Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Claudia Kemfert, Professorin für Energiewirtschaft und Chefin des Energie- und Umweltbereichs am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW.
Klimareporter°: Frau Kemfert, die Bundesregierung sieht die Energiewende nach wie vor an einem "Scheideweg" und will mehr "Technologieoffenheit". Tatsächlich aber geht der Ausbau der Erneuerbaren dynamisch voran.
Die Ausbauziele für Solar- und Windkraft bis 2030 sind alle noch in Reichweite, zeigt eine aktuelle DIW-Analyse. Sie sieht sogar gute Voraussetzungen, die Energiewende noch zu beschleunigen. Machen wir uns zu viele Sorgen?
Claudia Kemfert: Der Ausbau der Erneuerbaren zeigt eine beeindruckende Dynamik, viele der Ziele für 2030 sind absolut erreichbar. Sorgen machen vor allem politische Blockaden und Unsicherheiten, nicht die Technologien selbst.
Unsere aktuelle DIW-Analyse zeigt klar, dass mit stabilen Rahmenbedingungen sogar eine deutliche Beschleunigung möglich ist. Entscheidend ist jetzt, diese guten Voraussetzungen nicht wieder auszubremsen.
Kaum fordert die Bundesregierung von der EU-Kommission die Abschwächung des sogenannten Verbrennerverbots für Autoantriebe, kündigt diese ein Aufweichen der Regelung an. Unter anderem sollen Plug-in-Hybride, "hocheffiziente" fossile Motoren sowie synthetische und pflanzenbasierte Kraftstoffe weiter erlaubt sein.
Wirkt diese Debatte nicht ein wenig seltsam, wo doch niemand sagen kann, wie der Automarkt in zehn Jahren aussieht?
Ja, die Debatte wirkt bizarr – zumal die Bundesregierung selbst nicht erklären kann, was "hocheffiziente Verbrenner" überhaupt sein sollen.
Technisch ist klar: Der Verbrennungsmotor hat seine Effizienzgrenzen erreicht. Der Großteil der Energie geht als Wärme verloren, während E‑Antriebe um ein Vielfaches effizienter arbeiten.
Auch synthetische Kraftstoffe lösen dieses Grundproblem nicht, da sie extrem energieaufwendig sind und im Pkw-Sektor kaum verfügbar sein werden.
Ausnahmen zu konstruieren, schafft daher nur neue Unsicherheit statt Zukunftsklarheit.
Der Bundestag verabschiedete am Donnerstag ein Geothermie-Gesetz. Das bescheinigt der tiefen Erdwärme ein überragendes öffentliches Interesse und soll ihren Ausbau deutlich beschleunigen.
Zugleich gilt die Technologie als besonders aufwendig und auch risikobehaftet. Welche Rolle sollte die Geothermie im erneuerbaren Energiesystem haben?
Geothermie kann ein wichtiger Baustein für eine klimaneutrale Wärmeversorgung werden, vor allem als verlässliche Grundlastquelle für kommunale Wärmenetze. Die Technologie ist aufwendig, aber erprobt und bei guter geologischer Eignung sehr zuverlässig.
Mit klareren Genehmigungsregeln und Risikominimierung lässt sich ihr Ausbau deutlich beschleunigen. Richtig eingesetzt, ergänzt sie Wärmepumpen, Solarthermie und Abwärmenutzung ideal.
Ab Juni 2026 ist Energy Sharing in Deutschland möglich – ein politischer Durchbruch, den aber bürokratische Vorschriften, eine faktische Smart-Meter-Pflicht und gegenläufige Interessen der Netzbetreiber auszubremsen drohen. Ist Beteiligung der breiten Bevölkerung an der Energiewende noch politisch gewollt?
Die gesetzliche Regelung zum Energy Sharing ist ein großer Fortschritt, doch die Hürden bleiben noch immer viel zu hoch. Bürokratie, komplexe Vorgaben und Widerstände etablierter Akteure bremsen Bürgerenergie aus. Dabei sind Bürgerinnen und Bürger zentrale Treiber der Energiewende, ihr Engagement sollte aktiv erleichtert statt erschwert werden.
Politisch wird Beteiligung zwar betont, in der Praxis fehlt aber oft der Mut, Strukturen wirklich zu verändern. Ohne konsequenten Bürokratieabbau bleibt ein enormes Potenzial ungenutzt.
Und was war Ihre Überraschung der Woche?
Überraschend und besorgniserregend war für mich, wie schnell die EU zwei zentrale Zukunftsregeln einkassiert: Das Verbrenner-Aus wird unter deutschem Druck und massivem Lobbyeinfluss wieder geöffnet, obwohl "hocheffiziente Verbrenner" technisch ein Phantom sind.
Gleichzeitig wird das Waldschutzgesetz auf Wunsch derselben Interessengruppen verwässert, obwohl Wälder für Klimaresilienz unverzichtbar sind.
Beides zeigt ein klares Muster: Wenn Lobbyinteressen laut genug sind, geraten wissenschaftliche Fakten und langfristige Zukunftssicherung ins Hintertreffen.
Fragen: Jörg Staude

Also sollte es "hocheffiziente Explosionsheizungsmotoren" heißen.