Schon wieder soll der Schutz der Wälder warten: Die Europäische Kommission hat vorgeschlagen, die Verordnung für entwaldungsfreie Lieferketten (EUDR) ein weiteres Mal zu verschieben. Anstatt Ende 2025 soll sie nun frühestens Ende 2026 greifen.
Offiziell verweist die Kommission auf technische Schwierigkeiten beim Aufbau des erforderlichen IT-Systems. Für Beobachter:innen sieht diese Begründung allerdings wie ein Vorwand aus – und die Geduld bei Umweltorganisationen und Teilen des Europäischen Parlaments ist nach der zweiten Verschiebung aufgebraucht.
Der Grünen-Abgeordnete Martin Häusling reagierte empört: "Die erneute Verschiebung der EUDR ist nicht akzeptabel. Dieses Gesetz ist ein zentrales Instrument, um die weltweite Entwaldung und damit eine der Hauptursachen für Artensterben, Klimakrise und Umweltzerstörung einzudämmen."
Sein Vorwurf: Die Kommission habe fehlende Standards und mangelnde Vorbereitung in eine technische Ausrede verpackt. "Nun macht es sich die Kommission bequem und schiebt das in vielen von Entwaldung betroffenen Ländern unbeliebte Thema weiter auf die lange Bank und kommt damit Forderungen der Holzindustrie nach", so Häusling.
Hindernis im Handels-Deal USA–EU
Auch andere EU-Abgeordnete zweifeln daran, dass die Verzögerung allein technische Gründe hat. Die SPD-Parlamentarierin Delara Burkhardt sieht vielmehr ein Einknicken vor Lobbyinteressen.
"Im Handelsdeal mit den USA wurde die EU-Entwaldungsverordnung ausdrücklich als Hindernis angesprochen", erklärte Burkhardt. Jetzt noch einmal nachzugeben, diene einzig den Interessen einer aggressiven Forstlobby. Unternehmen, die schon lange am Aufbau entwaldungsfreier Lieferketten arbeiten, bräuchten jetzt Rechtssicherheit und keine weitere Hängepartie, betonte Burkhardt.
Es gibt durchaus Unternehmen, die schon startklar sind. Manche großen Konzerne fordern sogar ausdrücklich, dass die Verordnung endlich in Kraft tritt. So schrieben Nestlé und Ferrero bereits im Sommer gemeinsam an die EU-Kommission, nur eine "zügige und ambitionierte Umsetzung" könne Rechtssicherheit schaffen.
Die beiden europäischen Unternehmen haben bereits in entwaldungsfreie Lieferketten investiert und warnen, dass wiederholte Verzögerungen jene Firmen bestrafen würden, die vorangehen.
Deutscher Bauernverband fordert Änderungen
Anders sieht man das bei Mondelez, dem früheren Kraft Foods. Der US-Konzern drängt auf eine Verlängerung und argumentiert, die Verordnung müsse "praktikabel" bleiben. Gemeint ist damit: mehr Zeit und weniger Druck bei der Umstellung komplexer globaler Lieferketten.
Unterstützung für diese Haltung kommt auch aus der Landwirtschaft. Der Deutsche Bauernverband begrüßt die Verschiebung ausdrücklich. Generalsekretärin Stefanie Sabet sprach von einer "notwendigen Entscheidung", damit Waldschutz nicht zum "bürokratischen Mühlstein" für die Land- und Forstwirte werde.
Der Bauernverband fordert, die Verordnung auch inhaltlich zu überarbeiten. Unter anderem müsse es eine eigene Risikokategorie für Länder ohne Entwaldung wie Deutschland geben, damit heimische Betriebe von überflüssigen Auflagen verschont blieben.
Scharf ablehnend fiel dagegen die Reaktion des WWF aus. Das Europabüro der Umweltorganisation sprach von einer "massiven Blamage" für die Kommission. "Nach mehr als zwei Jahren Vorbereitungszeit klingt die Begründung nach einer Ausrede in der Schule", sagte WWF-Waldexpertin Anke Schulmeister-Oldenhove.
Viele Unternehmen hätten längst Geld in Rückverfolgbarkeit und Kontrolle ihrer Lieferketten gesteckt. Testläufe etwa bei brasilianischem Rindfleisch oder Soja hätten gezeigt, dass die Umsetzung technisch machbar sei. "Wenn die Kommission jetzt erneut verschiebt, ist das nicht nur Inkompetenz, sondern auch ein Mangel an politischem Willen", so Schulmeister-Oldenhove.
Zeichen stehen auf Deregulierung
Die erneute Verzögerung fällt zudem in eine Zeit, in der die EU-Kommission ohnehin auf Deregulierung setzt und gleichzeitig ein Freihandelsabkommen mit Indonesien abschließt – einem Land, das die EUDR seit jeher kritisiert.
Für die EU-Abgeordnete Anna Cavazzini von den Grünen ist das kein Zufall: "Fast genau vor einem Jahr schlug die EU-Kommission die Verzögerung des Gesetzes für entwaldungsfreie Lieferketten um ein Jahr vor." Nun solle das IT-System schuld sein. Im Kontext der massiven Deregulierungswelle in der EU wirke dies "mehr als fragwürdig".
Die EU gehört weltweit zu den größten Importeuren von Rohstoffen wie Soja, Palmöl, Kakao, Kaffee, Rindfleisch oder Kautschuk – Agrargüter, die maßgeblich zur Abholzung von Regenwäldern beitragen.
Jedes Jahr verschwinden allein durch den europäischen Konsum etwa 200.000 Hektar Wald, eine Fläche fast so groß wie das Saarland. Damit gehen nicht nur einzigartige Ökosysteme verloren, die Rodungen setzen auch gewaltige Mengen Kohlendioxid frei. Laut WWF sind es rund 116 Millionen Tonnen CO2 jährlich, die ohne Abholzung im Wald gespeichert bleiben könnten.
Die 2022 beschlossene Verordnung sollte diesen Zusammenhang durchbrechen: Nur noch Produkte, die nachweislich entwaldungsfrei sind, sollen auf den EU-Markt gelangen. Damit würde Europa nicht nur seine Verantwortung als wichtiger Absatzmarkt wahrnehmen, sondern auch ein klares Signal an Exportländer senden, den Raubbau an Wäldern zu stoppen.
Ursprünglich sollten die Vorgaben der EU-Verordnung ab Ende 2024 gelten. Nach der ersten Verschiebung ist bisher vorgesehen, dass große Unternehmen die neuen Regeln ab 30. Dezember 2025 einhalten müssen. Für kleine und mittlere Firmen gilt eine verlängerte Frist bis 30. Juni 2026.
Sollte die EU nun die Anwendung um ein weiteres Jahr verschieben, müssten große Unternehmen erst ab Ende 2026 entwaldungsfreie Lieferketten nachweisen, kleinere ab Mitte 2027. Ob es tatsächlich dazu kommt, ist allerdings nicht sicher – die erneute Verschiebung muss vom Europäischen Parlament und den Mitgliedsstaaten beschlossen werden.
Ergänzung am 13. Dezember: Die EU-Gremien haben sich darauf geeinigt, das Wirksamwerden der Entwaldungsverordnung zu verschieben und die Regeln deutlich zu verwässern.
