Ein feuchtes Frühjahr lässt Felder grün werden und Flüsse anschwellen. Doch schon wenige Wochen später trocknet dieselbe Landschaft aus, weil starke Hitze die Feuchtigkeit in Rekordtempo aus dem Boden treibt. Solche abrupten Wechsel sind besonders gefährlich: Sie können Landwirtschaft, Infrastruktur und Katastrophenschutz zugleich überfordern.
Doch genau das ist die Tendenz, die der neue "Global Water Monitor Report" beschreibt. Der normale Wasserkreislauf aus Verdunstung und Niederschlägen gerät zunehmend aus dem Takt.
Der soeben erschienene Bericht zeigt, dass die fortschreitende Erderwärmung grundlegende Prozesse verändert: wie sich Wasser bewegt, wie es gespeichert und zwischen Atmosphäre, Landflächen und Ozeanen ausgetauscht wird. Während die Menge des Gesamtniederschlags zumindest regional zurückgeht, nehmen Extremniederschläge zu und Monate mit Niederschlagsrekorden häufen sich.
Hinter dem Bericht steht ein internationales Forschungskonsortium unter Leitung des niederländischen Hydrologen Albert van Dijk, der an der Australian National University in Canberra forscht. Maßgeblich beteiligt war auch die TU Wien.
Ausgewertet wurden dafür große Datensätze, die bis 1978 zurückreichen, sowie Messungen aus Tausenden Bodenstationen und Satellitenbeobachtungen. Es ging dem Forschungsteam darum, aktuelle globale Informationen zu Niederschlag, Temperatur, Luftfeuchte, Boden- und Grundwasser, Flüssen, Überschwemmungen und Wasserspeichern bereitzustellen und sie mit historischen Werten zu vergleichen.
Veränderungen im Wasserkreislauf bestimmen zunehmend, wann und wo Katastrophen auftreten
Die Bilanz für 2025 ist drastisch: Wasserbedingte Katastrophen töteten weltweit fast 5.000 Menschen, vertrieben rund acht Millionen und verursachten wirtschaftliche Schäden von mehr als 360 Milliarden US-Dollar.
Im Fokus stehen Überschwemmungen, tropische Wirbelstürme, Dürren und Waldbrände – oft miteinander verknüpft und mit Folgewirkungen in Wasser-, Nahrungsmittel- und Energiesystemen. "Veränderungen im Wasserkreislauf bestimmen zunehmend, wann und wo Katastrophen auftreten", sagte van Dijk.
Auch die Art der Extreme verändert sich. In dem Report wird das mit Kennzahlen unterlegt. Die maximalen Tagesniederschläge steigen demnach im Trend um 2,3 Prozent pro Jahrzehnt, während die Zahl der Hitzetage mit mehr als 35 Grad Celsius um 1,2 Prozent pro Jahrzehnt wächst. Gleichzeitig nimmt der Gesamtniederschlag über Land im globalen Mittel eher ab.
Das Problem sind also die stärkeren Ausschläge. Das passt zu den Voraussagen in den Berichten des Weltklimarats IPCC, wonach eine fortgesetzte Erderwärmung den globalen Wasserkreislauf weiter verstärkt, womit die Intensität und die Schwere von nassen und trockenen Extremen zunimmt.
Überschwemmungen führten 2025 laut dem Report weltweit zu Schäden. Die Wasserstände der Flüsse und die Ausdehnung der Oberflächengewässer lagen vielerorts über den langjährigen Durchschnittswerten, in Teilen Afrikas und Südamerikas wurden sogar Rekordwerte erreicht.
In Süd- und Südostasien führten Monsunregen und tropische Wirbelstürme zu großflächigen Überschwemmungen. Andere Regionen hingegen litten unter anhaltender oder rasch zunehmender Trockenheit, darunter Länder im Nahen Osten wie Iran sowie am Horn von Afrika wie Somalia.
Fluten, Dürren und Hitze trafen in kurzen Abständen dieselben Regionen und verstärkten ihre Wirkung gegenseitig
Besonders tückisch ist das, was die Forschenden als climate whiplash bezeichnen: ein klimatisches "Schleudertrauma" zwischen sehr nass und sehr trocken.
Spanien und Portugal wurden dafür 2025 zum Lehrbeispiel: Ein feuchtes Frühjahr begünstigte starkes Pflanzenwachstum, doch eine plötzliche, heftige Dürre ließ Böden und Vegetation rasch austrocknen – schwere Waldbrände waren die Folge.
"Im Jahr 2025 trafen Überschwemmungen, Dürren und hitzebedingte Gefahren oft innerhalb kurzer Zeiträume dieselben Regionen und verstärkten ihre Auswirkungen gegenseitig", kommentierte van Dijk.
Die Rede ist dabei nicht nur von "Dürre" im klassischen Sinn, die sich langsam aufbaut. "Blitzdürren", so der Bericht, entwickeln sich innerhalb von Tagen bis Wochen, wenn hohe Temperaturen, niedrige Luftfeuchtigkeit und fehlender Niederschlag Bodenfeuchte und Wasserspeicher rasch einbrechen lassen.
Zugleich treten Wassergefahren inzwischen auch dort auf, wo sie früher selten waren. Der Report nennt etwa einen Zyklon nahe dem Äquator in Indonesien und ungewöhnliche Gletschersee-Ausbrüche im Hindukusch-Himalaya-System. Steigende Temperaturen verschieben damit nicht nur Mittelwerte, sondern auch die Landkarte des Risikos.
Für diese globale Risiko-Kartierung in dem neuen Report lieferten Teams an vielen Standorten zentrale Bausteine. An der TU Wien analysierte eine Gruppe um Wouter Dorigo Satellitendaten, unter anderem aus dem europäischen Copernicus-Programm, und leitete daraus Informationen zu Bodenfeuchte, Grundwasser und Vegetation ab.
Dass die Veränderungen auch in Mitteleuropa nicht abstrakt bleiben, betonte Dorigo am Beispiel Österreich: "Gerade in Österreich schreitet die Klimaerwärmung überproportional schnell voran. Im Vergleich zum globalen Durchschnitt von rund 1,5 Grad ist die Durchschnittstemperatur hierzulande bereits um drei Grad gestiegen."
Die Folgen einer Katastrophe hängen davon ab, wie gut Gesellschaften vorbereitet sind
Die Erwärmung verschärft also die globale Wasserkrise, die durch eine ungleiche Versorgung geprägt ist. Nach UN-Zahlen hatten 2024 rund 2,1 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser und 3,4 Milliarden keinen zu einer sicheren Sanitärversorgung.
Klimabedingte Extreme treffen damit auf sehr unterschiedliche Ausgangslagen: Wo es gute Leitungsnetze und Speicher, Gesundheitsdienste und Frühwarnsysteme gibt, können Krisen eher abgefedert werden – wo nicht, geraten die Menschen schneller in Not.
Wasserknappheit ist häufig saisonal und betrifft längst nicht nur Trockengebiete. Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) verweist darauf, dass bereits heute 3,6 Milliarden Menschen mindestens einen Monat pro Jahr nicht ausreichend Wasser zur Verfügung haben; bis 2050 könnten es über fünf Milliarden werden.
Und selbst dort, wo es grundsätzlich genug Wasser gibt, wird es unberechenbarer: Laut dem WMO-Bericht "State of Global Water Resources 2024" hatte in dem betrachteten Zeitraum nur etwa ein Drittel der Flusseinzugsgebiete "normale" Bedingungen – der Rest war zu trocken oder zu nass.
Dass die Lage schon heute kritisch ist, hat auch mit Nutzung und Nachfrage zu tun. In vielen Ländern hängt Ernährungssicherheit direkt am Wasserhaushalt. Wenn Ernten durch Dürre ausfallen oder Sturzfluten Felder zerstören, schlägt das auf Preise durch, kann Migration und politische Instabilität auslösen.
Eine Ausweitung der Bewässerungslandwirtschaft, um das Risiko zu senken, ist nicht einfach möglich. Schon jetzt gehen rund 70 Prozent der weltweiten Süßwasser-Entnahmen aus Flüssen und Grundwasser in die Landwirtschaft.
Was ist zu tun? Der Global Water Monitor betont die Bedeutung der Vorsorge: bessere Frühwarnsysteme, Evakuierungspläne, eine robuste Wasser-Infrastruktur und vor allem die Fähigkeit, sich auf schnelle Übergänge zwischen nass und trocken vorzubereiten.
"Die Auswirkungen einer Katastrophe hängen entscheidend davon ab, wie gut Gesellschaften darauf vorbereitet sind", sagt van Dijk. "Im Jahr 2025 hat gute Vorbereitung viele Leben gerettet, doch es gab auch Versäumnisse – und ein sich verändernder Planet hält immer neue Überraschungen für uns bereit."
Die nächste Bewährungsprobe zeichnet sich bereits ab: Für 2026 deuten die hydrologischen Bedingungen laut dem Report auf ein erhöhtes Dürrerisiko in Teilen des Mittelmeerraums, am Horn von Afrika, in Brasilien und in Zentralasien hin, während die Überschwemmungsgefahr im Sahel, im südlichen Afrika, in Nordaustralien und in großen Teilen Asiens steigen könnte.
