Deutschlands Wälder haben ein weiteres schwieriges Jahr hinter sich. Gemäß der neuen Erhebung des Bundeslandwirtschaftsministeriums hat sich ihr Zustand 2025 zwar im Bundesdurchschnitt nicht weiter verschlechtert. Doch Entwarnung bedeutet das nicht.
Nur jeder fünfte Baum ist im Schnitt noch ohne sichtbare Kronenschäden. Die Blatt- und Nadelverluste liegen weiter auf einem sehr hohen Niveau. Damit zeigt sich: Der Wald hat sich bis heute nicht von den extremen Dürrejahren 2018 bis 2020 erholt.
Seit 1984 dokumentiert die jährliche Waldzustandserhebung – früher Waldschadensbericht –, wie es den Bäumen in Deutschland geht. Fachleute schauen dafür jedes Jahr vor allem in die Kronen: Wie dicht stehen Blätter oder Nadeln? Wie stark sind Verlichtungen? Wie viele Bäume sind neu abgestorben?
Die aktuelle Bilanz fällt zwiespältig aus. Das Ministerium spricht von einer Stabilisierung. Tatsächlich hat sich der Kronenzustand im bundesweiten Durchschnitt gegenüber 2024 kaum verändert, obwohl die Wetterbedingungen 2025 ungünstiger waren als im Vorjahr. Auch die Zahl neu abgestorbener Bäume ging zurück. Doch die Grunddiagnose bleibt ernst: Die sichtbaren Schäden sind weiterhin groß.
Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer wertet die Zahlen dennoch als positives Signal. Dass sich der Zustand der Wälder insgesamt stabilisiert habe, sei "auch ein Erfolg von langjährigem Waldumbau", bei dem die Waldbesitzer durch öffentliche Mittel unterstützt würden, sagte er bei der Vorstellung des Berichts am Dienstag in Berlin.
Der CSU-Politiker betonte dabei ausdrücklich die Bedeutung einer aktiven Waldbewirtschaftung: "Wald schützen heißt Wald nutzen." Produktive und artenreiche Mischwälder, nachhaltige Bewirtschaftung und gezielte Förderung sollten die Wälder fit für die Zukunft machen. "Unser Wald ist ein Stück Heimat", erklärte Rainer. Er sei auch wichtig für Arbeitsplätze, Handwerk und Wertschöpfung im ländlichen Raum, vom Sägewerk bis zum Schreinerbetrieb.
Nur noch eine von acht Kiefern ist gesund
Die Detailzahlen zeigen allerdings, wie unterschiedlich die wichtigsten Baumarten auf Stress, Trockenheit und Schädlinge reagieren. Bei der Fichte ist der Anteil mit deutlicher Kronenverlichtung leicht von 39 auf 38 Prozent gesunken. Der Anteil der Bäume ohne Kronenverlichtung stieg von 21 auf 25 Prozent, auch die mittlere Kronenverlichtung ging zurück.
Besonders auffällig ist der starke Rückgang der Absterberate. Allerdings weist das Ministerium darauf hin, dass in den Vorjahren teils flächenhaft wegen Trockenheit und Schädlingsbefall abgestorbene Altbäume bei der Erhebung in der Stichprobe durch jüngere Bäume ersetzt wurden. Die Verbesserung ist also nicht allein Ausdruck einer wirklichen Erholung alter Bestände.
Besonders kritisch ist die Entwicklung bei der Kiefer. Bei ihr stieg der Anteil mit deutlicher Kronenverlichtung von 24 auf 31 Prozent. Der Anteil gesunder Kiefern ohne Verlichtung sank von 20 auf nur noch 13 Prozent, die mittlere Kronenverlichtung nahm ebenfalls zu. Die Kiefer gilt als vergleichsweise trockenheitstolerant, stößt aber nach wiederholten Hitzesommern mit austrocknenden Böden zunehmend an Grenzen.
Bei der Buche sieht es etwas besser aus als im Vorjahr. Der Anteil mit deutlicher Kronenverlichtung sank von 46 auf 38 Prozent, der Anteil ohne Verlichtung stieg leicht auf 21 Prozent. Doch mehr als drei Viertel zeigen weiterhin deutliche Schäden oder mindestens Warnsignale. Lange als robuste heimische Baumart angesehen, hat die Buche in den vergangenen Dürrejahren vielerorts stark gelitten.
Die Eiche wiederum bleibt stark belastet. Bei ihr liegt der Anteil deutlicher Kronenverlichtung unverändert bei 51 Prozent. Jede zweite Eiche zeigt also massive Kronenschäden.
Tiefere Bodenschichten seit Jahren zu trocken
Die Zahlen passen zu den Ergebnissen der Dürreforschung, wonach die Böden in tieferen Bodenschichten derzeit praktisch bundesweit wesentlich trockener als normal sind. Die Bäume würden bereits seit 2018, dem Beginn der Serie von Trockenjahren, nicht gut mit Wasser versorgt, sagte Andreas Marx vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig jüngst im Klimareporter°-Interview.
Wälder können kurzfristige Trockenheit oft überstehen, doch wenn über Jahre hinweg die tiefen Bodenschichten zu trocken sind, geraten auch alte Bäume mit tiefen Wurzeln unter Druck. Marx zufolge sind seit 2018 etwa 800.000 Hektar Waldfläche durch Trockenheit und durch Folgeschäden wie Borkenkäfer-Befall verloren gegangen. Auch in diesem Jahr sei nicht auszuschließen, dass sich diese Entwicklung fortsetzt.
Da Wälder nicht nur Holzlieferanten und Erholungsräume sind, sondern auch ein zentraler Bestandteil des Klimasystems, ist die Entwicklung ebenso für die CO2-Bilanz und damit die Klimapolitik wichtig.
Bäume entziehen der Atmosphäre Kohlendioxid, nutzen daraus den Kohlenstoff für den Aufbau von Holz, Wurzeln, Ästen und Blättern und geben den Sauerstoff ab. Gespeichert wird der Kohlenstoff langfristig nicht nur in der Biomasse der Bäume, sondern auch im Totholz und im Waldboden.
Wälder sind deshalb wichtige Kohlenstoffsenken. Solange sie wachsen, binden sie Treibhausgase. Wenn sie großflächig geschädigt werden, absterben oder verbrennen, geht Speicherleistung verloren – und ein Teil des Kohlenstoffs gelangt wieder in die Atmosphäre.
Wald verliert Fähigkeit zur CO2-Aufnahme
Genau diese Funktion als "CO2-Senke" gerät unter Druck. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Fähigkeit der europäischen Wälder, Kohlenstoff aufzunehmen, in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen hat. Für die EU wurde für den Zeitraum 2020 bis 2022 eine um etwa 27 Prozent geringere durchschnittliche jährliche Kohlenstoffaufnahme der Wälder ermittelt als im Zeitraum 2010 bis 2014.
Die Brisanz zeigt auch der am Montag veröffentliche Bericht des deutschen Expertenrats für Klimafragen: Der Bereich "Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft", zu dem der Wald als wichtiger natürlicher CO2-Speicher gehört, wird danach die veranschlagten CO2-Senken-Ziele weit verfehlen und zeitweise sogar zur Treibhausgas-Quelle werden.
Als Gründe gelten neben verstärkter Holznutzung für Energie auch die Folgen der Erderhitzung: Hitze, Dürre, Schädlingsbefall, Stürme und Waldbrände. Damit entsteht ein gefährlicher Rückkopplungseffekt. Der Klimawandel schwächt die Wälder, und geschwächte Wälder können weniger zum Klimaschutz beitragen.
Der Bund verweist unterdessen auf seine Förderprogramme zum Waldumbau. Über die "Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz" fördern Bund und Länder den Erhalt, die Pflege und die Entwicklung klimaresilienter Mischwälder.
Für die Maßnahmen Waldumbau, Wiederaufforstung und Jungbestandspflege stehen in diesem Jahr nach Ministeriumsangaben bis zu 100 Millionen Euro an Bundesmitteln zur Verfügung. Hinzu kommt das Programm "Klimaangepasstes Waldmanagement", das zusätzliche Klimaschutz- und Biodiversitätsleistungen honorieren soll.
