Heute in eine Transformation investieren, deren Vorteile ab 2050 sichtbar werden? (Bild: Circlephoto/​Shutterstock)

Ein grundlegender Kurswechsel in der globalen Wirtschafts- und Umweltpolitik könnte nicht nur Ökosysteme retten, sondern auch den weltweiten Wohlstand deutlich steigern. Das ist die Hauptbotschaft des neuen "Global Environment Outlook", GEO‑7, den das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, Unep, am Dienstag in Nairobi vorgestellt hat.

Die Untersuchung gilt als umfassendste wissenschaftliche Bestandsaufnahme des ökologischen Zustands unseres Planeten. 287 wissenschaftliche Fachleute aus 82 Ländern arbeiteten daran mit.

Der Tenor des Reports mit dem Untertitel "Eine Zukunft, für die wir uns entscheiden" ist überraschend optimistisch gehalten: Wenn Regierungen und Wirtschaft entschlossen in den Schutz von Klima und Natur investieren, würde dies nicht nur Millionen Menschenleben retten, sondern auch jährlich Tausende Milliarden zusätzlich erwirtschaften.

Bis zum Jahr 2070 könnte laut dem Bericht die globale Wirtschaftsleistung mindestens 20 Billionen US-Dollar pro Jahr höher liegen als bei Business as usual.

Der GEO‑Bericht erscheint seit 1997 in regelmäßigen Abständen von etwa fünf Jahren. Frühere Ausgaben warnten vor allem vor steigender Zerstörung der Umwelt in praktisch allen Weltregionen, doch der siebte Report betont daneben ausdrücklich auch die ökonomischen Chancen eines nachhaltigen Umbaus.

Positives Szenario mit weniger materiellem Verbrauch

GEO‑7 versucht, politischen Entscheidungsträgern ein positives Szenario aufzuzeigen. Eine Welt mit klimafreundlicher, sauberer Energie, stabilen Ökosystemen und gerechter Ressourcennutzung würde nicht einen niedrigeren Lebensstandard bedeuten, sondern im Gegenteil ein widerstandsfähigeres Wirtschaftssystem schaffen.

Insgesamt ist das ein Kontrapunkt zu den Vorstellungen, wie sie etwa von der neuen US-Regierung unter Präsident Donald Trump vertreten werden. 

Der Report präsentiert zwei unterschiedliche Transformationspfade: einen, der sich hauptsächlich auf technologische Entwicklung und Effizienzsteigerungen etwa in der Energienutzung und beim Ressourcenverbrauch stützt, und einen weiteren, der auch stärkere Verhaltensänderungen der Menschen mit weniger Fokus auf materiellen Konsum einbezieht.

Das Unep erwartet, dass globale makroökonomische Vorteile dieser Transformation ab etwa 2050 sichtbar werden, bis 2070 auf 20 Billionen US-Dollar jährlich ansteigen und danach bis auf 100 Billionen US-Dollar pro Jahr zunehmen könnten. Bis 2050 könnten so fast 200 Millionen Menschen aus Mangelernährung und über 100 Millionen aus extremer Armut befreit werden.

Damit einher gingen geringere Risiken durch den Klimawandel, ein verminderter Verlust der biologischen Vielfalt bereits bis 2030 und eine Zunahme renaturierter Flächen. Neun Millionen vorzeitige Todesfälle könnten bis 2050 vermieden werden – zum Beispiel durch weniger Luftverschmutzung, vor allem in Entwicklungsländern.

Wohlstandsmessung ohne BIP-Fixierung 

Die Kosten dafür sind durchaus hoch, wie man beim Unep einräumt. Um 2050 netto null Treibhausgasemissionen zu erreichen – was die Pariser Klimaziele in Reichweite hielte – sowie den Schutz und die Wiederherstellung der biologischen Vielfalt ausreichend zu finanzieren, wären bis dahin jährlich Investitionen von rund acht Billionen US-Dollar nötig, also 8.000 Milliarden.

Allerdings, so betonen die GEO‑7-Fachleute: Die Kosten des Nicht-Handelns wären deutlich höher.

Das Unep betont die Bedeutung einer alternativen Messung von Wohlstand. Entscheidend für den Erfolg des neuen Wirtschaftens sei es, von der ausschließlichen Orientierung am Bruttoinlandsprodukt (BIP) wegzukommen und Indikatoren einzuführen, die auch menschliches und natürliches "Kapital" erfassen.

Damit könnten die Volkswirtschaften zu Kreislaufwirtschaft, Dekarbonisierung, nachhaltiger Landwirtschaft und Ökosystem-Wiederherstellung angereizt werden. 

Der Bericht nennt fünf zentrale Bereiche, in denen tiefgreifende Veränderungen erforderlich sind:

  • Wirtschaft und Finanzen: Neue Wohlstandsmessung, Abbau umweltschädlicher Subventionen, Steuern und Anreize
  • Energie: rasche Dekarbonisierung, höhere Effizienz, gerechter Zugang zu sauberer Energie
  • Ernährungssysteme: nachhaltige Landwirtschaft, weniger Verschwendung, klimaangepasste Ernährung
  • Rohstoffe und Abfall: Kreislaufwirtschaft, Reparatur, transparente Lieferketten
  • Umwelt und Natur: Schutz und Wiederherstellung von Biodiversität und Ökosystemen, Klimaanpassung und Resilienz durch naturbasierte Lösungen, Umsetzung von Klimaschutzstrategien

Deutlich wird in dem Report allerdings auch, welche Schäden – und damit auch Kosten – ein Festhalten am "Weiter wie bisher" verursachen würde. So seien die Schäden der Umweltzerstörung bereits heute ein wichtiger ökonomischer Faktor.

Allein die weltweiten Gesundheitskosten durch verschmutzte Luft liegen danach bei jährlich rund acht Billionen US-Dollar (2019). Hinzu kommen materielle Verluste durch Extremwetterereignisse, die sich in den letzten zwei Jahrzehnten auf durchschnittlich 143 Milliarden Dollar pro Jahr beliefen.

"Eine einfache Wahl" 

Das UN-Programm warnt vor einer dramatischen Zuspitzung der Lage, falls nicht umgesteuert wird. Ohne Gegenmaßnahmen werde die globale mittlere Temperatur bereits in den frühen 2030er-Jahren die 1,5-Grad-Grenze dauerhaft überschreiten, in den 2040ern zwei Grad übersteigen und dann weiter ansteigen.

Dadurch drohe der Klimawandel bis 2050 bereits rund vier Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung zu vernichten, zum Ende des Jahrhunderts könnten es 20 Prozent sein.

Die Landdegradation werde dann voraussichtlich im bisherigen Tempo fortschreiten. Bereits heute seien drei Milliarden Menschen von degradierten Böden betroffen, die ihre Ernährungssicherheit gefährden, doch jedes Jahr gehe fruchtbares, produktives Land von der dreifachen Fläche Deutschlands verloren.

Zudem würden die rund acht Milliarden Tonnen Plastikabfälle, die den Planeten verschmutzen, weiter zunehmen – und damit die Gesundheitsschäden durch giftige Chemikalien in Kunststoffen, deren Folgen auf jährlich auf 1,5 Billionen US-Dollar geschätzt werden.

 

Unep-Direktorin Inger Andersen sagte zur Vorstellung des Reports, GEO‑7 lege der Menschheit eine einfache Wahl vor. "Entweder wir gehen weiter in Richtung einer Zukunft, die von Klimawandel, schwindender Natur, degradierten Böden und verschmutzter Luft verwüstet ist, oder wir ändern den Kurs und sichern einen gesunden Planeten, gesunde Menschen und gesunde Wirtschaften. Das ist eigentlich gar keine Wahl."

Mut mache, dass die Welt bereits enorme Fortschritte gemacht habe. Andersen nannte hier die globalen Abkommen zu Klima und Biodiversität bis hin zu tatsächlichen Veränderungen – etwa beim Boom der erneuerbaren Energien, beim weltweiten Ausbau von Schutzgebieten und beim Ausstieg aus giftigen Chemikalien.

Andersen: "Ich rufe alle Nationen auf, auf diesen Fortschritten aufzubauen, in die Gesundheit unseres Planeten zu investieren und ihre Volkswirtschaften auf eine florierende, nachhaltige Zukunft auszurichten."