Die EU ist noch immer stark von Energie aus dem Ausland abhängig. 2023 lag der Anteil der Energieimporte bei 58 Prozent. Europäische Fabriken, Heizungen, die Stromerzeugung und der Verkehr sind weiter stark auf die Einfuhr von Öl, Gas und Kohle angewiesen. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine hat die EU das Energiepaket "Repower EU" beschlossen, um unabhängiger von russischen Lieferungen zu werden. 

Wirklich viel hat sich dadurch aber nicht geändert. Besonders die USA liefern inzwischen deutlich mehr Gas und decken aktuell etwa 27 Prozent der europäischen Gasimporte ab. Bis 2030 könnte dieser Anteil sogar auf 40 Prozent steigen. Auch aus Russland fließt nach wie vor Gas in erheblichem Umfang in die EU. 

 

Einen Ausweg aus der Abhängigkeit von fossilen Importen hat kürzlich der Brüsseler Thinktank Strategic Perspectives vorgeschlagen: Die EU sollte die Elektrifizierung deutlich stärker vorantreiben. Bis 2040 könnte sie rund die Hälfte ihrer Wirtschaft elektrifizieren und so die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen um zwei Drittel verringern.

Durch geringere Brennstoffimporte und niedrigere Gesamtkosten des Energiesystems ließen sich jährlich 29 Milliarden Euro einsparen. Erdgas könnte die EU dann nur noch von Lieferanten wie Norwegen und Großbritannien beziehen. 

"Europa braucht keine neue Gasstrategie, sondern eine Elektrifizierungsstrategie", sagte Marin Gillot, Energieanalyst bei Strategic Perspectives. Würden Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge und die Elektrifizierung der Industrie konsequent vorangetrieben, sinke die Abhängigkeit von Gas.

Germanwatch fordert Öl- und Gasausstieg

In den vergangenen Jahren ist die Verknüpfung von Sicherheit mit Klima und Energie zunehmend als Problem erkannt worden. Auch auf der Münchner Sicherheitskonferenz, deren diesjähriges Treffen heute beginnt, wird längst nicht mehr nur über klassische Verteidigungsfragen debattiert. 

Neben Rüstung, strategischer Konkurrenz und technologischen Risiken wird die Klimakrise als globaler Sicherheitsfaktor diskutiert, der künftige geopolitische Stabilität und nationale Resilienz maßgeblich beeinflusst. In diesem Jahr rückt hier das Thema Erpressbarkeit durch Energieabhängigkeit ins Zentrum.

Roter Flüssigerdgastanker mit vier riesigen kugelförmigen Tanks.
Tanker für verflüssigtes Erdgas (LNG) in Rotterdam. (Bild: Kees Torn/​Wikimedia Commons)

Kurz vor dem Auftakt der Konferenz in München appellierte die Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch: "Klimapolitik ist Sicherheitspolitik". Die EU müsse die von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen beschworene Unabhängigkeit bei Energie und Rohstoffen schnell erreichen.

"Runter mit Öl und Gas, damit wir nicht weiter von Russland und den USA erpresst werden können", fordert Germanwatch-Politikvorstand Christoph Bals. Ebenso wichtig sei eine konsequente Kreislaufwirtschaft, um neue Abhängigkeiten von kritischen Rohstoffen zu vermeiden und die wirtschaftliche Resilienz Europas zu stärken. Die systematische Integration der Klimakrise in sicherheitspolitische Entscheidungsstrukturen – etwa im neuen Nationalen Sicherheitsrat – sei überfällig, so Bals.

Germanwatch weist darauf hin, dass die Klimakrise bereits heute als Risikomultiplikator wirkt. Extremwetter, das Überschreiten von Kipppunkten, der Verlust von Lebensgrundlagen, Konflikte um Wasser und Land sowie die Gefährdung kritischer Infrastruktur seien eng mit globalen Sicherheitsfragen verknüpft.

"Wer heute tatsächlich Sicherheit herstellen will, muss Energie-, Wirtschafts- und Klimasicherheit zusammen denken", sagte die Klimaexpertin der Organisation, Laura Schäfer. Zugleich betonte sie, dass nur ein schneller, sozial gerechter Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas in Verbindung mit wirksamer Anpassung dauerhafte Stabilität ermöglichen könne.

Grüne kritisieren Angriffe auf Energiewende in Deutschland

Nicht nur zivilgesellschaftliche Akteure, sondern auch staatliche Stellen sehen diese Verbindung. So betonte das Auswärtige Amt vor einem Jahr in einer interdisziplinären Risikoeinschätzung, dass die Klimakrise die Sicherheit in Deutschland und Europa bedrohe – und dass vernachlässigte Klimapolitik langfristig Wohlstand, innere Stabilität und globale Sicherheit aufs Spiel setze. Das Papier wurde noch unter der Grünen-Außenministerin Annalena Baerbock in Auftrag gegeben.

Doch auch ihr Nachfolger Johann Wadephul (CDU) hat erklärt, dass eine "Klimaaußenpolitik" eine konkrete Bedrohung für Sicherheit, Freiheit und Wohlstand adressiere. Er betonte, Extremwetterereignisse verschärften Ressourcenkonflikte und verstärkten Migrationsbewegungen, und sprach sich für eine konsequente Energiewende und Diversifizierung der Energieimporte aus, weil dies die Resilienz Deutschlands stärke.

Aber fährt die derzeitige Bundesregierung hier auch in der Praxis den richtigen Kurs? Von der Opposition kommen dazu kritische Töne. Grünen-Vizefraktionschefin Julia Verlinden kritisiert, dass die Merz-Koalition mit ihrem "Energiewende-Rollback" nicht nur Klima und Wirtschaft gefährde, sondern auch die nationale Sicherheit schwäche. Die weiterhin hohe Abhängigkeit von fossilen Importen mache Deutschland erpressbar.

"Die Bundesregierung muss ihre Angriffe auf Gebäudeenergiegesetz, erneuerbare Energien und Energieeffizienz unverzüglich einstellen, denn jede installierte Wärmepumpe, jedes sanierte Haus, jedes Elektroauto und jede Wind- und Solaranlage raubt Autokraten wie Putin und Trump ihr Erpressungspotenzial", sagte Verlinden am Donnerstag in Berlin.

Ihr Fraktionskollege Michael Kellner verwies auf die immer leerer werdenden Gasspeicher und kritisierte ein mangelndes Krisenmanagement der Regierung: Ohne klare Regeln zur Befüllung der Speicher oder eine strategische Reserve werde Deutschland anfällig für Energieengpässe, die auch sicherheitspolitische Dimensionen hätten. Über 90 Prozent der deutschen LNG-Importe kommen aus den USA.

 

Die ukrainische Umweltanwältin Svitlana Romanko wies vor der Münchner Sicherheitskonferenz darauf hin, dass Öl und Gas weiterhin Europas größte Schwachstelle seien, "und Russland arbeitet daran, diese Schwachstelle offen zu halten – auch in Deutschland". Putins Krieg gegen die Ukraine werde durch Einnahmen aus fossilen Geschäften finanziert, und weiterhin umfangreiche Energieimporte nach Europa hielten diese Schwachstelle offen.

Romanko, die Geschäftsführerin der Organisation "Razom We Stand" ist, fordert den Aufbau eines eigenen, sauberen Energiesystems, das Europas Sicherheitspolitik stütze und zugleich den Einfluss autokratischer Staaten reduziere.

Auf der Konferenz selbst sollen neben klassischen sicherheitspolitischen Themen auch Veranstaltungen zu Klima-Risiken stattfinden. So geht es bei einem Treffen der Robert-Bosch-Stiftung um Risiken wie den Meeresspiegelanstieg und seine geopolitischen Folgen. 

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