Wenn das Thermometer in Deutschland auf 35 Grad steigt, beginnt man vielerorts zu improvisieren: Schulen verkürzen den Unterricht, Pflegeheime stellen Wasser bereit, Kommunen veröffentlichen Verhaltenstipps.

Andere europäische Länder behandeln Hitzewellen längst stärker als wiederkehrende Gesundheits- und Katastrophengefahr. Sie haben Warnsysteme, Einsatzpläne und feste Hilfen für besonders gefährdete Menschen aufgebaut. Deutschland kann daraus einiges lernen.

 

Das bekannteste Vorbild ist Frankreich. Nach dem Hitzesommer 2003 mit rund 15.000 zusätzlichen Todesfällen entstand der "Plan National Canicule", der landesweite Hitzewellen-Plan.

Das System ist inzwischen umfassend angelegt: Wetterwarnungen von Météo-France sind mit Gesundheitsüberwachung, kommunalen Krisenplänen sowie den Reaktionen von Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen verzahnt.

Gemeinden müssen Register führen, in die sich allein lebende ältere oder behinderte Menschen aufnehmen lassen können. Im Alarmfall werden sie gezielt kontaktiert, um zu klären, ob sie Hilfe benötigen.

Ein Gesundheits-Notfallplan regelt, wie Krankenhäuser und andere Einrichtungen bei außergewöhnlicher Hitze reagieren. Im vergangenen Monat aktivierte die Regierung dessen dritte Stufe und stellte zusätzlich 100 Millionen Euro für dringende Kühlmaßnahmen in Krankenhäusern bereit. Zudem gibt es eine kostenlose Hitze-Hotline.

Der französische Ansatz umfasst inzwischen auch Verkehr, Energie, Schulen, Landwirtschaft und Sport.

Klimazufluchtsorte und kostenlose Telefon-Hotlines 

Mittelmeerländer, traditionell hitzeerfahren, sind ebenfalls weiter. Spanien setzt besonders auf öffentliche Orte zur Abkühlung.

Barcelona zum Beispiel hat seit 2020 ein Netz sogenannter Klimazufluchtsorte aufgebaut. Aktuell umfasst es mehr als 500 Bibliotheken, Bürgerzentren, Museen, Schulen, Apotheken, Parks und andere Einrichtungen.

Ein Auto fährt auf einer Hauptstraße in einer südeuropäischen Stadt, ein öffentliches Thermometer zeigt 45 Grad Celsius.
Spanien hat Erfahrung mit Hitze, leistet ihr aber durch Wasser-Raubbau auch selbst Vorschub. (Bild: Kuki Ladrón de Guevara/​Shutterstock)

Nach Angaben der Stadt können fast alle Einwohner binnen zehn Minuten einen solchen Zufluchtsort erreichen. Dort gibt es Schatten oder gekühlte Räume, Sitzgelegenheiten und Trinkwasser.

Die Orte stehen grundsätzlich allen offen, auch wenn die tatsächliche Verfügbarkeit teilweise von Öffnungszeiten und Wochentagen abhängt. Barcelona verbindet das mit mehr Stadtgrün und der Umgestaltung besonders heißer Plätze.

Italien verfügt über ein engmaschiges gesundheitliches Warnsystem. Das Gesundheitsministerium veröffentlicht von Ende Mai bis September für 27 Städte täglich Prognosen für die kommenden 24, 48 und 72 Stunden. Die Warnstufen von null bis drei reichen von normalen Bedingungen über eine Vorwarnung bis zu einer mehrere Tage anhaltenden Hitzewelle mit hohem Gesundheitsrisiko.

Hinzu kam 2026 eine kostenlose Telefon-Hotline, die vor allem ältere Menschen, chronisch Kranke und Beschäftigte im Freien berät. Mehrere Regionen schränken bei extremer Hitze schwere körperliche Arbeit etwa auf Baustellen und in der Landwirtschaft in den heißesten Stunden ein.

Warnsysteme sind noch keine Prävention 

In Griechenland ist vor allem der Waldbrandschutz interessant. Das Land hat nach den verheerenden Feuern der vergangenen Jahre Löschtechnik und Früherkennung ausgebaut.

Seit diesem Jahr ergänzen vier eigens eingesetzte Kleinsatelliten das System. Ihre Wärmesensoren sollen kleine Brandherde erkennen. Künstliche Intelligenz filtert Fehlalarme und liefert den Einsatzleitungen rasch Lagebilder. Hinzu kommen Drohnen und weitere bodengestützte Überwachungssysteme.

Das verbessert die Früherkennung, beseitigt jedoch weder Defizite in der Prävention noch die durch Hitze und Trockenheit wachsende Brandgefahr. Auch 2025 war keineswegs eine schwache Saison: Es verbrannten fast 48.000 Hektar, die Zahl größerer Brände lag über dem Durchschnitt.

Auch Länder mit ähnlichem Klima wie Deutschland haben früher reagiert. Belgien hat seit 2005 einen nationalen Hitze- und Ozonplan. Er kombiniert Temperaturprognosen mit der erwarteten Ozonbelastung und unterscheidet zwischen Bereitschafts-, Warn- und Alarmphase.

Bei Aktivierung werden besonders gefährdete Gruppen, soziale Einrichtungen und Gesundheitsdienste informiert. In der Region Brüssel galt Ende Juni die Warnphase – und Anfang Juli erneut.

In den Niederlanden warnt ein nationaler Hitzeplan Pflegekräfte, Ärzte, andere Fachkräfte und pflegende Angehörige, wenn mehrere heiße Tage bevorstehen. Sie sollen besonders gefährdete Menschen frühzeitig schützen.

Darüber hinaus sollen Kommunen Hitzeschutz im Rahmen der nationalen Klimaanpassungsstrategie mit Gebäudeplanung, Begrünung und der Gestaltung öffentlicher Räume verbinden.

 

Die Beispiele zeigen: Einzelne Maßnahmen reichen nicht. Klimaanlagen können vor allem in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Schutzräumen lebensrettend sein, lösen das Problem aber nicht allein.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO betont, dass Hitzeschutz erst dann wirksam ist, wenn Wetterwarnungen, Gesundheitswesen, Pflege, Arbeitsschutz, Wohnungswesen und Stadtplanung tatsächlich ineinandergreifen.

Genau daran fehlt es in Deutschland häufig. Zwar existiert seit 2023 der "Hitzeschutzplan für Gesundheit" des Bundes, und zahlreiche Kommunen entwickeln eigene Konzepte. Vieles bleibt jedoch freiwillig, uneinheitlich und finanziell ungesichert.

Anzeige