Neben launischen Rolltreppen, schimpfenden US-Präsidenten und aufsehenerregenden Reden, etwa von Russlands Außenminister Lawrow und Israels Ministerpräsident Netanjahu, gingen die Worte des Klimaforschers Johan Rockström in der Öffentlichkeit weitestgehend unter.
Dabei hatte es die Rede des Direktors des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), der am Mittwoch vor die Vollversammlung der Vereinten Nationen trat, in sich. Er warf der Weltgemeinschaft vor, gescheitert zu sein.
In wenigen Jahren werde das 1,5-Grad-Limit voraussichtlich gerissen, und damit setze man die Menschheit den unkontrollierbaren Folgen der Klimakrise aus.
Es gebe zwar die Möglichkeit, zum Ende des Jahrhunderts wieder unter dieser Temperaturgrenze zu landen. Doch selbst eine "tiefe und rasche Senkung aller Treibhausgasemissionen" sowie eine "massive Ausweitung der CO2-Entnahme" würden nach seiner Einschätzung nicht genügen.
Wenn die Menschheit den kritischen Bereich der neun planetaren Grenzen nicht wieder verlasse, sagte er, werde "ein sicheres Klima unerreichbar sein".
Am selben Tag veröffentlichte Rockström gemeinsam mit Kolleg:innen vom PIK einen neuen Bericht zum Zustand des Erdsystems. 2023 hatten Forschende das letzte Mal umfassend den "Gesundheitszustand des Planeten" untersucht. Damals waren sechs der neun Grenzen überschritten.
Laut dem neuen "Planetary Health Check" ist mit der Ozeanversauerung eine weitere Grenze überschritten. "Mehr als drei Viertel der lebenswichtigen Erdsystem-Funktionen befinden sich nicht mehr im sicheren Bereich", mahnte Rockström. Die Menschheit erhöhe somit das Risiko, den Planeten zu destabilisieren.
Ozeanversauerung bedroht gesamte Nahrungskette
Seit Beginn der Industrialisierung habe die Versauerung der Ozeane um 30 bis 40 Prozent zugenommen, schreiben die Forscher:innen. Grund dafür ist der Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre, sprich das Verfeuern fossiler Brennstoffe, verstärkt durch Abholzung.
Das CO2 löst sich im Meerwasser und reagiert zu verschiedenen anorganischen Verbindungen. Dadurch verringert sich die Verfügbarkeit von Carbonat-Ionen. Diese sind jedoch essenziell für den Aufbau von Muschelschalen, Korallenriffen und Schneckenhäusern. Sinkt ihre Konzentration, nimmt zugleich die Löslichkeit von Kalk zu und bestehende Strukturen werden anfälliger und erodieren.
Schon heute geraten dadurch laut Studie Kaltwasserkorallen, tropische Riffe und arktische Ökosysteme zunehmend unter Druck. So habe der Rückgang von Meeresschnecken einen Einfluss auf die gesamte Nahrungskette und damit letzten Endes auch auf den Menschen.
"Die Entwicklung geht eindeutig in die falsche Richtung. Die Ozeane versauern, Sauerstoffwerte sinken, und marine Hitzewellen nehmen zu", sagte Levke Caesar, Co-Leiterin des Planetary Boundaries Science Lab am PIK und Leitautorin des Berichts. Damit wachse der Druck auf ein System, das für stabile Lebensbedingungen auf der Erde unverzichtbar sei.
Die sechs weiteren planetaren Grenzen im kritischen Zustand sind Klimawandel, Landnutzung, Süßwasserkreislauf, genetische Vielfalt/Integrität der Biosphäre, Phosphor- und Stickstoffkreislauf sowie der Eintrag neuartiger Substanzen.
Im grünen Bereich befinden sich nur die Luftverschmutzung durch Aerosole und der Ozonabbau in der Stratosphäre. Beides hatte sich in den letzten Jahren durch internationale politische Bestrebungen deutlich verringert – ein kleiner Erfolg.
"Scheitern ist kein zwangsläufiger Ausgang"
Das Konzept der neun planetaren Belastungsgrenzen wurde 2009 von einer 29-köpfigen internationalen Arbeitsgruppe um Johan Rockström entwickelt. Diese miteinander verknüpften Prozesse sollen die Funktionsweise des Erdsystems abbilden.
Anhand von Indikatoren für jede dieser Belastungsgrenzen, ähnlich den Vitalzeichen in einem Gesundheitscheck, soll die Lage des Planeten erfasst werden können. Für den Klimawandel ist das unter anderem die CO2-Konzentration. Für die Ozeanversauerung wird die Aragonit-Konzentration im Oberflächenwasser herangezogen.
Eine Modellstudie hatte bereits vor einigen Monaten ergeben, dass sich ohne ein starkes Umsteuern alle Belastungsgrenzen – bis auf Ozonabbau und Aerosolverschmutzung – bis zum Ende des Jahrhunderts weiter deutlich verschlechtern werden.
Ohne eine politische Kehrtwende überschreiten demnach bereits 2050 mehrere Prozesse die Schwelle zum Hochrisikobereich. Das heißt laut den Autor:innen – einige wiederum vom PIK –, dass dann nicht mehr nur das Risiko stark zunimmt, sondern "die Folgen bekanntermaßen schwerwiegend" sind.
Besonders kritisch sieht es derzeit beim Klimawandel, aber auch beim Stickstoffkreislauf und beim Verlust von Biodiversität aus.
"Der neue planetare Gesundheitscheck zeigt: Der Zustand unseres Planeten verschlechtert sich massiv", fasste Rockström die Ergebnisse zusammen. Aber ebenso wie vor den Staatenlenker:innen in New York betonte er, dass diese Entwicklung nicht unausweichlich sei.
"Scheitern ist kein zwangsläufiger Ausgang, es liegt an uns, es zu verhindern."
