Es ist ein Warnsignal: Die Welt ist offenbar näher als gedacht an einem "Punkt ohne Wiederkehr", bei dessen Überschreitung die globale Erwärmung nicht mehr gestoppt werden kann.
Eine neue Analyse renommierter Klima- und Umweltforscher:innen sieht deutliche Anzeichen dafür, dass die Erderwärmung nicht nur kontinuierlich zunimmt, sondern sich selbst beschleunigen könnte. Der Globus könnte dadurch in einen langfristig viel heißeren Zustand gebracht werden, der sich jenseits bisheriger Szenarien bewegt.
Konkret sehen die Forschenden eine wachsende Gefahr, dass mehrere Kipppunkte im Erdsystem früher als bisher angenommen erreicht werden und sich gegenseitig verstärken könnten. Diese dynamischen Wechselwirkungen drohten eine Entwicklung zum "Hothouse Earth" auszulösen, also zu einer Heißzeit, bei der die globale Erwärmung außer Kontrolle gerät – mit tiefgreifenden Folgen für Ökosysteme, Gesellschaften und Wirtschaft weltweit.
Im Mittelpunkt der Untersuchung aus dem Journal One Earth steht die Analyse neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse zu Klima-Rückkopplungsprozessen und zu 16 kritischen Schwellen im Erdsystem, darunter das arktische Meereis, die großen Eisschilde von Grönland und der Westantarktis, der Amazonas-Regenwald, Permafrostböden und das atlantische "Förderband" Amoc.
Hier gibt es bekanntermaßen Kipppunkte – Zustände, ab denen sie in ein neues, oft irreversibles Regime wechseln und anschließend die Erwärmung verstärken können.
Autoren sind neben anderen der Co-Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Johan Rockström, der Direktor des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien, Hans Joachim Schellnhuber und William Ripple von der Oregon State University in den USA.
Wechselwirkungen zwischen Kipp-Kandidaten
Die Wissenschaftler:innen betonen, dass solche Schwellen nicht isoliert wirken. Ein Überschreiten in einem Bereich könne das Risiko für weitere Kippelemente erhöhen, argumentieren sie. So könne etwa der Schmelzprozess großer Eisschilde durch Rückkopplungseffekte beschleunigt werden, was wiederum den Meeresspiegel ansteigen lässt, die Ozean-Zirkulation beeinflusst und regionale Klimamuster verändert.
Diese "Kaskadeneffekte" erhöhten das Risiko, das Erdsystem in einen neuen Wärmezustand zu lenken, in dem Temperaturen deutlich über den Zielen des Pariser Klimaabkommens von 2015 liegen. Darin wird eine maximale Erwärmung um 1,5 bis zwei Grad gegenüber vorindustrieller Zeit angepeilt.
Derzeit befindet sich die Welt auf einem Fast-Drei-Grad-Pfad. Für den Fall, dass alle von den Staaten angekündigte CO2-Einsparmaßnahmen eingehalten, werden, hält das UN-Umweltprogramm Unep ein Plus von "nur" 2,3 bis 2,5 Grad bis 2100 für möglich.
Warnungen vor einer "Heißzeit" haben Forscher:innen um Schellnhuber und Rockström erstmals 2018 geäußert. In der neuen Analyse wird nun betont, dass sich einige dieser Prozesse bereits heute beschleunigen: "Forschungen zeigen, dass mehrere Komponenten des Erdsystems näher an einer Destabilisierung sein könnten als früher angenommen."
Ein Kippen könne bereits in Grönland und der Westantarktis stattfinden, auch Permafrost, Berggletscher und der Amazonas-Regenwald seien offenbar stark gefährdet. Das genaue Risiko sei zwar ungewiss. Doch es sei "klar, dass die aktuellen Klimaschutzmaßnahmen unzureichend sind".
Tatsächlich war 2024 das wärmste Jahr seit Aufzeichnung, 2025 das drittwärmste, und das 1,5-Grad-Ziel scheint außer Reichweite zu kommen. Als Warnsignale gelten die jüngste Beschleunigung der Erwärmung, von etwa 0,18 Grad Celsius pro Jahrzehnt zwischen 1970 und 2010 auf etwa 0,26 Grad Celsius im letzten Jahrzehnt und die reduzierte CO2-Aufnahme in tropischen, gemäßigten und borealen Wäldern.
"Was sonst Jahrtausende dauert, geschieht jetzt in Jahrzehnten"
Das Team um Schellnhuber warnt nun davor, dass der "Point of no Return" – der Punkt, an dem sich Selbstbeschleunigungseffekte im Klima etablieren – näher sei als bislang angenommen. Bei einem Temperaturanstieg um drei bis vier Grad über vorindustrielle Werte, wie ihn einige Szenarien nicht ausschließen, könne eine "Hothouse Earth"-Dynamik einsetzen.
Diese Entwicklung würde das Klima dauerhaft aus den relativ stabilen Lebensbedingungen auf der Erde herauskatapultieren, die während der letzten 11.000 Jahre herrschten, also seit dem Ende der letzten Eiszeit.
US-Forscher William Ripple, der die Analyse leitete, sagte laut dem Guardian, das Amoc-Förderband (meist als Golfstrom-System bezeichnet) zeige bereits Anzeichen einer Schwächung, was das Risiko eines Absterbens des Amazonas-Regenwaldes erhöhen könnte. Dabei freigesetztes CO2 würde die globale Erwärmung weiter verstärken und mit anderen Rückkopplungsschleifen interagieren.
"Wir müssen schnell auf unsere rapide schwindenden Chancen reagieren, um gefährliche und unkontrollierbare Klimaergebnisse zu verhindern", mahnte Ripple. Die Erwärmung vollziehe sich, verglichen mit natürlichen Entwicklungen, in enormem Tempo: "Was normalerweise Tausende von Jahren dauert, geschieht jetzt in Jahrzehnten."
Mitautor Christopher Wolf von der US-Forschungsorganisation Terrestrial Ecosystems Research Associates (Tera) ergänzte: "Es ist wahrscheinlich, dass die globalen Temperaturen so warm oder sogar wärmer sind als zu irgendeinem Zeitpunkt in den letzten 125.000 Jahren und dass der Klimawandel schneller voranschreitet, als viele Wissenschaftler vorhergesagt haben."
Das Überschreiten einiger Schwellenwerte könne den Planeten auf eine "Treibhaus-Bahn" bringen. Wolf warnte: Die politischen Entscheidungsträger und die Öffentlichkeit seien sich der Risiken, die durch einen "Point of no Return" entstehen, weitgehend nicht bewusst.
Der britische Kippelementeforscher Tim Lenton, Professor für Erdsystemwissenschaften an der Universität Exeter, kommentierte die Studie laut Guardian so: "Wir wissen, dass wir mit der aktuellen Klimapolitik große Risiken eingehen, die möglicherweise zu einem für uns viel weniger bewohnbaren Klima führen können."
Große Risiken drohten aber auch schon unterhalb einer Schwelle zur "Treibhaus-Erde", so Lenton. Diese würden bereits eintreten, wenn wir die globale Erwärmung auf dem Drei-Grad-Pfad wie bisher fortsetzen.
In der Klimaforschung ist bekannt, dass rasante Erwärmungsphasen in geologischen Zeiträumen zwar bereits vorkamen. Gegenwärtig steigt die Erwärmung allerdings so schnell wie seit mindestens drei Millionen Jahren nicht mehr. Dies bedeutet, dass sich das Klima in einem Tempo verändert, für das es keine direkte historische Analogie gibt.
Kritisch dabei ist: Die Gefahren wirken nicht linear. Selbst wenn die Erderwärmung an einem bestimmten Punkt angehalten oder später wieder gesenkt würde, könnten einige Schwellen bereits überschritten sein, und das Erdsystem würde sich dann möglicherweise in einem neuen Zustand stabilisieren, aus dem ein Zurück zum früheren Klima nur schwer oder gar nicht möglich ist.
