Die Europäer sollten weniger Fleisch essen, und die Landwirtschaft sollte künftig stärker für ihre klimaschädlichen Emissionen zahlen. Das empfiehlt der Wissenschaftliche Klimabeirat der EU der Politik in Brüssel. In einem neuen Bericht hält das Gremium weitreichende Änderungen im Agrar- und Ernährungssystem für nötig, damit der Sektor seinen Beitrag zum Erreichen der europäischen Klimaziele leiten kann. Der Umbau müsse allerdings sozial abgefedert werden.
Der EU-Klimabeirat ist ein unabhängiges Expertengremium, das auf Grundlage des europäischen Klimagesetzes eingerichtet wurde und die EU-Institutionen wissenschaftlich berät. Vorsitzender ist der deutsche Klimaökonom Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Die zentrale Botschaft der Analyse: Ohne deutlich stärkere Maßnahmen im Agrar- und Ernährungssystem sind die europäischen Klimaziele kaum erreichbar.
Der Hintergrund: Die Lebensmittelproduktion gehört zu den großen Emissionsquellen. Landwirtschaft, Verarbeitung, Transport und Konsum von Nahrungsmitteln verursachen zusammen rund ein Drittel der gesamten EU-Treibhausgasemissionen. Besonders stark ins Gewicht fallen Methanemissionen aus der Tierhaltung sowie Lachgas aus Düngemitteln. Gleichzeitig ist der Sektor selbst stark von der Klimakrise betroffen – etwa durch Dürren, Überschwemmungen oder neue Schädlingsprobleme.
Die Experten schlagen deshalb eine Reihe von Reformen vor. Eine zentrale Idee ist eine Bepreisung der Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft nach dem Verursacherprinzip. Einnahmen aus einem solchen System könnten teilweise an Landwirte zurückfließen, etwa für Investitionen in klimafreundliche Produktion, für Bodenschutz oder für Maßnahmen zur Speicherung von Kohlenstoff in Böden und Wäldern. Zugleich empfehlen die Wissenschaftler, klimaschädliche Subventionen im Rahmen der EU-Agrarpolitik abzubauen und die Hilfen stärker auf Umwelt- und Klimaleistungen auszurichten.
Finanzieller Ausgleich für Bauern und Niedrigverdiener
Neben der Produktion nehmen die Fachleute auch den Konsum in den Blick. Eine klimafreundlichere Ernährung könne erheblich zur Emissionsminderung beitragen, heißt es in dem Bericht. Dazu gehöre vor allem eine geringere Nachfrage nach rotem Fleisch und Milchprodukten sowie ein stärker pflanzenbasierter Speiseplan. Tierische Lebensmittel verursachen deutlich höhere Emissionen als pflanzliche, vor allem wegen des großen Flächenbedarfs für Futtermittel.
Studien untermauern diese Einschätzung. Eine PIK-Studie im Fachjournal Nature Food kam zu dem Ergebnis, dass der Abbau steuerlicher Vorteile für Fleischprodukte in der EU die ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen deutlich reduzieren könnte. Demnach ließen sich so rund 30 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent pro Jahr einsparen – etwa fünf Prozent der Emissionen des europäischen Ernährungssystems.
Der Klimabeirat betont allerdings, dass der vorgeschlagene Umbau sozial abgefedert werden müsse. Landwirte bräuchten finanzielle Unterstützung, Beratung und Investitionsprogramme, um auf nachhaltigere Produktionsweisen umstellen zu können. Gleichzeitig müsse die Politik sicherstellen, dass Klimaschutzmaßnahmen nicht zu höheren Lebensmittelpreisen für einkommensschwache Haushalte führen.
Politisch dürfte die Umsetzung schwierig werden. Die Agrarpolitik gehört zu den sensibelsten Politikfeldern der EU, und Vorschläge wie Emissionsabgaben oder Änderungen der Ernährung stoßen regelmäßig auf heftigen Widerstand von Bauernverbänden. Doch aus Sicht der Wissenschaftler wächst der Handlungsdruck: Ohne grundlegende Veränderungen im Agrar- und Ernährungssystem würden die europäischen Klimaziele deutlich teurer oder gar unerreichbar.
Beirats-Chef Edenhofer betonte, die Landwirtschaft habe beim Klimaschutz durchaus Fortschritte gemacht, Umfang und Tempo der CO2-Reduktion reichten jedoch nicht aus. "Der Sektor wird in den kommenden Jahren Maßnahmen ergreifen müssen: um zur Klimaneutralität beizutragen und um dabei die Existenzgrundlagen der Landwirtinnen und Landwirte zu schützen, ländliche Gemeinden zu stärken und die Nahrungsmittelversorgung Europas angesichts des fortschreitenden Klimawandels zu sichern", sagte er.
Die kommenden Reformen der europäischen Agrarpolitik und die Diskussion über neue EU‑Klimaziele für die Zeit nach 2030 könnten daher entscheidend werden. Nach Ansicht des EU-Klimabeirats bietet sich hier eine seltene Gelegenheit, das Ernährungssystem zugleich klimafreundlicher, resilienter und langfristig wirtschaftlich tragfähig zu machen.

Das sind wahrlich keine neuen Erkenntnisse.
Die offene Frage ist doch: warum werden diese Erkenntnisse nicht in Taten umgesetzt?
Infos aus dem dt.Aerzteblatt: "Die eisenhaltigen Hämproteine, denen das rote Fleisch seine Farbe verdankt, können Darmzellen durch die Bildung von Sauerstoffradikalen schädigen. Ein Angriff auf die DNA könnte die Entstehung von Darmkrebs plausibel erklären, an dem laut epidemiologischen Studien Menschen mit einem hohen Verzehr von rotem Fleisch häufiger erkranken. Eine Studie in Cell Death & Diseases (2020; DOI: 10.1038/s41419-020-02950-8) hat jetzt die möglichen pathophysiologischen Zusammenhänge ermittelt."