Die Europäische Union will 2050 klimaneutral sein und ihren CO2-Ausstoß bis 2040 bereits um 90 Prozent gegenüber dem Basisjahr 1990 senken. Eine neue Analyse zeigt nun, dass dieses Ziel teilweise nur auf dem Papier erreicht wird und daher in den 2040er Jahren enorm hohe Anstrengungen nötig wären, um die "Netto-Null" bei den Emissionen noch pünktlich zu erreichen.
Kritisiert wird auch, dass der von der EU eingeschlagene Weg unnötig teuer sei.
Konkret hat die EU sich im letzten Jahr darauf verständigt, dass bis zu fünf Prozent der Emissionsminderung bis zum Jahr 2040 durch den Kauf internationaler CO2-Zertifikate erfüllt werden können. Zugrunde gelegt ist dabei der Stand der Emissionen von 1990.
Diese Zertifikate ermöglichen es EU-Staaten, sich Emissionsreduktionen aus Klimaschutz-Projekten etwa im globalen Süden in der eigenen Bilanz anzurechnen. Grundlage dafür ist Artikel 6 des Pariser Klimaabkommens, der solche Verrechnungen erlaubt. Mindestens 85 Prozent der Emissionsminderung müssen weiterhin innerhalb der EU erfolgen.
Ein neuer Policy Brief des Thinktanks New Climate Institute im Auftrag des NGO-Bündnisses Klima-Allianz Deutschland warnt nun vor erheblichen Risiken dieses Ansatzes. Laut dem Überblickspapier dürfte die Möglichkeit, Emissionsrechte im Ausland zu kaufen, dazu führen, dass innerhalb Europas weniger CO2 eingespart wird.
Dadurch sinke der Druck, Emissionen innerhalb der EU zu reduzieren. Maßnahmen könnten verschoben werden – mit der Folge, dass nach 2040 deutlich schneller und teurer nachgesteuert werden müsse, um das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen.
Negative Erfahrungen aus früheren Projekten
Für Deutschland könnte das konkrete Folgen haben. Ohne den Einsatz internationaler Zertifikate würden die Emissionen nach Berechnungen in dem Papier bis zum Jahr 2040 auf etwa 150 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent sinken. Werden Zertifikate eingesetzt, könnten die tatsächlichen Emissionen dagegen bei über 200 Millionen Tonnen liegen – bis zu 42 Prozent höher.
"Wenn Deutschland und die EU die geplante Menge an internationalen CO2-Zertifikaten zukaufen, lässt ihnen dies erheblichen Spielraum, mehr Emissionen auszustoßen", sagte Juliette de Grandpré vom New Climate Institute, Autorin des Papiers.
Auch finanziell droht der Ankauf von Zertifikaten teuer zu werden. Laut der Analyse könnten die Kosten für solche Emissionsrechte künftig so stark steigen, dass sie den Bundeshaushalt erheblich belasten. Im Extremfall könnten bis zu 37 Milliarden Euro jährlich fällig werden – eine Summe in der Größenordnung des deutschen Klima- und Transformationsfonds (KTF), aus dem unter anderem Heizungstausch, Gebäudesanierung und E‑Ladeinfrastruktur finanziert werden.
Christiane Averbeck von der Klima-Allianz Deutschland fordert deshalb ein Umdenken: "Die europäischen und deutschen Klimaziele müssen durch eigene CO2-Einsparungen erreicht werden statt durch Ankäufe aus dem Ausland." Internationale Zertifikate seien nur begrenzt verfügbar und wahrscheinlich teuer. Stattdessen müsse frühzeitig in klimafreundliche Industrie, nachhaltige Mobilität und energieeffiziente Gebäude investiert werden.
Kritik gibt es zudem an der bisherigen Praxis des internationalen CO2-Marktes. Erfahrungen aus früheren Projekten zeigen laut Studie, dass viele Zertifikate keine zusätzlichen Emissionsminderungen gebracht hätten. Teilweise seien Projekte unzureichend kontrolliert worden.
Auch Entwicklungsorganisationen warnen vor möglichen Nebenwirkungen. Anika Schroeder von der Entwicklungsorganisation Misereor, einem Mitglied der Klima-Allianz, weist darauf hin, dass der Handel mit CO2-Zertifikaten im globalen Süden Fehlanreize schaffen könne.
Länder könnten ihre eigenen Klimaziele bewusst niedrig ansetzen, um mehr Zertifikate verkaufen zu können, so Schroeder. Bei manchen Projekten seien zudem Konflikte um Landrechte oder sogar Vertreibungen von lokalen Gemeinschaften dokumentiert worden.
