, verschärft sich das Problem.
Treffen diese langfristigen Veränderungen auf eine längere regenarme Phase wie in diesem Jahr, können extreme Trockenheit und Dürre respektive Niedrigwasser entstehen.
Muss Deutschland sich also gleichzeitig auf zu viel und zu wenig Wasser einstellen?
Wir müssen damit rechnen, dass die Probleme zunehmen. Nicht jedes Jahr wird gleich sein und solche massiven Auswirkungen bringen wie 2026. Aber schon die Häufung trockener Jahre in den vergangenen zehn bis 15 Jahren weist in diese Richtung. Das hat Folgen für Landwirtschaft und Wälder, wobei sich Waldschäden teilweise erst ein oder zwei Jahre später zeigen. Auch das Waldbrandrisiko war deutlich zu spüren.
Niedrigwasser führt zu Problemen bei der Wasserverfügbarkeit und beim Gütertransport, wie wir am Rhein erlebt haben. Zugleich kann eine wärmere Atmosphäre mehr Wasserdampf aufnehmen und die Ozeane werden wärmer, wodurch Starkregen intensiver werden kann.
Die Folgen solcher Extreme lassen sich immerhin begrenzen. Welche Rolle kann hier der DWD spielen?
Unsere Wettervorhersagen für die nächsten drei Tage gehören zu den besten weltweit. Großräumige Veränderungen und Hitzewellen lassen sich sehr gut vorhersagen.
Schwieriger ist es bei kleinräumigem Starkregen. Wo genau er niedergeht, entscheidet sich mitunter erst wenige Stunden vorher. Dabei hilft unser hochauflösendes Wetterradarnetz.
Darüber hinaus erstellen wir Klimavorhersagen für die kommenden Monate und langfristige Klimaprojektionen. Ende Oktober wollen wir für die Umsetzung der deutschen Anpassungsstrategie einen neuen Datensatz mit regionalen Klimaprojektionen veröffentlichen. Er beruht auf den derzeit besten Klimamodellen, auch wenn Unsicherheiten bleiben. Behörden, Industrie und Forschung erhalten die Daten über unsere Plattformen sowie Beratung zu ihrer Interpretation.
Wenn heiße Sommer häufiger werden: Sollen wir uns künftig alle Klimaanlagen einbauen lassen?
Das ist keine Empfehlung, die der DWD geben kann. Aber wir können frühzeitig vor gesundheitlich belastender Hitze warnen. Als Konsequenz aus dem Sommer 2003 haben wir ein Hitzewarnsystem aufgebaut, das seit 2006 besteht. Bei entsprechenden Wetterlagen geben wir konkrete Hitzewarnungen für die nächsten zwei Tage und einen weiteren Ausblick für Tag drei bis fünf heraus.
Daran können sich die Menschen orientieren: Lüften, wenn es draußen kühler ist, Wohnungen verschatten und möglichst wenig Wärme hineinlassen. Besonders wichtig ist es, sich um ältere und pflegebedürftige Menschen sowie um Kinder zu kümmern. Regelmäßiges Trinken, Schatten und ein angepasster Tagesrhythmus helfen. Während der heißesten Mittagsstunden sollte man körperliche Aktivitäten im Freien vermeiden.
Auch Krankenhäuser und Pflegeheime können sich auf Basis unserer Hitzeinformationen vorbereiten. Nach einem solchen Sommer wie in 2026 sollte man sich überall fragen: Was können wir vor der nächsten Hitzewarnung besser machen?
Der Klimawandel wurde zuletzt von anderen Krisen überlagert. Nach den Bränden im Hürtgenwald hat Kanzler Friedrich Merz Bewusstsein dafür gezeigt, dann aber geschah wenig. Muss die Politik das Thema kontinuierlicher verfolgen?
Die Instrumente sind vorhanden: das Klimaschutzgesetz und das Klimaanpassungsgesetz des Bundes und vieler Bundesländer. Es fehlt aber an der Umsetzung. Das Thema Klima ist von anderen Fragen überlagert worden. Dieser Sommer hat es durch die extremen Temperaturen und Folgen wieder stärker ins Bewusstsein gerückt.
Es ist ganz klar: Der Klimawandel wird uns in den nächsten Jahrzehnten begleiten und beeinträchtigen. Jede Investition in Klimaschutz verringert den späteren Anpassungsbedarf und die Schäden durch Extremwetter. Zugleich werden wir die Emissionen nicht so schnell senken, dass Anpassung überflüssig würde. Deshalb müssen wir beim Klimaschutz vorankommen, die Anpassung verbessern und uns auf Extremwetter vorbereiten.
Herr Fuchs, der meteorologische Sommer ist vorbei. Haben wir damit auch die Hitze hinter uns – oder kann es im September noch einmal einen Ausreißer geben?
Aktuell ist keine länger andauernde Hitzewelle erkennbar. Wir müssen die Wetterentwicklung aber weiter beobachten. Und vor allem bedenken: Hitze ist nicht das einzige mögliche Wetterextrem.
Mitte August gab es im Zusammenhang mit schweren Gewittern auch Tornados. Solche Ereignisse können massive Schäden verursachen und auch im September auftreten. Ebenso sind Starkniederschläge und Sturzfluten möglich. Das kann bei entsprechenden Wetterlagen gefährlich werden. Zum Glück sieht es hier derzeit echt ruhig aus.

Man kann heute und in Zukunft keine Agrarflächen, die Nord- und Ostsee, die Gletscher vor Klimaekzesse schützen. Das Kühlen der Lebensräume von Menschen geht noch eine Weile. Aber ist das alles, was Klimaschutz meint?