Die immer drastischer werdenden Klimaveränderungen bestimmen seit Jahren die öffentliche Umweltdebatte: zunehmende Hitzewellen, Dürren, Waldbrände und Überschwemmungen. Auch politisch steht die Klimakrise im Zentrum – nicht zuletzt wegen der jährlichen UN-Klimagipfel.

Andere Belastungen des Erdsystems geraten dagegen leicht aus dem Blick: das Artensterben, der Verlust von Wäldern, der aus dem Takt geratene Wasserhaushalt, die Überdüngung von Böden und Meeren oder die wachsende Flut künstlicher Stoffe. Dabei hängen all diese Krisen eng zusammen.

 

Wie kritisch die Gesamtlage inzwischen ist, zeigt der neue "Planetary Health Check" des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Demnach hat die Menschheit sieben von neun planetaren Belastungsgrenzen überschritten – und bei allen sieben ist die Überschreitung so stark wie nie zuvor.

Neben dem Klimawandel liegen auch die Integrität der Biosphäre, die Veränderung der Landnutzung und des Süßwasserkreislaufs, die Stickstoff- und Phosphorkreisläufe, der Eintrag neuartiger Stoffe sowie die Versauerung der Ozeane außerhalb des sicheren Bereichs.

Innerhalb des sicheren Bereichs sieht das Forschungsteam derzeit nur die Ozonschicht und die globale Belastung der Atmosphäre mit Aerosolen wie Ruß, Schwefelpartikel oder Staub. Die Ozonschicht hat sich seit den internationalen Beschränkungen ozonschädigender Stoffe deutlich erholt. Auch die globale Aerosolbelastung ist zurückgegangen.

"Die Diagnose ist eindeutig: Der Druck auf alle planetaren Grenzen, die bereits außerhalb des sicheren Handlungsraums liegen, nimmt weiter zu", sagte Boris Sakschewski, PIK-Forscher und Leitautor. Damit steige das Risiko großräumiger, langfristiger und möglicherweise unumkehrbarer Veränderungen. Zugleich werde der Spielraum kleiner, wirksam gegenzusteuern.

An dem Bericht des Planetary Boundaries Science Lab arbeiteten mehr als 60 Forschende weltweit mit.

Miteinander verbundene Teile eines Systems

Die Grenzen sind allerdings keine exakt lokalisierbaren Klippen, an denen das Erdsystem von einem Tag auf den anderen abstürzt. Sie markieren vorsorglich gesetzte Schwellen am Rand eines sicheren Handlungsraums. Werden sie überschritten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass lebenswichtige Systeme ihre Widerstandsfähigkeit verlieren, Kipppunkte erreicht werden und Veränderungen sich selbst verstärken.

Auch bedeutet ein globaler Mittelwert nicht, dass die Belastung überall gleich ist. Das zeigt sich etwa bei den Aerosolen: Weltweit liegt die Belastung der Luft mit diesen Schwebteilchen laut dem Bericht im sicheren Bereich, regional gefährdet starke Luftverschmutzung aber weiterhin die Gesundheit von Menschen sowie Ökosysteme und verändert Niederschlagsmuster.

Neun Leitplanken für das Erdsystem

Das Konzept der planetaren Grenzen beschreibt neun Prozesse, die Stabilität und Widerstandsfähigkeit der Erde bestimmen. Im "Planetary Health Check 2026" liegen sieben außerhalb des sicheren Handlungsraums:

  • Klimawandel
  • Integrität der Biosphäre, also Artenvielfalt und Funktionsfähigkeit der Ökosysteme
  • Veränderung der Landnutzung
  • Veränderung des Süßwasserkreislaufs einschließlich Bodenfeuchte
  • Störung der Stickstoff- und Phosphor-Kreisläufe
  • Eintrag künstlicher Substanzen wie Plastik, Pestizide und Industriechemikalien
  • Ozeanversauerung

Innerhalb des sicheren Bereichs liegen derzeit nur zwei:

  • Entwicklung der stratosphärischen Ozonschicht
  • globale Aerosolbelastung der Atmosphäre

Die definierten Grenzen markieren einen wissenschaftlich bestimmten Vorsorgebereich: Je weiter die Menschheit ihn verlässt, desto größer wird das Risiko schwerer, dauerhafter Veränderungen.

Der Bericht verknüpft das Konzept der planetaren Grenzen mit jüngsten Extremereignissen. So seien 2025 zum Beispiel in Pakistan mehr als 6,9 Millionen Menschen von Monsunfluten betroffen gewesen, und der Wärmeinhalt der Ozeane habe einen neuen Höchststand erreicht.

Von Anfang 2023 bis September 2025 waren laut der Studie 84 Prozent der Korallenriffe Hitzestress ausgesetzt – das größte je beobachtete Ereignis dieser Art. In diesem Jahr wiederum habe Westeuropa den heißesten Juni und Juli seit Messbeginn erlebt, außerdem schwere Dürren und Waldbrände.

Damit zeigt sich: Die Erderwärmung erhöht die Wahrscheinlichkeit und Intensität vieler Wetterextreme. Wie verheerend sie werden, hängt aber auch vom Zustand der Ökosysteme, von Wasserknappheit, Landnutzung und Schutzmöglichkeiten ab. Das Grenzen-Konzept betrachtet Klima-, Natur- und Verschmutzungskrise deshalb als miteinander verkoppelte Teile eines Systems.

CO2-Senken werden zu CO2-Quellen

Besondere Sorge bereitet den Forschenden der Zustand der natürlichen CO2-Senken: Vegetation und Böden nehmen einen beträchtlichen Teil des vom Menschen freigesetzten Kohlendioxids auf, unter anderem durch erhöhte Photosynthese, und bremsen damit die Erwärmung.

Wiederholte Hitze, Dürren, Brände und geschädigte Ökosysteme können diese Aufnahme jedoch schwächen. In vielen Regionen werden bisherige Senken sogar zu CO2-Quellen.

Der neue Bericht untersucht deshalb, ob die Modelle, die den künftigen Klimapfaden zugrunde liegen, die Widerstandsfähigkeit der Landsenken überschätzen. "Unser Weg zu Netto-Null-Emissionen ist auf funktionierende Kohlenstoffsenken angewiesen", warnt Sakschewski. Aktuelle Beobachtungen zeigten, dass der Planet einen Teil seiner Pufferfähigkeit zu verlieren droht.

Bei zwei der planetaren Grenzen zeigt sich immerhin, dass eine Trendumkehr möglich ist. So erholt sich die Ozonschicht durch den schrittweisen Ausstieg aus ozonschädigenden Stoffen seit dem Montreal-Protokoll von 1987. Auch die globale Aerosolbelastung ist gesunken.

Allerdings gibt es hier einen Zielkonflikt. Manche Aerosole, wie zum Beispiel Schwefelverbindungen aus Abgasen von Kohlekraftwerken, haben eine kühlende Wirkung auf die Erde, da sie Sonnenlicht ins Weltall reflektieren. Werden sie aus gesundheitspolitischen Gründen vermindert, tritt ein Teil der verdeckten Erwärmung hervor – ein weiterer Grund, Treibhausgase schnell zu senken.

 

PIK-Direktor Johan Rockström betonte, Lösungen und Handlungsmöglichkeiten seien vorhanden. Es brauche aber nicht neun voneinander getrennte Programme, sondern Maßnahmen mit Mehrfachnutzen.

Dazu gehören der rasche Abschied von Kohle, Öl und Gas, der Schutz und die Wiederherstellung von Wäldern, Mooren und Meeren, eine Landwirtschaft mit nachhaltigem Dünger- und Pestizideinsatz, der schonendere Umgang mit Süßwasser sowie eine Kreislaufwirtschaft, die problematische Chemikalien und Plastikabfälle vermeidet.

Klimaschutz stabilisiert dann Ökosysteme. Intakte Ökosysteme wiederum speichern Kohlenstoff, Wasser und Nährstoffe.

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