LULUCF steht im Klimaschutz für Landnutzung, Landnutzungsänderungen und Forstwirtschaft. Hierzulande ist dieser Sektor inzwischen auf alarmierende Weise vom Kurs abgekommen. Statt wie im EU-Durchschnitt CO2 zu binden, setzt Deutschland sogar zusätzliche Treibhausgase frei. Mit netto 69 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent im Jahr 2023 liegt der deutsche Landnutzungssektor deutlich über dem gesetzlichen Zielpfad.
Die EU-Kommission stuft diese Entwicklung mit Blick auf die Anforderungen an das europäische Klimaschutzgesetz als "besorgniserregend" ein. Nicht zuletzt deshalb, weil die natürlichen Senken des LULUCF-Sektors seit dem Pariser Klimaabkommen als elementarer Pfeiler für die Kompensation von nicht vermeidbaren Restemissionen vorgesehen sind.
LULUCF umfasst Emissionen und Senken, die durch Nutzung und Veränderungen von Wäldern, Agrarflächen, Feuchtgebieten, Grünland, Siedlungen und Gewässern entstehen, einschließlich der Kohlenstoffspeicher in Holzprodukten. Dabei sollen eigentlich gesunde Ökosysteme und eine nachhaltige Biomassenutzung zur Klimagasbindung gefördert werden.
Nach Urteilen des Bundesverfassungsgerichts (2021), des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (2024) und des Internationalen Gerichtshofs (2025) ist der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen – Natur und Klima – als verpflichtend zu erachten.
In einer Phase wachsender Sorgen um die Verlässlichkeit deutscher Klimapolitik stärkt nun aber der Wissenschaftliche Beirat für Waldpolitik mit seiner neuesten Stellungnahme diesem Anliegen oberster Gerichte nicht den Rücken. Im Gegenteil: Das Beratungsgremium der Bundesregierung stellt die Methodik und sogar die grundsätzliche Berechtigung eines Klimaziels für die Landnutzung zur Disposition.
Seine Schlussfolgerungen ähneln dabei nicht nur auffällig denen eines Meinungsbeitrags zweier Wissenschaftler des Thünen-Instituts, sondern auch den kurzfristigen Interessen der Holzwirtschaft. Diese drängt auf eine noch intensivere Waldnutzung – und das angesichts jüngster Rekordschäden im Wald bei gleichzeitigem Rekordeinschlag.
Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, die vom Beirat angebotene Debatte kritisch aufzugreifen und zu hinterfragen.
Die Ziele abschaffen oder die Praxis ändern?
Das Grundprinzip jeder Klimapolitik lautet: Bei drohender Zielgefährdung müssen angemessene Maßnahmen zur Korrektur des Pfades getroffen werden. So sieht es auch das Bundes-Klimaschutzgesetz vor.
Doch gerade durch Akteure aus einem verunsicherten Forst- und Holzsektor wird dies zunehmend infrage gestellt und ins Gegenteil verkehrt: Wenn Klimaziele mit der bislang üblichen Praxis nicht erreichbar seien, müsse man die Ziele eben ändern oder gar abschaffen.
Würde sich eine solche Perspektive in der Politik durchsetzen, wäre das wohl der Anfang vom Ende jeglicher Klimaschutzarchitektur. Doch genau diesen Weg schlägt der Beirat für Waldpolitik irritierenderweise vor. Sein Papier wurde von Verbänden der Privatwaldlobby noch am Tag des Erscheinens bejubelt.
Der Beirat mahnt in seinem Gutachten methodische Differenzierung bei den Emissionsbilanzen an. Doch dieser Expertenruf dient nicht als Vorschlag zur Verbesserung, sondern vor allem als argumentative Rampe dafür, die LULUCF-Berichterstattung als "nicht sachgemäß" abzuwerten.
Für diesen Bocksprung zur politischen Schlussfolgerung nutzt der Wald-Beirat bei genauer Betrachtung nicht einmal die Ergebnisse seiner eigenen vertieften Analyse, sondern normative Setzungen, die er selbst vorher kritisiert hat. Da er außerdem neue praxistaugliche Lösungswege schuldig bleibt, fügt der Beirat einer wichtigen Debatte durch seine Stellungnahme enormen Schaden zu.
Neben Zielkonflikten gibt es auch Synergien
Das Gremium stellt in seinem Papier vor allem Zielkonflikte zwischen der ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Dimension heraus. Doch diese Logik gilt längst als überholt: Ob bei der Mobilität oder bei der Gebäudewärme, die Transformation jedes Wirtschaftssektors beinhaltet Wechselwirkungen und gegenseitige Abhängigkeiten – und diese bieten neben Zielkonflikten auch immer Ansatzpunkte für Synergien und Optimierung.
Wenn der Beirat also schreibt, dass die Klimaziele für den Landnutzungssektor wirtschaftliche Belange ignorierten, stellt das eine Wertung, aber keine sinnvolle Analyse dar. Es reproduziert lediglich die Binsenweisheit vom Zielkonflikt.
Sven Selbert
ist Referent für Waldnaturschutz und nachhaltige Waldnutzung beim Nabu. Er hat Biologie und Geografie studiert und war zuvor für verschiedene Nichtregierungsorganisationen und in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit zu Waldthemen tätig.
Um es noch klarer zu machen: Die aktuelle Waldkrise mit Vitalitätsverlust, Schädlingsbefall und Biodiversitätsrückgang ist sicher keine Folge von zu viel Klima- oder Naturschutz, sondern das Ergebnis eines überlieferten forstlichen Handelns, das ökologische Zusammenhänge offenbar weniger stark gewichtet als den Wunsch nach vielen Festmetern Nadelholz auch noch in einer unsicheren Zukunft.
Zunehmende klimabedingte Extremwetterlagen verschärfen jetzt nur die seit jeher bestehende wirtschaftliche Unsicherheit in dieser Wette.
Die Wissenschaft ist längst weiter und beschreibt neben Zielkonflikten viele Co-Benefits einer nachhaltigen Landnutzung. Naturnahe und vielfältige Wälder sind nachweislich nicht nur krisenfester, sondern auch produktiver als forstliche Monokulturen.
Moore und Auen dienen dem Landschaftswasserhaushalt und reduzieren die Risiken von Dürren und Hochwasser. Aufbauende Landwirtschaft und Agroforstsysteme reichern den Boden mit Kohlenstoff an und verbessern dabei die Bodenvitalität. Langfristig bleibt ökonomisch überlegen, was ökologisch tragfähig ist.
Solche Synergien zu ignorieren, ist analytisch schwach und politisch gefährlich, denn es verhindert Fortschritt, wo längst gemeinsame Lösungen greifen könnten. Ein objektives "Nicht-Können" liegt jedenfalls auch im Bereich der Landnutzung und Forstwirtschaft nicht vor.
Zahlreiche Klimastudien, etwa in dem vom Umweltbundesamt beauftragten Forschungsprojekt CARE, schlagen für den LULUCF-Bereich konkrete, praktikable, technisch und ökonomisch umsetzbare Maßnahmen vor.
Wer das Losgehen verweigert, kann Pfade nicht beschreiten
Irritierend ist auch das im Beirats-Papier transportierte binäre Verständnis von Klimazielen: entweder bis 2030 sicher voll erreichbar oder schon heute komplett gescheitert.
Dabei markieren die LULUCF-Ziele in einer realpolitischen Welt eher den Fluchtpunkt eines aktiven und dynamischen Pfades zur Emissionsminderung. Jeder Schritt auf diesem Weg bedeutet Veränderung des Status quo und macht weitere Veränderungen möglich. Wer dagegen schon das Loslaufen verweigert, kann neue Pfade nicht finden und sich einem Ziel auch nicht nähern.
Leonie Pilgram
ist Referentin für natürlichen Klimaschutz bei der Deutschen Umwelthilfe im Fachbereich Naturschutz und biologische Vielfalt. Sie hat internationale Umweltpolitik studiert und bei entwicklungspolitischen Organisationen gearbeitet.
Sicher ist schon heute: Der Landnutzungssektor lässt sich deutlich und effektiv dekarbonisieren, und zwar ohne radikale Systembrüche und ohne das viel beschworene Schreckgespenst flächendeckender Stilllegungen. Als ersten Schritt braucht es einen klugen Mix aus bekannten Maßnahmen, wie naturnahe Waldbewirtschaftung, Moor-Wiedervernässung, gezielte Förderung klimafreundlicher Landnutzung und Digitalisierung.
In Zahlen könnte ein realistischer Klimaschutzpfad mit Senkenpotenzial im LULUCF-Sektor so aussehen: Naturnahe Waldwirtschaft spart jährlich 15 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent, Moorwiedervernässung zehn Millionen Tonnen. Hinzu kommen dreimal fünf Millionen Tonnen Einsparung durch Wiederaufforstung, Nutzung von langlebigen Holzprodukten sowie von Torfersatz.
Ergänzt wird dies durch scheinbar weiche Aspekte wie eine umfassend verbesserte Digitalisierung von Beratung, Monitoring und Praxis sowie die Durchsetzung von neuen Marktstandards und Marktanreizen.
Wichtig ist dabei nicht, ob die Abschätzung von Potenzialen später genau eintrifft, sondern dass der Weg heute begonnen wird. Statt Ziele infrage zu stellen, müssen jetzt Ideen und Instrumente her, die helfen, diese gut bekannten Potenziale einzusammeln.
Wissenschaftlicher Rat mit Verantwortung ist gefragt
Das Papier des Wissenschaftlichen Beirats für Waldpolitik nennt sich "Orientierungshilfe", stiftet jedoch vor allem Verunsicherung und Zweifel. Es kritisiert die bestehende LULUCF-Bilanzierung als "nicht sachgerecht", ohne aber selbst stimmige oder praxisrelevante Alternativen anzubieten.
Methodische Unsicherheiten – vor allem bei möglichen Substitutionseffekten von Holzbaustoffen – nutzt der Beirat vorrangig, um grundsätzliche Zweifel an der LULUCF-Zielarchitektur zu streuen. Dazu dienen ihm auch weitgehend normative Setzungen, etwa die pauschale Forderung, Wälder aufzulichten – was sich faktisch in die Forderung übersetzt, die Senkenleistung lebender Wälder weiter zu reduzieren.
Statt tragfähige Ansätze für eine zukunftsfähige Landnutzung zu entwickeln und Klimaziele als Impuls für ökologische und ökonomische Transformation zu verstehen, legt der Waldpolitik-Beirat ein methodisch begrenztes Papier vor, das überkommene Konflikt-Narrative betont und die Klimabilanzierung des Sektors letztlich infrage stellt. Das ist nicht konstruktiv, sondern verantwortungslos.
Umso wichtiger ist es, dass nun andere wissenschaftliche Stimmen das entstandene Vakuum mit fundierten, lösungsorientierten Vorschlägen füllen und den Diskurs wieder weiterbringen.
Die jetzt erschienene Stellungnahme des neuen Wissenschaftlichen Beirats für Natürlichen Klimaschutz am Bundesumweltministerium zeigt, wie das gehen könnte. Die Vorschläge zur Verbesserung des Aktionsprogramms Natürlicher Klimaschutz können der aktuell vernebelten Debatte um natürlichen Klimaschutz und sinnvolle Optionen in der Landnutzung als Leuchtturm dienen.
