Neue Smartphones, Fernsehgeräte, Waschmaschinen und vernetzte Haushaltsgeräte standen auch in diesem Jahr wieder im Mittelpunkt der Berliner Elektronikmesse IFA. Mehr als 1.900 Marken präsentierten dort bis zum vergangenen Dienstag ihre Neuheiten.

Doch gerade bei einer Messe, die traditionell von Neuheiten lebt, stellt sich zunehmend auch die Frage: Was passiert eigentlich mit all den alten Geräten? Gibt es Alternativen zum Elektroschrott?

 

Darin steckt nämlich ein gewaltiger Schatz. Kritische Rohstoffe im Wert von mehr als 65 Milliarden Euro sind laut einer Analyse der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) und die Umweltorganisation Cradle to Cradle (C2C NGO) in Europas Haushalts- und Unterhaltungselektronik verbaut.

Ein erheblicher Teil davon geht verloren, wenn Geräte ausrangiert, schlecht recycelt oder jahrelang ungenutzt in Schubladen und Kellern gelagert werden.

Allein in den nicht mehr genutzten Handys stecken der Untersuchung zufolge rund 50.000 Tonnen kritische Rohstoffe mit einem geschätzten Materialwert von 3,5 Milliarden Euro. Bei Waschmaschinen könnten sogar rund 70 Prozent des Bedarfs an kritischen Rohstoffen für die Produktion neuer Geräte theoretisch aus Altgeräten gedeckt werden, heißt es darin. 

Die Autoren sehen hier nicht nur ein ökologisches, sondern zunehmend ein wirtschafts- und geopolitisches Problem. Viele für Elektronik, Energiewende und Digitalisierung benötigte Rohstoffe werden bislang überwiegend außerhalb Europas gewonnen und verarbeitet.

Die EU versucht bereits, ihre Abhängigkeit zu verringern. Ihr Critical Raw Materials Act setzt für 2030 unter anderem das Ziel, mindestens 25 Prozent des jährlichen Bedarfs an strategischen Rohstoffen durch Recycling innerhalb der EU abzudecken.

Europa recycelt viel und verschwendet noch mehr

"Zirkularität ist schon lange keine reine Nachhaltigkeitsagenda mehr", sagte BCG-Mitautor Alexander Meyer zum Felde. Das Kreislauf-Konzept werde zu einer strategischen Chance für Unternehmen und zugleich zu einer "geostrategischen Notwendigkeit" für Europa.

Der Handlungsbedarf ist groß. Europa gehört weltweit zu den Regionen mit dem höchsten Elektroschrott-Aufkommen. Laut dem "Global E‑Waste Monitor" der UN fielen 2022 pro Kopf 17,6 Kilogramm Elektro- und Elektronikabfälle an.

Zwei Arbeiter eines Recyclingzentrums in Bukarest laden Eisschränke von einem Lkw ab.
Beim Kauf eines neuen Kühlschranks wird der alte abgeholt und recycelt. So muss es mit allen Produkten sein. (Bild: Arthur Mustafa/​Creatikon Studio/​Shutterstock)

Zwar war die dokumentierte Recyclingquote in Europa mit 43 Prozent höher als in allen anderen Weltregionen. Doch damit wurde immer noch weniger als die Hälfte des anfallenden Elektroschrotts nachweislich gesammelt und recycelt. Weltweit waren es sogar nur 22 Prozent. 

BCG und Cradle to Cradle setzen mit ihren Überlegungen deshalb deutlich früher an als beim klassischen Recycling. Produkte müssten bereits so entworfen werden, dass Bauteile ausgetauscht, Geräte repariert und Materialien am Ende möglichst sortenrein zurückgewonnen werden können.

Das ist auch der Grundgedanke von "Cradle to Cradle", übersetzt etwa "Von der Wiege zur Wiege": Rohstoffe sollen nach dem Ende eines Produktlebens nicht zu Abfall werden, sondern möglichst ohne Qualitätsverlust wieder in einen neuen Kreislauf gelangen.

Bei Waschmaschinen könnte ein solches zirkuläres Materialdesign laut BCG und Co den Bedarf an neu gewonnenen Primärrohstoffen um 40 bis 50 Prozent senken. Pro Maschine würden dadurch ein bis zwei Kilogramm kritische Rohstoffe weniger benötigt.

Neue Geschäftsmodelle 

Interessant für die Hersteller könnten zudem neue Geschäftsmodelle sein. Bei sogenannten Product-as-a-Service-Modellen kaufen Verbraucher eine Waschmaschine beispielsweise nicht mehr, sondern bezahlen für ihre Nutzung. Das Gerät bleibt Eigentum des Anbieters, der damit ein eigenes Interesse daran hat, dass es möglichst lange funktioniert, repariert und anschließend wiederaufbereitet wird.

Die BCG-Studie errechnet für solche Modelle bei ausgewählten Produkten Gewinnmargen, die mehr als 15 Prozentpunkte über denen eines einmaligen Verkaufs liegen können.

Auch bei Smartphones wächst das Geschäft mit längerer Nutzung. Rund 18 Prozent der in Europa genutzten Smartphones werden laut BCG und Cradle to Cradle bereits gebraucht gekauft. Der europäische Markt für professionell wiederaufbereitete Geräte – sogenanntes Refurbishment – hat danach einen Jahresumsatz von etwa sechs Milliarden Euro und könnte bis 2028 auf rund acht Milliarden wachsen.

 

Unterstützung bekommt diese Entwicklung inzwischen durch die EU-Gesetzgebung. Seit gut einem Monat müssen die Mitgliedsstaaten die neuen europäischen Regeln zum "Recht auf Reparatur" anwenden. Verbraucher können bei Produktgruppen, für die nach EU-Recht entsprechende Anforderungen gelten, darunter Waschmaschinen und Smartphones, eine Reparatur vom Hersteller verlangen.

Ersatzteile müssen zu einem angemessenen Preis verfügbar sein. Entscheidet sich ein Kunde während der gesetzlichen Gewährleistungszeit für eine Reparatur statt für Ersatz, verlängert sich die Haftungsfrist um mindestens zwölf Monate.

Für Nora Griefahn von Cradle to Cradle NGO ist damit ein entscheidender Punkt erreicht. Kreislaufwirtschaft könne zugleich Rohstoffkosten reduzieren, verwundbare Lieferketten stabilisieren und neue Märkte in Europa schaffen. "Jetzt ist das Zeitfenster", sagte sie, "Cradle-to-Cradle-Design vom Pilotvorhaben zum Branchenstandard weiterzuentwickeln."

Anzeige